Katrin Löffler - Leipzig und die Auswanderung im 19. Jahrhundert

Der Schuhmacher Wilhelm Kißner verließ Leipzig im Oktober 1855 unter Verzicht auf behördliche Billigung und machte sich auf den weiten Weg nach Amerika. Aus Bremen sandte er einen Abschiedsbrief an seine Frau, die damit zum Polizeiamt ging und seine heimliche Abreise anzeigte. Dieses telegrafierte umgehend mit den norddeutschen Kollegen, aber es war zu spät: Die Bremer Polizeidirektion antwortete, daß sich Kißner bereits einige Tage zuvor eingeschifft habe. Seine Frau Johanna Friederike blieb allein mit drei kleinen Kindern zurück und lag fortan der Armenanstalt auf der Tasche. Anderthalb Jahre später meldete sie sich wiederum bei den Behörden: Ihr Mann habe aus St. Louis in Missouri geschrieben und wolle die Familie nachholen, deshalb ersuche sie um die Entlassung aus dem sächsischen Untertanenverband. Sie drängte sogar zur Eile, da sie die Überfahrt bald antreten könne. Die Formalitäten wurden rasch erledigt, denn natürlich kam es der Stadt gelegen, hilfsbedürftige Einwohner loszuwerden. Zu vermuten ist, daß Kißner mit seiner Frau abgesprochen hatte, sie und die Kinder nicht der risikoreichen Reise auszusetzen, sondern die Chancen auf ein besseres Leben jenseits des Atlantiks zunächst allein zu sondieren. Sein Brief dürfte ihrer sozialen Absicherung gedient haben, denn er versetzte sie sofort in den Stand einer verlassenen, hilfsbedürftigen Ehefrau.
Ein Fall von vielen in der Zeit der Massenauswanderung aus Europa, die vorzugsweise nach Nordamerika führte und an der Deutsche stark beteiligt waren. Allein in den 1850er Jahren wanderte fast eine Million nach Nordamerika aus, 1890 lebten dort rund 2,8 Millionen Menschen, die in Deutschland geboren worden waren.


Fort von Leipzig: Die Auswanderer

Motive für die Auswanderung gab es viele. Waren es vor 1800 vielfach Glaubensflüchtlinge, die der religiösen Intoleranz entflohen, so trieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Pauperismus die Menschen aus Europa fort. Mit diesem Begriff wurde schon damals die Verarmung großer Bevölkerungsgruppen bezeichnet, für die es viele Ursachen gab: Bevölkerungswachstum, Wandlungsprozesse auf dem Land und im Handwerk, Früh­industrialisierung und Entstehung der Lohnarbeiterschaft. Nicht selten verschärften Mißernten die Lage zusätzlich. Heute würde man die Auswanderer, mit abschätzigem Unterton, als »Wirtschaftsflüchtlinge« bezeichnen. Sachsen war unter den deutschen Territorien kein Spitzenreiter in puncto Auswanderung, da die Strukturen in Landwirtschaft und Gewerbe nicht so ungünstig waren wie in Südwest- und Nordostdeutschland, den Zentren der Auswanderung. Zudem förderte die sächsische Regierung die Auswanderungsbereitschaft kaum durch irgendwelche Maßnahmen. Selbst in Regionen wie dem Erzgebirge und dem Vogtland, wo das textilherstellende Heimgewerbe in die Krise geriet, entstand keine größere Auswanderungs­bewegung. Und Leipzig? Die Messe- und Univer­sitätsstadt wuchs im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industriestandort und zur Großstadt heran, profitierte also vom Zuzug vieler Menschen, blieb aber natürlich nicht von sozialen Problemen verschont. Wie viele Leipziger der Stadt den Rücken kehrten, läßt sich nicht beziffern. Die Statistiken sind unzuverlässig, Unterlagen nur unvollständig überliefert, und manch einer mag wie der Schuhmacher Kißner klammheimlich auf und davon gegangen sein.
Assoziieren wir heute mit »Auswanderung« die Übersiedlung auf andere Kontinente, so wurde im 19. Jahrhundert damit auch der Wechsel etwa nach Preußen, Württemberg oder in ein anderes europäisches Land bezeichnet. Beispielsweise zog im Jahr 1866 Johann Friedrich August Schaaf samt seiner Familie von Leipzig nach Wien, wo er es als Schausteller im Prater zu einigem Vermögen brachte. Und auch Frauen, die ihren Gatten nicht unter den Sachsen fanden, fielen unter die Rubrik Auswanderung, so wie die verwitwete Wilhelmine Friederike Katharina Geyser, die den Hoftheatergarderobier Philipp Rösch in Wiesbaden heiraten wollte und 1867 für sich und ihre drei Töchter die Entlassung aus der sächsischen Staatsbürgerschaft beantragte.
Vielfach aber strebten die auswanderungswilligen Leipziger nach Nordamerika, seltener nach Südamerika. Wie groß das Potential war, verdeutlichen die Aktivitäten des »Americanischen Vereins«, der 1848 ins Blickfeld der Behörden geriet, weil er um die Erlaubnis zum Spendensammeln ersuchte. Eine Mitgliederliste des Vereins enthielt die Namen von über hundert Personen aus Leipzig und dem Umland. Der Jüngste war Friedrich August Fritzsche, fünfzehn Jahre alt und Handarbeiter; bereits sechsundsechzig Jahre zählten Gottlieb Schrad, ein Ziegelstreicher aus Kleinzschocher, und der Landwirt Johann Gottlob Zschalig, der mit Ehefrau, einer Tochter und fünf Söhnen im Alter zwischen siebzehn und einunddreißig auswandern wollte. Viele Handwerker finden sich auf der Liste, aber auch Industriearbeiter und Frauen sind darunter, so die zwanzigjährige Näherin Julie Rosenthal und das neunzehnjährige Dienstmädchen Wilhelmine Jäcke. Geplant war die kollektive Auswanderung nach Tennessee, wo es bereits eine sächsisch geprägte Ansiedlung gab, die Kolonie »Wartburg«. Allerdings zerstritt man sich. Der Vereinsgründer Johann Gustav Oehme, 1789 geboren, scheint ein Luftikus gewesen zu sein. Ihm hatte früher die Blaue Mütze in der Lortzingstraße gehört, wie der Rat der Stadt auf Nachfrage vom Polizeiamt erfuhr, dann war er jahrelang mit einem Dampfwagenmodell umhergezogen und wohnte seit 1846 wieder dauerhaft in Leipzig, allerdings »gänzlich herabgekommen« und auf Unterstützung der Armenanstalt angewiesen. Oehme hatte den Mitgliedern leichtfertig versprochen, sie im Herbst 1848 unentgeltlich nach Amerika zu bringen, und dadurch viele von ihnen zum Verkauf ihrer Habe veranlaßt. Am Ende des Jahres 1848 umfaßte der Verein nur noch zweiunddreißig Mitglieder; Oehme und der Schriftführer Johann Gottlob Paul, ein in dürftigen Verhältnissen lebender Advokat, wurden ausgeschlossen. Aus der Akte, die sich im Leipziger Stadtarchiv befindet, geht nicht hervor, ob die verbliebenen Vereinsmitglieder schließlich auswanderten.
Es waren vielfach junge Männer, die sich auf den beschwerlichen Weg in die fremde, unbekannte Welt machten. Glück hatte, wem Familienangehörige den Aufbau einer neuen Existenz erleichterten. Der zweiundzwanzigjährige Schriftsetzer Johann Paul Willibald Adolph gab 1872 an, ihm biete sich durch verwandtschaftliche Verhältnisse ein »vor­theilhaftes Engagement in Amerika«. Im Fall von Joseph August Wilhelm Berthold, einundzwanzig Jahre alt, befanden die Behörden 1854, daß seine Auswanderung im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt und Sicherheit wäre, da der Schankwirtsohn ein »liederlicher, arbeitsscheuer, dem Vagabondiren ergebener Mensch« und zu »Diebereien geneigt« sei. Der Rat der Stadt regelte mit Hilfe eines Agenten alles für die Überfahrt; die Kosten wurden aus einer kleinen Erbschaft Bertholds bestritten. Solche Abschiebungen von (Klein-) Kriminellen sind auch aus anderen Regionen überliefert.
Neben dem ökonomischen Motiv gab es auch politische und andere Anreize, Abenteuerlust zum Beispiel. 1873 erledigte Carl Gottlob Wittig, Oberschaffner bei der Leipzig-Dresdner Eisenbahn, die Formalitäten für seinen 1851 geborenen Sohn Carl Max, der nach Auskunft seines Vaters schon als Kind eine Neigung zum Seemannsleben gezeigt, die Seemannsschule in Hamburg besucht und sieben Jahre lang die Meere befahren hatte. Nun wollte er in Boston bleiben, wo er eine Anstellung nachweisen konnte. Einen ganz anderen Hintergrund hatte Alfred Dolge. In Chemnitz 1848 geboren und in Leipzig aufgewachsen, ließ er sich als junger Mann im Bundesstaat New York nieder und gründete in Brockett’s Bridge eine Fabrik, die Filzprodukte sowie Holz- und Filzelemente für die Klavierfabrikation herstellte. Dolge war stark durch sozialistisches Gedankengut beeinflußt und entwickelte Ideen für betriebliche Sozialleistungen, die für einen amerikanischen Industriellen außergewöhnlich waren. Auch der erste Kindergarten im Staat New York war seiner Anregung zu verdanken. Auf Betreiben der Einwohner wurde Brockett’s Bridge in Dolgeville umbenannt. Dolges soziales Engagement kam nicht von ungefähr. Sein Vater August Dolge, Klavierfabrikant in Leipzig, gehörte zu den 1848er Revolutionären, wurde als Dresdner Barrikadenkämpfer zum Tode verurteilt, zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt und 1853 amnestiert.


Transit Leipzig: Die Profiteure

Hielt sich auch die Zahl der Auswanderer aus Leipzig in Grenzen, so wurde die Stadt um die Mitte des 19. Jahrhunderts unter ganz anderem Aspekt ein wichtiger Ort für Auswanderungswillige: als Durchgangsstation. Wer Europa verlassen wollte, mußte eine Hafenstadt erreichen, und da kam die sächsische Messestadt als Eisenbahnknotenpunkt ins Spiel. Die 1843 in Leipzig gegründete Illustrirte Zeitung, die von Anfang an über das Phänomen Auswanderung berichtete und 1853 sogar eine entsprechende Rubrik einführte, meldete ab den frühen 1860er Jahren wiederholt größere Auswanderergruppen, die über Leipzig reisten und mit der Bahn nach Bremen und Hamburg weiterbefördert wurden. In der ersten Maihälfte 1866 zählte man 859 Personen, in der zweiten Maihälfte 776 Personen. Im Monat Oktober 1870 transportierte die Bahn immerhin noch rund 1130 Passagiere in Richtung Küste. Die meisten von ihnen kamen aus Bayern, Böhmen, Österreich und Ungarn.
Das Auswanderungswesen weckte Begehrlichkeiten. Auch in Leipzig gründeten sich Agenturen, die um Klienten warben oder den Durchreisenden ihre Dienste anboten. Im Juli 1853 informierte das Bremer »Nachweisungsbureau für Auswanderer« den Rat der Stadt, daß es vermehrt Klagen über Leipziger Spediteure und Agenten gebe, die die Unerfahrenheit der Auswanderer ausnutzten, indem sie ihnen die Legitimationspapiere abschwatzten, um sie an sich zu binden, und das Gepäck überteuert und oft verzögert zum Ort der Einschiffung transportierten, so daß die Leute nicht selten ihr bißchen Hab und Gut einbüßten. Zudem arbeiteten sie mit bestimmten Wirten zusammen. Von »Menschenjagd« am Bahnhof und einem förmlichen »Ausbeutungssystem« war die Rede. Wenige Monate zuvor, am 3. Januar 1853, hatte die sächsische Regierung bereits auf Mißstände reagiert und eine Verordnung erlassen, die die Agententätigkeit an eine Konzession band. Als der Leipziger »Nationalverein für deutsche Auswanderung« im Februar 1853 bei der Kreisdirektion Leipzig, also der zuständigen staatlichen Verwaltungsbehörde, um eine Konzession ersuchte, lehnte die Kreisdirektion dies ab, gestattete aber dem Vereinsvorsitzenden, dem Kaufmann August Ludwig Schultze, die gewerbsmäßige Beförderung von Auswanderern. Schultze, der dies bereits praktiziert hatte und unbescholten war, hinterlegte die erforderliche Kaution und betrieb seine Geschäfte nunmehr unter dem Namen »Bureau für deutsche Auswanderer«. Fünf Jahre später wurde er noch einmal aktenkundig, da sich sein Expedient in Böhmen unlauterer Praktiken bediente, um der Konkurrenz Kunden abspenstig zu machen.
Eine weitere Agentur, Schlobach & Morgenstern, organisierte ab 1855 drei Jahre lang die Auswanderung nach Brasilien in die »Colonia Saxonia«. Die Inhaber, Carl Wilhelm Franz Schlobach und Herrmann Morgenstern, waren die sächsischen Generalagenten der 1847 gegründeten Mucury-Gesellschaft, die am Mucuri, einem Fluß im Südosten Brasiliens, ein Kolonisationsprojekt vorantrieb, um die Infrastruktur auszubauen. In der Presse las man damals häufig Nachrichten über das traurige Schicksal von Auswanderern in Brasilien, und unlängst gab Edgar Reitz in seinem wunderbaren Filmepos »Die andere Heimat« (2013) skrupellosen Brasilien-Agenten, die mit unsäglichen Versprechen die Landbevölkerung zur Ausreise animieren, einen kleinen Auftritt. Mit Versprechen sparte Schlobach & Morgenstern ebenfalls nicht, die Agentur warb mit gesundem Klima und Wohlstand nach zehn Jahren fleißiger Arbeit, betrieb aber keine plumpe Bauernfängerei. Franz Schlobachs Bruder Robert stand als Ingenieur im Dienst der brasilianischen Regierung; somit hatte man einen landeskundigen Familienangehörigen vor Ort. Die Bedingungen für die Neuankömmlinge waren dennoch äußerst schwierig, Kritik am Kolonisationsprojekt wurde laut, und so manch einer sah seine Erwartungen nicht erfüllt. 1858 beschwerte sich der nach Leipzig zurückgekehrte Maurer Carl Eduard Wegewitz, er sei durch Schlobach & Morgenstern zur Auswanderung nach Brasilien verleitet worden, habe dort aber nicht das versprochene gute Geschäft als Seifensieder machen können. Belege konnte er nicht vorweisen, und so sahen sich Kreisdirektion und Rat der Stadt nicht veranlaßt, gegen die Agentur vorzugehen. Im allgemeinen dürften Agenten, die vom Geschäft mit der Auswanderung lebten, wohl kaum die Schwierigkeiten in den Vordergrund gestellt haben, und so manch ein Kandidat wird blauäugig und schlecht gerüstet gewesen sein.


Ein Amerika-Kenner in Leipzig: Friedrich Gerstäcker

1837 machte sich ein auswanderungslustiger junger Mann von Leipzig aus auf den Weg nach Nordamerika: Friedrich Gerstäcker, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährt. Er stammte aus Hamburg, wuchs in Braunschweig und Leipzig auf, brach eine kaufmännische Lehre ab und sagte seiner Mutter, er wolle nach Amerika gehen. Sie überzeugte ihn vom Nutzen einer landwirtschaftlichen Ausbildung, die er in Döben bei Grimma absolvierte. Die »Constitution«, mit der er ab Bremen segelte, brauchte vierundsechzig Tage bis zur Ankunft in New York. Noch lange, bis zum Ende der 1860er Jahre, blieben die kostengünstigen Segelschiffe konkurrenzfähig; in den späten 1870er Jahren lag der Anteil der Dampfschiffüberfahrten dann bei fast 100 Prozent.
Gerstäcker führte während seiner Überfahrt für seine Mutter Tagebuch. Es vermittelt ein lebendiges Szenarium der Reise: Im Zwischendeck herrschen Enge und dicke Luft; Seekrankheit und Langeweile setzen den Menschen zu; es gibt Stürme, ungünstigen Wind und manchmal Tanz an Deck, und am Unabhängigkeitstag der USA sind die meisten der über hundert Passagiere stockbetrunken. Reichlich sechs Jahre hielt sich der junge Gerstäcker in Nordamerika auf, arbeitete in verschiedenen Berufen, kehrte 1843 nach Deutschland zurück und zog 1844 nach Leipzig. Er schrieb ein autobiographisch fundiertes Buch unter dem Titel »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas« (1844), das ihn als Schriftsteller bekannt machte. Seine Bestseller, »Die Regulatoren in Arkansas« (1846) und »Die Flußpiraten des Mississippi« (1848), basieren ebenfalls auf dem, was er bei seinem ersten Amerika-Aufenthalt erlebt und gehört hatte. Mit seinen lebendigen Schilderungen prägte Gerstäcker das Amerika-Bild seiner Zeit entscheidend mit. Bis 1854 lebte er in Leipzig, war zwischendurch allerdings mehrere Jahre lang (trotz inzwischen gegründeter Familie) auf großer Fahrt nach Nord- und Südamerika und in die Südsee. Viele seiner Werke oder Übersetzungen erschienen in Leipziger Verlagen, zudem schrieb er für diverse Leipziger Zeitschriften, wie das Pfennig-Magazin, die Gartenlaube und die Illustrirte Zeitung, und er stand dem »Nationalverein für deutsche Auswanderung« beratend zur Seite.
1845 besuchte der amerikanische Schriftsteller und Journalist Bayard Taylor auf seiner Europareise auch Leipzig. Hier amtierte bereits seit 1826 ein amerikanischer Konsul; von 1833 bis 1837 war es der Eisenbahn-Pionier Friedrich List gewesen, der zuvor acht Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hatte. Taylor, der Friedrich Gerstäcker bei seinem Aufenthalt kennenlernte, stellte fest: »An keinem Ort in Deutschland habe ich mehr Kenntnisse über unser Land, dessen Menschen und Institutionen vorgefunden als in Leipzig.«