Wie die BLÄTTER an den Baum kamen - Eine kleine Schöpfungsgeschichte
Helmut Richter
Der Gründer der LEIPZIGER BLÄTTER erzählt von den Anfangsjahren
Der erste Tag
»Seien Sie getrost«, sagte ein General Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg zu Leipziger Bürgern, die gegen die unmäßigen Kontributionen Beschwerde führten, »und wenn der König das Pflaster von Leipzig ausreißen und sein Berlin damit pflastern würde, so würde er doch den Segen von Leipzig nicht nehmen, welcher alle diese Erpressungen in kurzem vergessen machen wird.« Nun, natürlich hofft jeder, daß die Kuh, die er demnächst erneut melken will, noch lange nicht trockensteht, aber es drückte sich in jenen schlichten preußischen Gedankengängen auch ein derart großes Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Stadt aus, wie man es zweihundertzwanzig Jahre später, um 1980, nicht mehr aufbringen konnte. Leipzig blutete aus. In der Ständigen Kommission Kultur beim Rat der Stadt redeten wir uns die Köpfe heiß, welche der vielen kostbaren, aber auch »kostenden« Beinamen (Messestadt, Universitätsstadt, Buchstadt, Musikstadt, Kongreßstadt, Stadt der Arbeiterbewegung, Stadt des Sports und Bezirksstadt) endlich gestrichen werden sollten, um der auszehrenden Überforderung Herr zu werden. War sie noch eine Musikstadt? Kurt Masur meinte, ja, denn er hatte gerade das neue Gewandhaus durchgesetzt. War Leipzig noch Buchstadt? Das war schon eine schwierigere Frage. Zweihundert Jahre zuvor war die mainstädtische Konkurrenz glatt überflügelt worden, und man war anderthalb Jahrhunderte lang die »Buchhandlung Europas« gewesen. Aber dann war in Bombennächten das berühmte Verlagsviertel in Schutt und Asche gesunken, alteingesessene Verlage waren in die westlichen Besatzungszonen Deutschlands gezogen, und trotz angestrengter Aufbauleistungen mußte man sich fragen, wo man nun, fünfunddreißig Jahre nach dem Kriege, stand. Im Wettstreit mit Frankfurt am Main hatte sich das Blatt längst wieder gewendet, aber man mußte sich inzwischen auch vor dem Vergleich mit Warschau und Moskau fürchten.
Helmut Rötzsch, der Generaldirektor der Deutschen Bücherei, meinte sarkastisch, daß man sich Titel an den Hut stecken könne, wenn die materielle Basis nicht stimme, und der Leiter der Offizin Andersen Nexö, Siegfried Hempel, konstatierte erbittert, daß Leipzig nur noch vom alten Glanze zehre; in manchen Debatten ging sogar der Verdacht um, daß zentrale Stellen genau das gewollt hatten. Immerhin waren die neuen Großverlage der DDR alle nicht in der Buchstadt angesiedelt worden, sondern in Berlin und Halle. Und es war zu vermuten, daß neue, hochproduktive Druckereien, wie die in Pößneck, auch noch die Lexika-Produktion aus Leipzig abziehen würden. Dann werde womöglich auch der Fremdsprachensatz verschwinden und die Kunst der Handbinderei vielleicht auch. (»Seltene Handwerke« hieß später eine stehende Rubrik der frühen BLÄTTER-Hefte.)
Vor der Stadtverordnetenversammlung redete ich davon, daß Leipzig groß geworden sei durch konsequenten Egoismus. Natürlich hatte man die gewinnbringenden Privilegien, wie etwa das Stapelrecht, zumeist doppelt und dreifach bezahlt, beim Landesherrn und beim Kaiser, aber dann hatte man sich auch gekümmert, daß sie respektiert wurden. So war von den Ratsbütteln ein Kupfertransport aus Ungarn beschlagnahmt worden, weil er nicht »die rechte Straße«, das hieß, nicht die über Leipzig genommen hatte. Und sie beschlagnahmten ihn, rief ich pathetisch, obwohl er den Fuggern gehörte, schier allmächtigen mittelalterlichen Multis! (Das Stapelrecht besagte, daß alle den Geltungsbereich passierenden Waren in Leipzig abgeladen und während einer bestimmten Frist, der Stapelzeit, zum Verkauf ausgestellt werden mußten. Erst dann durfte man sie weiterbringen.)
Jetzt allerdings hatte die Stadt nicht einmal mehr genügend Arbeitskräfte, um ihre Dächer-dicht-Kampagne durchführen zu können. Handwerker pendelten in die Tagebaue und Brikettfabriken des Umlands, weil dort nach Bergbautarifen bezahlt wurde, und andere wurden nach Ost-Berlin abgezogen, um der Hauptstadt der DDR zu weltstädtischem Flair zu verhelfen. In elf entscheidenden Jahren (1976-1987) hat der Bezirk Leipzig 502 Millionen Mark in Berlin verbaut. Eine Riesensumme für damalige Verhältnisse! Auf dem Höhepunkt des Berliner Jubiläumsrummels (750-Jahr-Feier) sind Woche für Woche achthundertzehn Bauarbeiter montags nach Berlin gefahren und donnerstags wieder zurück. Leipzig hätte seine marode Kongreßhalle ratzbatz saniert gehabt und das Buch-Messehaus am Markt auch und dies und das noch. Leipzig lebte also psychologisch gegen seine wichtigste Tradition! Und ich berief mich in meinem lokalpatriotischen Eifer sogar auf den Soll-und-Haben-Dichter Gustav Freytag, dem ich ansonsten nicht sonderlich zuneigte: »Sie [die Stadt] ist nicht die Hauptstadt ihres Königreiches, aber es kann wohl sein, daß der Chinese oder gebildete Sandwichinsulaner mehr von ihr weiß als von dem Staate, zu welchem sie gehört.« War das womöglich auch eine aktuelle Erklärung? Wurde Leipzig zu oft als »heimliche Hauptstadt der DDR« bezeichnet? Allzuoft jedenfalls für das um Anerkennung ringende Ost-Berlin, allwo man die Sachsen als »fünfte Besatzungsmacht« diskriminierte. Aber es war, als ob man das alles nur in den Wind redete. Allenfalls gelangte ein Satz davon in irgendein »Material«, das mit winzigster Halbwertzeit zu Makulatur verfiel. Öffentlichkeit mußte hergestellt werden. Aber wie? Über die Bezirkszeitung der SED würde das nicht gehen, das war klar, inländisch gab es meiner Meinung nach ohnehin nur noch zwei extrem verschiedene Publikationsweisen. Entweder etwas Undergroundisches, das hauptsächlich von der Stasi gelesen werden würde, oder etwas ganz Exquisites, etwas Buchstadtgemäßes, etwas, das sich auch in den jährlichen Ausstellungen Schönste Bücher aus aller Welt sehen lassen konnte. Etwas, das nach außen hin kommunales Selbstbewußtsein signalisieren und nach innen Selbstbesinnung bewirken konnte. Eine Zeitschrift mußte es also sein, die die schlimme Zustandsbeschreibung »Ruinen schaffen ohne Waffen« zwar nicht bestreiten, wohl aber gegen die allgemeine Lähmung angehen sollte, die Rudolf Bahro in seinem Buch »Die Alternative« (1977) »kollektive Verantwortungslosigkeit« genannt hatte. (Bahro wurde im gleichen Jahr verhaftet, zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1979 entlassen. Er reiste in die BRD aus.) Bürgersinn sollte also reanimiert werden, wohlverstandene Heimatliebe. Und natürlich würde man dabei zuerst an sogenannte Multiplikatoren denken müssen, an Künstler und Kulturschaffende im breitesten Sinne, an Leute also, die zwar nicht verantwortlich waren für den Zustand der Welt, »wohl aber dafür, wie darüber gedacht wird«, wie es dann später in der BLÄTTER-Konzeption hieß.
Es steckte in dieser Überlegung etwas Zwingendes und etwas Unsinniges zugleich. Wo sollte 1980 das Geld und das Papier herkommen für so ein Periodikum? Aber taktisch war der Ansatz vollkommen richtig, Repräsentation leuchtete ja immer schon ein in »dieser gewiß welthaltigen Stadt, wo aber das Weltliche mehr zu Gast als zu Hause ist, - dieser lächerlich redenden Stadt«, eine Einschätzung, die in Thomas Manns weltberühmtem Roman »Doktor Faustus« nachzulesen war und die man als Leipziger nur mit knirschenden Zähnen zur Kenntnis nehmen konnte.
Freilich waren auch noch andere Barrieren zu befürchten als die des Geldes und des Papiers. Heimatzeitungen waren in der DDR schon in den fünfziger Jahren eingeschläfert worden. Im Bezirk Leipzig gab es nur noch den Wurzener Rundblick. Heimat war ein höchst umstrittener Begriff, nachdem er von den Nazis so schrecklich mißbraucht worden war. Aber inzwischen empfanden viele, daß er weder durch eine »sozialistische Menschengemeinschaft« noch durch ein »sozialistisches Vaterland« zu ersetzen war. So hatte ich Mitte der siebziger Jahre für die Leipziger Volkszeitung Kurzporträts der Kreisstädte des Bezirks geschrieben. Aus purer Neugierde im Grunde, denn Schmöllner Mutzbraten kannte ich nur vom Leipziger Weihnachtsmarkt, und es interessierte mich brennend, ob im Altenburger Ziegenkäse wirklich nicht mehr Ziege drin war als im Hundekuchen Hund. Das Echo auf diese Serie war erstaunlich. Vor allem bei Lehrern! Sie waren dankbar für jedes Detail, das ihren Schülern zeigen konnte, daß die Welt auch schon vor Gründung der DDR existiert hatte. Überall war der Mangel an publizierter Alltagsgeschichte spürbar, aber in den kleineren Städten war durch mündliche Überlieferungen der kommunale Gesamtzusammenhang noch nicht ganz verlorengegangen. Mit großstädtischem Neid registrierte ich dort den segenstiftenden Bürgersinn, der aus solcher Überschau noch erwuchs.
Aber noch in anderer Hinsicht war die Ausfahrt lehrreich gewesen. Aus dem Vergleich von unterschiedlich situierten Gemeinden war zu begreifen, daß der postulierte Grundsatz, wonach es nun keine Reichen und keine Armen mehr geben sollte (weder Städte noch Menschen), überaus leicht zu pervertieren war. Wenn das Verteilungsprinzip immer zentralistischer wurde (Gießkannenprinzip), dann konnte aus dem Prinzip Gleichheit rasch Gleichmacherei und aus Gemeinwohldenken Gleichgültigkeit werden. Beispielsweise hieß es über die damalige Kreisstadt (!) Geithain unverblümt: »Geithen hat zwei lange Seiten, in der Mitte 'n großen Plan, hinten und vorne ist nichts dran«, aber das benachbarte Altenburg, heute thüringisch, war einmal Residenzstadt gewesen! Da stand ein berühmtes Schloß (Sächsischer Prinzenraub!), das nur schwer zu erhalten war, da gab es ein berühmtes Museum, dessen großartiger Bestand an Tafelbildern durch ein schadhaftes Dach gefährdet wurde, und da gab es - um wenigstens noch ein Drittes zu nennen - ein leistungsstarkes Dreispartentheater, das materiell nur schlecht und recht dahindarbte. Da war dann aber schon die gleiche Überforderung (oder Unterbudgetierung!) zu spüren wie in Leipzig. Später hat diese Not Altenburgs ein sehr wichtiger Artikel der BLÄTTER am Beispiel der Teichstraße exemplarisch sichtbar gemacht (Heft 12). Der Text stammte von Alberto Schwarz und trug den doppelsinnigen Titel »Die Erbschaft«. Die bestürzenden Fotos steuerte Peter Franke bei.
Der zweite Tag
Der erste Ansprechpartner für meine Idee, eine solche »Bürgerplattform« zu gründen, war natürlich der damalige Stadtrat für Kultur, Dr. Lothar Wenzel. Er war Museologe von Haus aus, er hatte das Stadtgeschichtliche Museum geleitet, und als sein Vorgänger, Dr. Rudolf Gehrke, 1979 in die Wüste geschickt worden war, hatte man ihn ins Rathaus berufen. Anlaß für Gehrkes Fall war ein prachtvoll kritisches Programm des städtischen Kabaretts »Pfeffermühle« gewesen. Genauer gesagt, nicht das Programm, das lief ja in Leipzig ganz unbehelligt, sondern eine zentrale Reaktion darauf. In »Berlin« hatte man eine führende westdeutsche Zeitung ausgewertet, deren Korrespondent sich anerkennend (erstaunt anerkennend!) zu jenem Programm geäußert hatte, und es galt das Dogma, daß etwas faul sein mußte, wenn der Klassenfeind lobte. Gehrke war vierzehn Jahre im Amt gewesen, ein Schöngeist, der die Kunst und die Künstler fast schon schwärmerisch verehrte. Im Gegensatz zu ihm war Wenzel ein prosaisches Kontrastprogramm, und ich war neugierig, wie er reagieren würde. Eine Hochglanz-Zeitschrift als Gemeinschaftsarbeit der Künstlerverbände? War das nicht vorprogrammierter Ärger? Und Ärger, das hatte man doch am Schicksal Gehrkes gesehen, war nicht nur der Leber abträglich. Zwar lag das schreckliche 11. Plenum der SED (1965), schon fünfzehn Jahre zurück, aber der Fluch der bösen Tat heckte unentwegt weiter. (Dieses später als »Kahlschlag« apostrophierte Kulturplenum war eine Art Stellvertreterkrieg gegen die Künstler der DDR gewesen, denn ursprünglich hatte es ein Wirtschaftsplenum werden sollen. Es sollte dabei um einen ökonomischen Neuansatz gehen, aber die Sowjetführung unter Breshnew entdeckte darin die Chancen nicht, sondern sah nur Gefahren. Also wurde die Kultur auf die Tagesordnung gesetzt, und alle politischen, ökonomischen und ideologischen Spannungen entluden sich verheerend über den schönen Künsten.) Beim Fernsehfunk galt beispielsweise lange die Überlebensregel, daß man für einen Film, der nicht produziert wurde, auch nicht kritisiert oder gar geschaßt werden konnte. Inzwischen war 1976 Wolf Biermann ausgebürgert worden und 1979 hatten Berliner Schriftsteller den Berufsverband verlassen müssen, weil sie sich mit Stefan Heyms Urheberrechtsprozeß solidarisiert hatten, und wegen des gleichen Sachverhalts war der Leipziger Erich Loest aus dem Verband ausgetreten und 1980 in die BRD übergesiedelt. Wenzel hätte also aus seiner Sicht gute Gründe gehabt, mich zu meiner glänzenden Idee überschwenglich zu beglückwünschen und mich dann sofort weiterzuschicken: Eine so anspruchsvolle Broschur würde ja etwas kosten, und der Rat des Bezirks war nun einmal das bilanzierende Organ, das wußte auch ich. Aber Wenzel forderte mich nüchtern auf, zunächst einmal eine Konzeption zu schreiben: »Damit man weiß, worüber man redet.«
Nun, so hatte ich mir das nicht vorgestellt, ich wollte eigentlich nur eine Anregung geben, aber an einer Konzeption sollte die Sache auch nicht scheitern, in jüngeren Jahren war ich nämlich ein sehr versierter Konzeptionen-Schreiber gewesen. Damals, während meines Studiums am Institut für Literatur »Johannes R. Becher« (1961-1964), unternahmen die Studenten der vier Leipziger Kunsthochschulen, die mehr als 50 Prozent des künstlerischen Nachwuchses der DDR ausbildeten, gerade den dritten Versuch, einen »Ring junger Künstler« zu gründen, und hatten mich zum Vorsitzenden ernannt. Der »Ring« sollte etwas sein jenseits von FDJ und FDGB, und mir fiel in Wenzels Büro nun auf, daß ich mit dem gedachten Periodikum eine ganz ähnliche »Sammlungsbewegung« anstrebte. Aus den Kunststudenten von damals waren inzwischen Künstler geworden, und einige - der Grafiker Rolf Kuhrt, der Regisseur Peter Foerster, der Komponist Peter Herrmann und der Schriftsteller Helmut Richter - standen nun ihren Berufsverbänden vor, aber die interdisziplinäre Bündelung kreativer Strebungen schien immer noch bitter nötig zu sein.
Übrigens hat auch unsere dritte Ring-Gründung kein langes Leben gehabt. Als das Studentenkabarett »Rat der Spötter« verboten wurde, holte die Stasi auch unsere Unterlagen ab. Sekretärin des Rings war damals die Theaterstudentin Doris Schmude, die in der Faust-Inszenierung jener Jahre ein zauberhaftes Gretchen gewesen ist... Bemerkenswert war aber doch, daß der Versuch dreimal unternommen wurde. Beim ersten Male war übrigens Erich Loest noch dabei.
Für diese Ring-Gründung hatte ich also einen ganzen Musterband Konzeptionen geschrieben, wahre Ring-Parabeln waren das, obwohl dann am Schluß immer etwas fehlte. Mal hatte ich den XIII. Komsomolkongreß vergessen und mal das letzte Manifest des Weltbundes der Demokratischen Jugend. Aber wir scheiterten natürlich nur, weil wir unbedingt und unbeirrt »Sturms Weinstuben« als Treffpunkt haben wollten. Die lagen im Souterrain des Albertinums - auf der Rückseite des alten Universi-tätsgebäudes am Karl-Marx-Platz, jetzt wieder Augustusplatz -, hatten wunderbare Kreuzgewölbe und wurden von der Universität als Archiv »mißbraucht«. Aber der 1. Sekretär der Bezirksleitung, Paul Fröhlich, verfügte damals kategorisch: Keine Kelleratmosphäre!
Inzwischen war aber Paul Fröhlich tot, die Studenten von 1980 hatten mit der Moritzbastei »Kelleratmosphäre« pur, und so setzte ich mich guten Muts hin und schrieb erneut eine Konzeption. Am 17. Oktober 1980 lag sie vor, und ihre Überschrift lautete in bestem Amtsdeutsch, gelernt ist gelernt: »Erstfassung einer Konzeption zur Herausgabe eines Periodikums des Leipziger Kulturlebens mit dem Arbeitstitel LEIPZIGER BLÄTTER«.
Der dritte Tag
Rückblicke haben immer etwas Verklärendes. Die jubilarische Perspektive vermittelt immer ein wenig den Eindruck, es werde ein Mirakel betrachtet. Dann ist es hilfreich, nicht zurückzuschauen, sondern sich zurückzuversetzen ... Als die BLÄTTER dann endlich vorlagen, zwei Jahre nach der Konzeption, erregten sie natürlich auch in den anderen Bezirken der DDR Aufsehen und lösten nachahmende Bemühungen aus. Aber nur in Karl-Marx-Stadt hat es dann mit dem »Almanach« etwas Ähnliches gegeben. Und selbst von dort schrieb der Initiator, mein Freund Klaus Walther (Schriftsteller, Buchhändler und Verleger jetzt), ein echter Homme de lettres, unter dem 15. April 1986: »...anbei unser vierter Almanach, ich hoffe, er gefällt Dir im Inhalt, auch wenn wir in der Ausstattung mit Euch nicht mithalten können«. Aber selbst der begnadete Feuilletonist Heinz Knobloch hat eine Art »Berliner Blätter« vergeblich angestrebt, und Knobloch war eine Institution. Er war berühmt geworden durch seine Kolumne »Mit beiden Augen« (nicht einäugig also) in der auflagenstarken und trotzdem als »Bückware« geltenden WOCHENPOST und dann als Autor oder Herausgeber zahlreicher Bücher. Sein Lob für unsere Nummer eins, die in Leipzig selbst unbarmherzig verrissen wurde, war dann ein psychischer Rettungsanker für uns. Warum also Leipzig?
Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Stadtgeschichte. Oder wäre es besser, zu sagen, wie ein gelber? Gelb ist die Farbe des Neides. Und die Leipziger reagierten zuweilen auch unwirsch darauf, weil da immer auch eine kleine Bezweifelung mitschwang. Auf die residenzlerische (Dresdner) Zeitungsfrage »Warum lieben Sie Leipzig?« wurde um 1900 massenhaft zur Antwort gegeben: Weil Leipzig nicht Dresden ist! Leipzig war eben Leipzig, und das galt 1980 noch genauso, wenn auch in zeitgenössischer Aktzentuierung. Leipzig war zu Zeiten der DDR nicht nur weiterhin die Drehscheibe des Ost-West-Handels, es war jetzt auch noch der Kontakthof zweier Weltsysteme. Der jährliche Doppelimpuls der beiden Messen brachte es zuwege, daß hier anders gedacht und geredet wurde als beispielsweise im Dresdner Tal der Ahnungslosen: Wandel durch Annäherung! Und so waren auch die Funktionäre anders geprägt.
Nach dem Stalinisten Paul Fröhlich, in dessen Ägide die Paulinerkirche gesprengt und das schon erwähnte alte Universitätsgebäude abgetragen wurde, war nun Horst Schumann 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED, ein menschlich integerer Mann, der leider an zwei politischen Defekten litt. Zunächst an einer schon längst nicht mehr angemessenen, von seinem Vater ererbten uneingeschränkten Treue zur Sowjetunion und sodann an einer allzu großen Subalternität dem Politbüro gegenüber. Manche der jüngeren Funktionäre - der Kultursekretär Dietmar Keller beispielsweise, nachmals letzter Kulturminister der DDR und danach Abgeordneter des Bundestags - konnten sich jedenfalls durch Augenschein davon überzeugen, daß Subalternität auch im Sozialismus nicht honoriert wurde. Eher im Gegenteil! Und diesen durchaus leipzigischen Vorbehalts-Zuwachs nahmen natürlich auch die helleren Köpfe des Staatsapparats wahr.
Jochen Geldner leitete beim Rat des Bezirks die Abteilung Kultur, und nach endlos langen Diskussionen mit der Bezirksleitung, dem Rat des Bezirks, dem Rat der Stadt und dem Leiter des Seemann Verlags, Dr. Gerhard Keil, der sich glücklicherweise für das Projekt ebenfalls interessierte, war festgelegt worden, daß die Abteilung Kultur nicht nur die nötigen Mittel bereitstellen, sondern auch als Herausgeber fungieren sollte. Ich war zunächst schockiert. In der Konzeption hatte ich etwas anderes vorgeschlagen: »Die Bindung an einen Verlag [...] wäre natürlich allein schon aus technischen Gründen zweckmäßig, jedoch müßte eine gewisse Eigenständigkeit der Herausgeber (des Redaktionskollegiums) gewahrt bleiben.« Diese »gewisse« Eigenständigkeit war ja das Alpha und Omega der Unternehmung. Aber schließlich dachte ich, daß sie beim Rat vielleicht sogar leichter zu gewinnen und zu bewahren sein würde als in einem Verlag. Die Anfangs-Intensität der Kontrolle würde vermutlich rasch abflauen, und mögliche Einwände mußten eben mit der größeren Sachkenntnis abgeschmettert werden. Mag sein, daß Gerhard Keil vielleicht sogar ein wenig gekränkt war, daß wir uns so entschieden haben,
aber ein Verlag war als Wirtschaftsunternehmen noch ganz anderen Zwängen ausgesetzt als nur politischen und brauchte daher eine straffe Hierarchie, die auf Eigenständigkeiten nur wenig Rücksicht nehmen konnte. Nichtsdestotrotz blieb Gerhard Keil einer unserer wichtigsten Förderer. Nicht nur des Papiers wegen, nicht nur der Lizenznummer wegen: Er hatte die rettende Idee, die Hefte nicht als Zeitschrift, sondern als Broschur, als Buch also, erscheinen zu lassen. Eine Zeitschrift wäre von der Hauptverwaltung Buch und Verlage (Jargon: Zensurbehörde) nicht mehr genehmigt worden.
Daß Jochen Geldner bei allem politischen Kalkül auch wirklich selbst hinter dem Projekt stand, bewies er mir vor allem damit, daß er Dr. Ute Scheffler für die organisatorische Vorbereitung abstellte. Ute Scheffler war Germanistin von Haus aus und ist ein paar Jahre später Cheflektorin des Mitteldeutschen Verlags geworden. Ohne sie, ich sage das jetzt mit allem Nachdruck, wäre es sehr viel schwieriger gewesen, das Projekt in die Welt zu bringen.
Der vierte Tag
Die LEIPZIGER BLÄTTER sollten also eine Gemeinschaftsarbeit der Verbände und Organisationen der Kunst-und Kulturschaffenden des Bezirks sein, eine Zusammenfassung aller schöpferischen Kräfte. Das war politisch brisant, aber psychologisch auch. Künstler und Intellektuelle sind Individualisten! In meiner Konzeption hatte ich daher vorgeschlagen, daß zunächst, noch vor dem eigentlichen Start also, eine Zusammenkunft von dreißig bis vierzig führenden Vertretern des Leipziger Kulturlebens stattfinden sollte, »um möglichst rasch und umfassend zu einer einheitlichen und durchschlagskräftigen Auffassung zu gelangen«. Denn natürlich konnte man nicht erwarten, daß etwa der allgewaltige Karl Kayser unbefragt sein Wohlwollen bekunden würde. Kayser war ja nicht nur der Kaiser des Leipziger Theaterkombinats, sondern auch Mitglied des Zentralkomitees der SED. Soeben war seinem Theater das Papierkontingent gekürzt worden (!), die Produktion seiner Prospekte und Plakate war stark beeinträchtigt, und nun sollte ein höchst zweifelhaftes Unternehmen jährlich acht Tonnen bestes Kunstdruckpapier verbraten dürfen? Ein Veto von ihm wäre möglicherweise verheerend gewesen.
Aber man mußte ja auch an die einflußreichen Kultur-Stammtische denken! An Gogelmoosch in der Gaststätte Boccaccio zum Beispiel oder an den Malerstammtisch im traulichen Dämmerlicht des Café Corso... Oder an die »Durchhechel-Kreise« im Umfeld der Kabaretts Leipziger Pfeffermühle und Academixer. Und kleine vergiftete Pfeile waren ja auch schon abgeschossen worden. Es war nämlich von den vielen Titelvorschlägen bei Ute Scheffler ausgerechnet der Name Kolorit hängengeblieben, irgendein Name mußte in den ersten Arbeitspapieren ja stehen ... Und schon ging die Fama, daß nicht eine Zeitschrift der Kultur entstehen solle, sondern eine der Damenfriseure. Auch wurde lauthals vermutet, daß den genialischen Konzeptionisten womöglich nur ein Silbendreher unterlaufen sei, daß es also nicht Kolorit heiße, sondern Kilo Rot.
Bedauerlicherweise ist dieser »Rat der Götter« nicht zustande gekommen. Die erste wesentliche Zusammenkunft fand am 23. März 1981 statt, und man kann sie gut auch Gründungsversammlung nennen, denn sie führte bereits die wirklich Interessierten zusammen. Gründungsversammlungen finden immer in Hinterzimmern statt, diese in einem Hinterzimmer des guten alten Leipziger Ratskellers.
Den Schriftstellerverband vertraten Helmut Richter, Bernd Weinkauf und Wolfgang U. Schütte, die Theaterschaffenden Matthias Caffier und Erika Stephan, den Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler Peter Herrmann und Ingrid Hofmann, die Gesellschaft für Denkmalpflege Wolfgang Hocquél, den Bund der Architekten Johannes Schulze, vom Seemann Verlag war Gerhard Keil zugegen und vom VEB Interdruck Heinz Graupner, außerdem noch der Grafiker Joachim Schulze, der vom Rat als Gestalter vorgesehen war. Der Verband der Bildenden Künstler war dieser ersten Zusammenkunft ferngeblieben, wurde aber später von Rita Jorek sehr engagiert vertreten. Diese Zusammenkunft sollte schon sehr konkrete Maßnahmen beschließen, aber die allgemeine Verunsicherung war immer noch groß. Man fühlte deutlich, daß man auf dem Präsentierteller der Kulturszene lag, und wußte, daß die Tranchiermesser schon gewetzt wurden. Also versuchte ich noch einmal, Zuversicht zu verbreiten. Ich redete schwungvoll von Hochglanzbildern und Tiefgangtexten und von den Vorbildern Merian und Geo. Ich wies auf die weitreichenden Qualitäten der frühen Gartenlaube hin, die ja auch in Leipzig gegründet worden war, und selbst den Brief Schillers an Körner habe ich zitiert, in dem es zur Gründung der Horen hieß: »Unser Journal soll ein epochemachendes Werk sein und Alles, was Geschmack haben will, muß uns kaufen und lesen.« War es ein Wunder, daß sich der Vertreter der Gesellschaft für Denkmalpflege meldete, ein gewisser Hocquél, wie ich der Anwesenheitsliste entnahm, und wissen wollte, ob ich wenigstens selbst glaube, was ich da sage. Ich kannte den Mann nicht. Seine Anfrage hatte etwas ausgesprochen Hugenottisches an sich, und auch sein Name deutete darauf hin... Ich antwortete zwar freundlich mit einem Ja, aber ich vermutete damals nicht, daß dieser »Gewisse« mal einer der wichtigsten BLÄTTER-Autoren werden würde, später ein wichtiger Förderer sogar und noch später, nach der Wende, der oberste Denkmalschützer des Regierungsbezirks Leipzig.
Danach wandte sich die Versammlung konkreten Dingen zu. Eine Broschur sollte es also werden unter der Lizenz des Seemann Verlags, Auflage 10000, Umfang zehn Druckbogen (später auf sechs reduziert), SYBILLE-Format (die SYBILLE war eine sehr gute und sehr gut aufgemachte Frauenzeitschrift), Tiefdruck, mindestens 40 Prozent Bildanteil.
Der Punkt fünf des Protokolls lautete: »Die Verbände wurden in der Beratung am 23.3.81 beauftragt, ihre Vorstellungen zur konkreten inhaltlichen Gestaltung ihrer Seiten bis zum 28.4.1981 zu erarbeiten. Die Verantwortung liegt bei den Vorsitzenden der Verbände. Titelgeschichte der 1. Nummer (erscheint Frühjahr 1982) ist das Neue Gewandhaus Leipzig.« Das also war der Anfang! Aber es ging in jener Sitzung auch noch um den endgültigen Namen.
In der Konzeption stand zwar schon der heute übliche, aber es waren dutzendweise Varianten dazugekommen. Hieronymus etwa, nach Lotter, Naschmarkt und eben auch das erwähnte Kolorit. Ich ließ abstimmen, und als sich nahezu alle für meinen ursprünglichen Vorschlag aussprachen, war ich so überrascht, daß ich noch einmal abstimmen ließ. Nur nichts oktroyieren! Aber dann war die Sache immer noch nicht vom Tisch. Bernd Weinkauf, der sich schon damals anschickte, jener Leipzig-Kenner zu werden, der er heute ist, schrieb mir noch am selben Tag einen Brief: »Ich habe mir den Vormittag noch einmal durch den Kopf gehen lassen [...], aber Leipziger Blätter darf nicht der Titel des Heftes sein. Mit der Demokratie ist es eine vertrackte Sache! Ist Quantität wirklich das Kriterium für Demokratie?« Und sogleich schlug er eine Reihe weiterer Namen vor: Journal L, Magazin L, Lindenjournal, Das Lindenblatt, Die Petersstraße, Leipziger Stadtkurier usw. Aber nicht das war mein Kummer, das war nun entschieden, der Brief reaktivierte jedoch ein altes Bedenken wieder, das ich aus Zweckmäßigkeitsgründen verdrängt hatte. Ich hatte Gemeinschaftsarbeit vorgeschlagen, um Gemeinschaftssinn zu befördern. Ich wollte in die Kommune nicht hineinreden, das erlebte diese jeden Tag, ich wollte aus ihr heraus sprechen lassen. Und ich wollte das immer noch! Aber nun fragte ich mich erneut, ob eine noch so bemühte Redaktion die erwartbare Vielstimmigkeit würde bündeln und bewältigen können. Denn eine Stelle aus Emil Palleskes Arbeit über die Schillerschen Horen kannte ich auswendig: »Wir wissen bereits, welche auftreibende Spannungen aus Fichtes Beiträgen hervorgingen und selbst Körners und Humboldts Schriftstellerei, die wenigstens der Routine entbehrte, heischte ein zartes, ein menschliches Anfassen. Es war eine stille, ungesehene Noth, wenn Schiller [...] all' den Kosegartens, Langbeins, Schmidts und Meyers, Pfeffels und Neuffers, Steigentesch's und Woltmanns ihre gereimte Ohnmacht korrigieren mußte. Überall mußte geschont, gehegt, sogar ermuthigt werden.« Schreiben konnte schließlich jeder, aber konnte auch jeder schreiben? In der Konzeption hatte ich festgehalten: »Generell muß als oberstes Prinzip unambitionierte Lesbarkeit vorherrschen. Die Beiträge sollen keine Spiegel für die Eitelkeit der Autoren sein, sondern anregende, anziehende Kabinettstücke, so daß man sie auch gerne aufhebt (im doppelten Sinne des Wortes). Storys sind besser als Sturies.« War das nun die leichtere oder die schwierigere Zielstellung? Aber es gab nun kein Zurück mehr. Der Springer lief, und man mußte ihn springen lassen.
Bernd Weinkauf hat also viel zur Profilierung der Blätter beigetragen, und daß sie dann die deutsche Vereinigung überlebten, das wird man wohl hauptsächlich ihm zurechnen müssen, auch wenn die Gründe, die später zu seinem Rücktritt vom Amt des Stadtrats für Kultur führten, lange Schatten werfen.
Der fünfte Tag
Und dann war die erste Nummer wirklich da. Zwar nicht im Frühjahr 1982, sondern im Herbst, aber immerhin: Halleluja! Aber die Freude wurde sofort plattgewalzt von einer geradezu vernichtenden Kritik. Das Imperium, die Kulturszene schlug zurück. Alle Vorbehalte, die ich im Vorfeld hatte ausräumen wollen, prasselten nun auf uns nieder. Völlig klar, daß der Cheflektor, der im Grunde nur als »Frühstücksdirektor« fungiert hatte, sofort ausgetauscht werden mußte. Jochen Bagemühl war zwar vom Fach, hatte aber das Handikap, Hallenser zu sein. Als sich kein Leipziger den Hut hatte aufsetzen wollen, war er unklugerweise den Bitten Ute Schefflers erlegen. Auch ich hatte mich zunächst rigoros verweigert. Erst jetzt, als das mühsam zur Welt gebrachte Kind in den Brunnen zu fallen drohte, gab ich meinen Widerstand auf, denn mein Zorn war vielleicht sogar noch größer als meine Sorge. Diese wunderbare Stadt war prall von Buchwissen. Jedweden Spezialisten gab es hier, und jeder war aufgefordert worden, direkt oder indirekt, sich mit seinen Anregungen an der Gründung der BLÄTTER zu beteiligen. Warum war das nicht geschehen?
Vor allem die Gestaltung wurde verrissen, und man konnte wenig dagegen sagen. Auch ein neuer Gestalter mußte her! Die Frage war nur, ob man nach diesem Fiasko einen guten noch finden würde. Glücklicherweise hat dann Gert Wunderlich Dietmar Kunz vorgeschlagen. Kunz, aus dem Erzgebirge stammend, war an der Hochschule für Grafik und Buchkunst sein Schüler gewesen und war längst ein ausgewiesener Buchkünstler. An diesen dann im vorigen Jahr allzu früh verstorbenen Dietmar Kunz erinnere ich mich mit großer Sympathie. Ihm war eine altdeutsche Ehrpusseligkeit eigen, die ich sehr mochte. Er war immer im Streß und von einer nervenzerfetzenden Unpünktlichkeit, aber im letzten Moment lag immer etwas Gediegenes vor. Er hat den Heften eine unverwechselbare Gestalt gegeben, und als ihnen der großartige Joachim Jansong, Dozent an der HfGB, mit seinen exquisiten Collagen auch noch ein unverwechselbares Gesicht gegeben hatte, da war die Fuhre im Grunde über den Berg.
Aber das war jetzt natürlich ein Vorgriff, noch wateten wir im schier grundlosen Morast enttäuschter Freude, und zu alledem hatten wir immer noch kein Domizil. Auch Büros unterlagen der Bewirtschaftung, und die Stadt schien uns keins zuweisen zu wollen - waren wir schon zu sehr eine Bezirksangelegenheit? Seit jener Zeit weiß ich jedenfalls, was eine Briefkastenfirma ist. Katharinenstraße 23 Romanushaus, damals Sitz der Künstlerverbände: ein grauer Blechkasten, aus dem ständig Briefe und Manuskripte herausquollen, so daß sich Halbwüchsige bequem hätten Schiffchen oder Schwalben kniffen können. Aktentaschenzeit, an der ich aber auch heute noch nichts Romantisches entdecken kann. Cafés und Kneipen ersetzten die Redaktionsräume, da waren Fehler und Pannen natürlich vorprogrammiert. Und wie sollten wir ein Archiv aufbauen? Und wie in intensiven Gesprächen die Beziehungen zwischen den Partizipienten neu regeln? Und sie mußten ganz dringend neu geregelt werden! Jedem Verband waren zunächst zehn Druckseiten zugesichert worden, das sah großzügig aus, wurde aber bald zum heftig verteidigten Besitzstand. Und war wirklich gedacht worden, daß die Verbandsvertreter wie Lektoren arbeiten sollten, autonom mit ihren jeweiligen Autoren? Und welche Befugnisse hatte das eigentliche Lektorat, Helmut Richter, Volkmar Röhrig und Rainer Crummenerl (später Wolfgang U. Schütte), kritisch in diese Arbeiten einzugreifen? Konflikte! Streitigkeiten! Frustrationen! Unbegreiflich, daß da überhaupt etwas zustande kam, denn wir standen dazu auch noch unter einem selbstauferlegten radikalen Zeitdruck. Eine Woche vor Messebeginn sollten die Hefte immer vorliegen. Unbedingt! Aber Termindrucke auf Kunstdruckpapier waren damals nur bei Devisengeschäften üblich. Wir hatten zwar einen sehr engagierten Mann beim VEB Interdruck, Heinz Graupner, der hatte mit einem wundersamen »Kampfprogramm« alle Weichen für uns gestellt, aber wir wußten auch, daß eine durch uns verursachte kleine Verspätung alle Züge entgleisen lassen würde.
Vielleicht war so ein Tohuwabohu nur von einem Mann mit dem Temperament Volkmar Röhrigs durchzustehen, der von Anfang an als Stellvertreter fungierte. Manches mußte mit einer gewissen Wurstigkeit genommen werden, aber seine allgemeine Vielseitigkeit verführte ihn zuweilen auch zu unnötigen Leichtfertigkeiten. Am Anfang hat er sich viele Feinde gemacht, die unentwegt seinen Kopf von mir forderten. Aber als ich dann nach dem vierzehnten Heft aufhörte, da hätte auch er die Leitung übernehmen können. Später hat er sich mit einem schönen Hörspiel auch eine literarische Laufbahn eröffnet, und noch später reüssierte er mit Jugend- und Kinderbüchern.
Erst mit der Nummer fünf hatten wir ein Domizil. Erst mit der Nummer fünf! Und auch das kam nur durch einen illegalen Deal mit dem Bezirksdirektor des Volksbuchhandels zustande. Heute ist Jürgen Petri Geschäftsführer der Leipziger Kommissions- und Großhandelsgesellschaft und Schatzmeister des Börsenvereins dazu. Mögen ihm alle Bücherwürmer gnädig sein. Wilhelm-Leuschner-Platz 9: die ehemalige Universitätsbuchhandlung. Was für eine wunderschöne Zeit! Auch durch Traudel Mittank, die Büroleiterin, die die gute Seele der Mannschaft war.
Der sechste Tag
Und was war das nun alles? Irgendwann, hoffe ich, werden kluge Studenten der Kommunikationswissenschaften die Wirkungsgeschichte der BLÄTTER gründlich erforschen. Sie werden der Frage nachgehen, ob die heroischen Vorsätze eingelöst wurden. Ob das Image der Stadt wirklich verbessert und der Bürgersinn befördert wurde. Ob die Bemühungen gar auch eingeflossen sind in das, was dann 1989/90 Bürgersinn genannt wurde: beherrschter Mut?! Ich hoffe sehr, daß sie das alles herausfinden. Ich bin sogar sicher.
Und natürlich werden sie auch noch einmal der Frage nachgehen, warum dieses Periodikum nur in Leipzig entstehen konnte und warum es auch heute noch ein weißer Rabe ist. Leipzig ist eben Leipzig, werden auch sie feststellen. Leipzig kommt zwar, aber es lebt auch schon sehr lange. Und dann werden die coolen Analytiker auch zu jenem Punkt vorstoßen, der bei der Beurteilung eines Druckerzeugnisses immer das Entscheidende ist: zu den Autoren - berühmten Schriftstellern und berühmten Wissenschaftlern (Walter Markov), berühmten Künstlern und Architekten, Verlegern und Journalisten, Kulturpolitikern und Kuriosa-Sammlern, waschechten Leipzigern und »Reingeschmeckten«. Und mit Erstaunen werden sie feststellen, daß manche Beiträger schon seit zwanzig Jahren dabei sind und die BLÄTTER und sich selbst vorangebracht haben.
Peter Guth zum Beispiel, der schon im ersten Heft mit seinem tiefsinnig insistierenden Text »Von der Schwierigkeit zu träumen« etwas fast Programmatisches beigesteuert hat. Oder der Maler und Grafiker Heinz-Jürgen Böhme: ein Mann, der mit seinen Texten nicht wegzudenken ist aus den BLÄTTERN und nicht aus der Stadt, weil er deren Entwicklung mit seiner scharfsinnig fördernden Kritik unentwegt und unerschrocken begleitet hat. Unbedingt wird man auch Ulla Heises Beitrag hervorheben müssen, die mit ihrer Serie »Leipziger Kaffeehäuser« eine Leipziger Kulturgeschichte besonderer Art geschrieben hat. Oder auch Wolfgang U. Schütte, der mit der Wiederentdeckung und gerechten Würdigung von Lene Voigt Balsam auf die geschundene sächsische Seele träufelte, obwohl er nur ein ganz gewöhnlicher Pfälzer ist. Welchen Stellenwert hatten seine gediegenen Beiträge für das, was jetzt auch mit den Namen Bernd-Lutz Lange, Gunter Böhnke oder Tom Pauls verbunden ist und keineswegs mehr als »lächerlich redend« empfunden wird! Und dann natürlich Bernd-Lutz Lange selbst: Wird man gerecht bewerten können, was sein Text »Juden in Leipzig« für die Selbstreflexion und das Ansehen der Stadt bewirkt hat? Für uns waren es jedenfalls immer Festtage, wenn am Wilhelm-Leuschner-Platz 9 Post aus Tel Aviv eintraf oder wenn uns dem Holocaust entronnene ehemalige Leipziger aus New York dankbar, uns also beschämend, grüßten. Aber natürlich haben wir uns auch über jeden anderen der vielen Leserbriefe gefreut, die uns aus beiden Teilen Deutschlands unentwegt erreichten und uns mit Kritik und mit Lob begleiteten.
Freilich wird auch über die Wirkung der Bilder zu sprechen sein, über die Arbeiten von Gudrun Vogel, Jürgen Kunstmann, Helfried Strauß, Harald Kirschner, Gerhard Hopf, Evelyn Richter, Helga Wallmüller und über die der Rössings. Und BLÄTTER-Freunde wissen natürlich, welche Rolle Ursula Walther, Doris Mundus und Brigitte Richter vom Stadtgeschichtlichen Museum für uns spielten. Sowohl mit fundierten eigenen Beiträgen wie auch mit ihrer nimmermüden Beratung und mit den Bereitstellungen aus dem unerschöpflichen Schatz unserer Stadtgeschichte.
Als ich mit der Nummer 14 mein Ausscheiden ankündigte, schrieb mir Wolfgang Hocquél einen sehr schönen Brief, und ich zitiere ihn jetzt nicht aus Eitelkeit. Hocquél schrieb unter dem 25. März 1988, fast auf den Tag genau sieben Jahre nach seiner unvergessenen Gretchenfrage: »Die Leipziger Blätter sind ganz zuerst Dein Kind. Das kannst Du kaum so einfach im Stich lassen! [...] Ich sehe die Blätter heute am Scheideweg vom gefälligen Kunstunterhaltungsblatt zur problemorientierten Streitschrift. Gerade dafür wirst Du gebraucht.« Das war zwar sehr freundlich gesagt, aber es erregte damals doch meinen Widerspruch. Für mich waren die BLÄTTER schon längst eine Streitschrift. Sie suchten nur keinen direkten Streit. Schon die Erscheinungsweise war dafür nicht geeignet. Ihr eigentliches Gegenüber war für mich immer, ein bißchen gehoben gesagt, der Geist der Zeit oder der Zeitgeist meinetwegen. »Die Aktualität liegt im Nichttemporären«, heißt es schon in der Konzeption. Gut, die Blätter haben zweimal vor einer Einstellung, vor einem Verbot gestanden, das eine Mal ging es um den Erhalt des Cafés Petit (Heft 13) und das andere Mal kurioserweise um die Kleingartenkolonie Johannistal (Heft 12, Thomas Biskupek), aber ich hätte mir einen solchen GAU sogar als Führungsfehler angekreidet. Wichtiger war mir, daß wir beispielsweise ein schönes Gespräch mit Horst Schumann über seinen bedeutenden Vater Georg Schumann abdruckten, nach dem eine der längsten Straßen Leipzigs benannt ist, und im gleichen Heft, völlig unbehelligt also, einen schwerwiegenden Umweltartikel des ehemaligen Direktors des Chemiewerks Böhlen, das einer der größten Schadstoff-Emittenten des Bezirks war. Anderswo wäre dieser Text gewiß nicht erschienen, und ich kann mir denken, daß er mancher Umweltgruppe entscheidend genutzt hat.
Da ich den »Fall Petit« erwähnt habe, will mir scheinen, es wäre doch ganz gut, ihn hier noch einmal zu schildern. Denn er war durchaus nicht petit, sondern hatte auch etwas Exemplarisches. Das Café stand im Rekonstruktionsgebiet Innere Ostvorstadt. Das Haus, 1840 erbaut, seltenes Leipziger Biedermeier, war 1973 zum Architekturdenkmal erklärt worden. Mit ihm hatten Baubetriebe Schindluder getrieben, so daß es aufs äußerste gefährdet war. Eingebracht hatte das Thema Wolfgang Hocquél, und er hatte sich mit der Bereitstellung internen Materials so weit aus dem Fenster gelehnt, daß er als Autor seine Entlassung riskiert hätte. Glücklicherweise konnten wir unseren Herausgeber für den Fall interessieren. Jochen Geldner hatte auf einer Baukonferenz darauf hingewiesen, daß für jede neu gebaute Wohnung in Grünau eine Altbauwohnung aufgegeben werden mußte und daß Sanierung durchaus nicht immer teurer sein mußte als industrieller Neubau. Er war dafür fürchterlich zusammengestaucht worden. Das Wohnungsbauprogramm war nämlich das Kernstück der sogenannten Hauptaufgabe, einer strategischen Wirtschafts-Orientierung, die auch unter den veränderten Reproduktionsbedingungen (!) der achtziger Jahre »konsequent und unbeirrbar« (!) fortgesetzt werden sollte. Jede Akzentuierung galt da als ein Sakrileg, und sicher sah Geldner in dem Artikel über das Petit eine Chance, seinen Standpunkt noch einmal klar und unmißverständlich darzulegen. »Der Eid des Vogtes« lautete die Überschrift, und die Unterzeile lautete »Anmerkungen zur Erbepflege«. Mancher Leser wird mit der Überschrift nichts anfangen können, aber es war damals gerade das Leipziger Eidbuch von 1590 neu erschienen, und es ging den Herausgebern wohl um das gleiche wie den LEIPZIGER BLÄTTERN: Die Stadt mußte sich als »verschworene« Gemeinschaft begreifen, wenn sie wieder auf die Beine kommen wollte. Geldner zitierte aus dem Eid des Vogts unter anderem dies: »Und wenn ich Schaden für den Rat erfahre, will ich ihn ohne zu zögern offenbaren.«
Nun bekam ja der Herausgeber von jedem Manuskript einen Durchschlag, und ich wurde plötzlich zu Rolf Opitz, dem Vorsitzenden des Bezirksrats, bestellt. Mir wurde eröffnet, daß der Artikel herauszunehmen sei. Ich rettete mich in die Behauptung, daß das nicht mehr gehe, da die BLÄTTER angeblich schon »druckten«. Gut, dann würden die Hefte eben nicht ausgeliefert werden! Nun entwickelte sich eine zähe Disputation über die Folgen. Ich wies auf den Schaden im Inland und im Ausland hin, und nun hieß es: Gut, dann ist die Abberufung Geldners nicht mehr abzuwenden. Offensichtlich war Opitz selbst unter Druck, offensichtlich beteiligten sich schon höhere Mächte an dem Spiel... Also gut, sagte ich, da wir auf den Artikel weder verzichten wollen noch können, werde ich wenigstens versuchen, Geldners Namen herauszunehmen, ich werde meinen daruntersetzen. Und so geschah es dann auch.
Der siebente Tag
Die LEIPZIGER BLÄTTER sind nun zwanzig Jahre alt, und sie haben in einem Meer von Hochglanzbroschüren und inmitten einer Schar von anderen Stadtmagazinen ihren ganz eigenen Glanz nicht eingebüßt. Das hat einerseits eben damit zu tun, daß die wichtigsten Autoren ihnen treu bleiben wollten und konnten und daß sie mit der Kulturstiftung Leipzig - einer Vereinigung alter und neuer Leipziger Bürger - jetzt einen Herausgeber haben, der die Entwicklung des Bürgersinns in unserer Stadt ebenfalls in seinem Statut verankert hat. Schließlich gilt ja Kurt Masur, der der erste Präsident der Stiftung gewesen ist, selbst weltweit als ein Musterbeispiel eines Citoyens.
Am Schluß jenes schon einmal zitierten Briefs von Wolfgang Hocquél stehen zwei besonders bedeutsame Sätze: »Die Blätter leben vom Engagement einzelner. Scheiden die tragenden Persönlichkeiten aus, dürften sie rasch am Ende sein.« Und das gilt natürlich auch heute noch. Also sollte die Stadt die heutigen Macher und ihre Autoren ermutigen, schon die nächsten zwanzig Jahre ins Auge zu fassen. Leipzig kommt: Wo geht es hin?
