Jürgen B. Wolff - Seht, da ist der Mensch – zahlreich erschienen - Nachlese zum 100. Katholikentag in Leipzig

Frühling war’s und Maienzeit. Der Herr ließ die Sonne scheinen und sanfte Winde wehen und gebot, Aberdutzende weiße Pagodenzelte zu errichten, grad so, als wollte er zwischen Elster, Pleiße und Parthe allen Verfolgten, Bedrohten und Entwurzelten dieser Welt ein Obdach aufschlagen. Friede ließ er einziehen vier volle Tage lang von Meusdorf bis Möckern, und ebensolang ließ er allen Mißmutigen die Waffen stumpf werden. Da saßen sie, die Anders- und die Garnichtgläubigen, die Biedermänner und Hobbybrandstifter, Reudnitzer Wutbürger und Connewitzer Mummenschanzler, und blickten ungläubig (wie anders?) auf die Scharen grünbetuchter bußfertiger Frohnaturen, die der Herr aus dem Nichts quasi hatte herbeiströmen lassen.
Eine unwirkliche, beinahe gespenstische Einmütigkeit lag über den öffentlichen Plätzen, wo auf immergrünem Fond das immergleiche vom Chefdesigner gestylte Motto prangte. Seht, da ist der Mensch mit Schrägstrich und Datum. Corporate Identity in rigoroser Monotonie. Denn im Anfang war das Wort und am Ende die Bildmarke, die den Sinngehalt zur Schluckimpfung herunterbricht.
Gottlob war der Mensch auch ohne Sinnspruch nicht zu übersehen. Denn er war zahlreich angereist und, wie meist bei Großevents, fest gewillt, Spaß zu haben. Wer seine Urangst vorm wilden Osten und dem sächsischen Rechtsruckepack erst einmal im Gebet besänftigt hatte, konnte Leipzig als zivilisiertes Gemeinwesen mit intakter Infrastruktur erleben und seine Ureinwohner – trotz ihres meist konfessionslosen Aggregatzustands – als freundlich-inter­essierte Zeitgenossen. Legida hin, Pegida her, das eine ist der Ruf, der einem vorauseilt, und das andere der Verrufene, der ihn Lügen straft. In ihrem Gruß »An die Katholiken« schrieb Aileen aus der 5c: »Liebe Gäste ich wünsche ihnen einen schönen Aufenthalt Ich hoffe es gibt nicht zu viele Menschen die ihre Gesellschaft nicht mögen.« Kurios, daß Leipzig, obwohl es derzeit Zuzugsrekorde bricht, im tiefen Westen immer noch Imageprobleme hat. Zweifellos hat der Katholikentag diesbezüglich Entspannungsarbeit geleistet. Dreißigtausend Auswärtige zählte die Statistik, kein Dammbruch, aber ein guter Schnitt für eine Veranstaltung in der tief­sten »Diaspora«, wie die Macher süffisant betonten.
Glaubensfreiheit legt der einstige DDR-Insasse nun mal dergestalt aus, daß er sich vom Glauben frei wähnt. Und auch nicht rot wird, wenn er sich mutwillig dazu bekennt. Damit müssen nicht nur die vier Prozent Katholiken in Leipzig leben, auch die viermal soviel Protestanten. Und als klare Minderheit walten sie recht selbstbewußt. Städtische Entscheidungsträger billigen einen katholischen Kirchenneubau direkt vorm Rathaus, wohl wissend, daß derselbe vor allem den Zuzüglern aus den Altbundesländern frommt. Dem eingeborenen Agnostiker bleibt, stirnrunzelnd hinzunehmen, daß der schmuckfreie Neubau die historische Sichtachse vom eben erst renovierten Völkerschlachtdenkmal aufs Neue Rathaus kappt. Gleichgültigkeit gegenüber einer gewachsenen Stadtlandschaft? Demonstrative Absicht? Ein gegenreformatorischer Affront aufs anstehende Lutherjahr? Propst Gregor Giele, Pfarrer bei St. Trinitatis, argumentiert mit dem einstigen Zisterzienserkloster, das hier gestanden habe und von dem noch der Name Nonnenmühlgasse zeuge. Dessen Steine seien nach dem Abriß beim Umbau der Pleißenburg, des heutigen Neuen Rathauses, vermauert worden. Denkt man diese Lesart zu Ende, stünde es nun unentschieden …
Wie auch immer. Bei der Wahl Leipzigs zum Schauplatz des 100. Katholikentags diente St. Trinitatis als stechendes As im Ärmel. Dem einen oder anderen auswärtigen Glaubensbruder dürfte der zen­trale Standort des Baus gar geschmeichelt haben. Ausgerechnet Leipzig, die »europäische Hauptstadt des Atheismus«, leistet sich ein derartiges Glaubensbekenntnis. Da kann sich manche Westkommune, deren Altachtundsechziger noch immer »den Muff aus tausend Jahren unter den Talaren« schnüffeln, ein Scheibchen abschneiden.
Wohlwollend betrachtet, läßt sich die neue Pfarrei freilich auch als Versöhnungsangebot interpretieren. Wenn nämlich die Veranstalter des Katholikentags in ihrem Resümee die große Zahl ökumenischer Begegnungen hervorheben und die reibungslose Zusammenarbeit mit den evangelischen Gotteshäusern, die zwischen den Konfessionen mehr Verbindendes als Trennendes offenbart habe, wäre dies ein Zeichen des Umdenkens und ein Einschwören der vereinten Christenheit auf ganz neue Feindbilder.
Für eine Veranstaltung, die nichts weniger als ein neues, vom Volkspapst Franziskus befeuertes Gemeinschaftsgefühl seiner zahlenden wie berufenen Mitglieder anstrebte, war Leipzig gut gewählt. Sozusagen neutrales Terrain. Die Erstausgabe der Katholikentage fand 1848 in Mainz statt, und seine kaum hundert Teilnehmer standen im Bann bürgerlich-demokratischer Umwälzungen, die bald schon in blutigen Scharmützeln auf den Barrikaden verhandelt werden sollten. Das von Laien getragene Treffen drängt seither Rom zu Reformen. Und die ließen die rituelle Kruste Stück um Stückchen krümeln. Der Katholikentag Nr. 100 wollte sich vor seiner stürmerischen und drängerischen Historie verneigen und deren Geist weitertragen. Kaum ein Ort schien den Veranstaltern dafür sinnbildhafter als das Zentrum der »Heldenstadt«, um dessen Ringstraße 1989 Tausende staatsratsmüde Leipziger zogen. Daß den legendären Rundkurs neben der Thomaskirche heute das Gedenkdouble der 1968 gesprengten Universitätskirche als auch das neue katholische Gotteshaus flankieren, mag verstörend anmuten, erscheint aber auch irgendwie folgerichtig. Lieferte er, der Leipziger Ring, gar die Idee, dem Katholikentag als optisches Etwas ein großes rundes O zu verpassen, welches am Markt luftprall und frühlingsgrün über den Köpfen schwebte? Wer da ging, stand oder saß, konnte seiner möglichen Bedeutung kontemplativ nachsinnen und dabei ­allerlei assoziieren. Das große O als gigantischer Selbstlaut, der vollmundig die Konsonantenklammer »G_tt« überstrahlt? Oder als Stargate, quasi lockendes Eintrittstor für den sächsischen Glaubensmuffel ins Reich der Rosenkränze und Weihräusche? Oder war es als das hymnische Ansinge-O gedacht in »O Haupt voll Blut und Wunden«?
Die Einheimischen jedenfalls, so sie sich aus ihren heidnischen Randbezirken in die spirituelle Stadtmitte wagten, beäugten das fremde bis befremdliche Treiben mit unverhohlener Neugier. Allein die Kleiderordnung tat das Ihre. Weniger barhäutige Tattoos, dafür Talare, Soutanen und Ordenskittel aller Couleur. Weniger sächsisches Gebrummel, dafür keckfrommes Gezwitscher auf fränkisch, hessisch, pfälzisch, friesisch. Da traute mancher seinen Ohren nicht, wenn er, beim Open-air-Gottesdienst am Burgplatz, vom Bamberger Erzbischof Schick mit rührendem Eifer vorm Fegefeuer gewarnt wurde. (Er beruhigte sich aber, als er inmitten der Andächtigen OB Jung entdeckte, der der höllischen Verdammnis sichtlich gelassen entgegensah). Man wunderte sich über die schiere Menge caritativ und seelsorgerisch Aktiver, die sich mit Flyern, Broschüren und Aug in Aug im zwanglosen Gespräch präsentierten. Daß unsere von Sinnentleerung, Narzißmus und verdampftem Wir-Gefühl geplagte Welt solch eine Vielfalt an persönlichem Engagement auf die Waage bringt, konnte jene, die es wahrnahmen, nachhaltig beeindrucken.
Konsolidierung durch Wandel. Ein Prozeß, der, wie Andreas Czerny, Wiener Katholik und Seelsorger im Leipziger Herzzentrum, erzählt, die Katholikentage seit Jahrzehnten prägt: »Die Laien sind heute genauso wichtig wie die Amtsträger. Prediger, Bischöfe, Kardinäle arbeiten viel enger zusammen, es gibt nicht mehr diese harte hierarchische Trennung. Wenn Sie heute beim Katholikentag durch die Stadt gehen, können Sie mit Bischöfen quasi auf Augenhöhe reden, noch vor hundert Jahren verlangte das Handkuß und Niederknien. Man kann sagen ›Abschied von Hochwürden‹ – im besten Sinn alle alten Zöpfe ab. Mit der ’68er Bewegung ging es auch der Kirche an den Kragen. Und nach dem zweiten Vatikanischen Konzil war klar, es zählt nicht mehr der Bischof, sondern die Kirche vor Ort.«
Also fand Kirche zum Katholikentag beinahe überall statt, indoor wie outdoor, im kleinen Kreis wie auf großen Plätzen, indirekt bei Foren und Streitgesprächen, direkt bei gottgefälligen Ansprachen und Verrichtungen. Wer der Schlußpredigt von Kardinal Marx auf dem Augustusplatz lauschte, konnte sich geschlossenen Auges auch in eine höchst weltliche UN-Friedensverhandlung versetzt fühlen. Inhaltliche Brisanz und Leidenschaft des Vortrags ließen – was sicher keine Absicht war – die rituelle Rahmenhandlung zur Folklore verkümmern. Wann passiert schon, daß man einem Redner, Prediger gar, gern noch viel länger zugehört hätte. Danach war alles wie zuvor. Vielleicht aber auch nicht.
Propst Giele freut sich über die Neugierigen, die am Wilhelm-Leuschner-Platz die Straßenseite wechseln und in seinem Bibelfenster lesen. Das Interesse an dem Neubau überböte alle Erwartungen. Mitgliederzahlen steigen, Taufen desgleichen. Man ist versucht, sich im Betraum vor die riesige kahle Ostwand, die einzig ein großes gleichschenkliges Kreuz ziert, zu setzen und zu meditieren. Früher lenkten Glasfenster, Altäre, Kruzifixe die Denkwege der Betenden, hier wird die schiere weiße Fläche zur Leinwand des Kopfkinos mit unfreiwilliger Selbstkontrolle. Und dann ist da noch das Gegenstück zum großen Kreuz, ein kreuzförmiges Fenster in der Westwand, das bei Tage ein zweites, schräg versetztes Lichtkreuz an die Altarwand wirft. Beim Anblick beider tut sich unweigerlich die Frage auf, ob sie jemals, zu Ostern oder Pfingsten, zur Winter- oder Sommersonnenwende aufeinanderliegen werden. Pfarrer Giele schüttelt den Kopf. Ein Leipziger Stonehenge war nicht beabsichtigt. Also sitzt man und sinnt dem Zweck hinterher. Dem Pantoffelphilosophen erscheint die Interferenz als Sinnbild einer doch nicht makellosen Schöpfung. Der gelernte Drucker in mir leidet, weil ihn die Kreuze an verrutschte Paßkreuze erinnern. Und der Schelm denkt, ob er will oder nicht, an den Jahrhundertjoke in Monty Pythons »Leben des Brian« – »Jeder nur ein Kreuz!«