Mit jährlich zweitausend Veranstaltungen und über einer halben Million Besuchern schlug einst in der Kongreßhalle das kulturelle Herz Leipzigs. Als der Rat der Stadt am 12. September 1988 den Kulturpalast schließen ließ, um seine überfällige Instandsetzung zu starten, ahnte niemand, daß der Patient für ein Vierteljahrhundert ins Koma fallen würde. Ausgerechnet die Finanzkrise gab 2009 den Anstoß zur Rettung. Die im Mai 2015 neueröffnete Kongreßhalle besteht aus einem Konglomerat bemerkenswerter Architekturen und soll künftig Leipzigs Position als Kongreßstadt stärken.

Die Geschichte des Hauses ist ein Spiegel deutscher Kulturgeschichte der letzten hundert Jahre. Das Gesellschaftshaus des Zoos mit Großem Saal – dem damals größten Festsaal der Stadt –, dem Terrassensaal (heute Richard-Wagner-Saal) und dem Pfauensaal (heute Bachsaal) wurde 1900 nach Plänen von Heinrich Rust erbaut; das gehobene Leipzig nahm das Etablissement umgehend in Besitz und feierte fortan im pompösen Ambiente vor allem eins: sich selbst. Auch Konzerte der »leichteren Musik« und »Conferenzen« füllten die Säle. Ab 1919 mietete zudem die Messe das Haus für Expositionen. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kam es zum Neubau des Weißen Saals (1925, Architekt Walther Born) im Stil des Art déco und zu ersten Umgestaltungen (Pfauensaal, Wandel­halle). Stadtbaurat Hubert Ritter wollte für eine bessere Akustik im Großen Saal sogar den Stuck abschlagen lassen, fand jedoch keine Befürworter. Ein Bombentreffer am 6. April 1945 führte zur teilweisen Zerstörung des Großen Saals. Die Wiederherstellung des Hauses hatte ab Sommer 1945 höchste Priorität, denn es war neben dem Haus Dreilinden die einzig verbliebene größere Kultur- und Versammlungsstätte in Leipzig, die nicht gänzlich in Schutt und Asche lag. Nach einer kaum vorstellbaren Kraftanstrengung feierte man bereits am 19. August 1946 die Neueröffnung der unter Stadtbaurat Walther Beyer umgebauten und nunmehr so bezeichneten »Kongreßhalle«. Neben den bisherigen Nutzern mußte sie fortan eine Vielzahl obdachloser Ensembles der Stadt aufnehmen, allen voran das Gewandhausorchester (bis 1981). Im Weißen Saal begann zudem am 7. November 1946 mit Erich Kästners Stück »Emil und die Detektive« das Theater der Jungen Welt als erstes deutsches Kinder- und Jugendtheater seinen Spielbetrieb.
Am augenfälligsten war der Gestaltwandel im Großen Saal, der, den akustischen Anforderungen des Gewandhausorchesters folgend, modern umgebaut worden war. Bis 1949 kamen auch andere Säle in den Genuß der Umgestaltung. Der einstige Pfauensaal erstrahlte zum Beispiel im Stil des in der frühen DDR beliebten Neobarock neu und hieß fortan Bachsaal. Die Kongreßhalle stieg nun zum Leipziger Kulturpalast auf. Tanzturniere, die Leipziger Jazztage, Zoo- und Tanzstundenbälle, Jugendweihen oder Radio- und Fernsehübertragungen sogenannter bunter Abende erweiterten das Angebot. Über allem waberte stets der der Restau­rantküche entweichende Duft von Rotkraut und Schweinebraten. Das Geschirrklappern von dort soll David Oistrach sogar einmal dermaßen entnervt haben, daß er sein Spiel unterbrach. Am 12. September 1988 war auch damit Schluß. Schließlich wurde der bislang noch bespielte Weiße Saal am 28. August 1989 Opfer einer Brandstiftung.
An Bemühungen, die Kongreßhalle wiederherzurichten, fehlte es in der Folgezeit ebensowenig wie an Teilsanierungen, gefährlichen »Entrümpelungen« sowie an diversen Zwischennutzungen. Die Stadt als Eigner hatte nie eine schlüssige Vorstellung von einer zukünftigen Nutzung des Gebäudes. Dies wollte eine kleine Gruppe engagierter Bürger nicht hinnehmen, sie gründeten 2001 eine Bürgerinitiative und 2006 schließlich den Verein Kongreßhalle Leipzig. Mit Protestaktionen, Führungen und Aufrufen trug auch diese Initiative dazu bei, daß die Kongreßhalle nicht gänzlich in Vergessenheit geriet. Dies war für jenen Moment entscheidend, als der Bund im Zeichen der Finanzkrise den Kommunen mit einem Konjunkturpaket unter die Arme greifen wollte. Zeitnah entstand in der Stadtverwaltung und in der Messe GmbH die Idee, die Kongreßhalle künftig als zweites Kongreßzentrum zu nutzen – neben dem gut ausgebuchten Congress Center Leipzig an der Neuen Messe. Die Idee überzeugte – trotz Risiken – auch eine Mehrheit im Stadtrat. Sie beschloß am 26. August 2009 Sanierung und Umbau des Hauses mit anteiligen Mitteln aus dem Konjunkturpaket des Bunds. Das Ziel war, Lösungen für Sanierung, Umstrukturierung und Neuorganisation des Altbaus in Verbindung mit erforderlichen neuen Ergänzungsbauten zu finden. Diese mußten den denkmalpflegerischen Belangen gerecht werden, sollten aber auch hinsichtlich Funktionalität und Architektur überzeugen. Das Architekturbüro HPP – Hentrich-Petschnigg und Partner aus Leipzig unter Leitung des Architekten Gerd Heise erhielt als Sieger des Wettbewerbs am 10. Oktober 2009 den Zuschlag für die Planung. Die Bauarbeiten begannen am 1. August 2010. Bauherr wurde die Zoo Leipzig GmbH unter Direktor Jörg Junhold. Als am 29. Mai 2015 geladene Gäste in einem Festakt 1000 Jahre Ersterwähnung Leipzigs feierten, versammelte man sich staunend im neuen Großen Saal der Kongreßhalle. Es war auch der Tag der offiziellen Eröffnung des Hauses. Weitere Interessierte nutzten am 5. Juli 2015 einen Tag der offenen Tür zur Besichtigung, darunter viele, die mit alten Bildern und Erinnerungen im Kopf die Säle durchstreiften. Die immense Komplexität des Umbaus erschließt sich dem Betrachter aber nicht auf den ersten Blick.
Moderne Kongreßzentren sollten im Idealfall mit einer Hierarchie von Sälen ausgestattet sein. An deren Spitze steht gemeinhin ein Hauptsaal mit mindestens 1000 Plätzen, gefolgt von zwei Sälen mit je 500, vier Sälen mit je 250 und acht Sälen mit jeweils 125 Plätzen. Zudem verlangen viele Veranstalter eine größere Ausstellungsfläche. Vorhanden waren in der Kongreßhalle der Große Saal mit 1160 Plätzen im Parkett und 607 auf dem Rang, der Richard-Wagner-Saal mit 195, der Weiße Saal mit 500 und der Bachsaal mit 240 Plätzen. Neu zu schaffende Saal- und Ausstellungsflächen bestimmten die wichtigsten Bauaufgaben. Der Neubau des Nordflügels ging einher mit der Sanierung des Bachsaals und des Weißen Saals. Neu entstanden dort im Erdgeschoß der Telemannsaal (240 Plätze), der Händelsaal (255 Plätze) und im ersten Obergeschoß mit Ausblick zur Pfaffendorfer Straße der Mahlersaal (255 Plätze). Unter Nutzung des Platzes des abgebrochenen Bühnenhauses entstand auf gleicher Ebene zudem der Schumannsaal mit 170 Plätzen. Die Verbindung der Säle im Erdgeschoß gewährt ein neues Foyer, das sich nach oben dem Tageslicht öffnet. Äußerlich fügt sich der Neubau an der Pfaffendorfer Straße dezent zwischen alter Kongreßhalle und neuem Verwaltungsgebäude des Zoos ein. Vom Zoo aus betrachtet zeigt sich dem Betrachter dagegen ein beeindruckendes Ensemble. Das repräsentative Gebäude des Weißen Saals wird von den ähnlich großen Neubauten des Palmen- und des Telemannsaals mit transparenten und filigranen Fassaden flankiert. Der Palmensaal mit 144 Plätzen an Tischen ist das neue Zoo-Restaurant. Die Fassaden beziehungsweise tragenden Konstruktionen von Palmen- und Telemannsaal bestehen aus schmalen Säulen aus Sichtbeton mit gotisch anmutenden Abschlüssen. Dabei griffen die Architekten Form und Größe der Fenster des Weißen Saals auf und addierten diese formal zu einer dichteren Säulenfolge. Die hinter den Säulen liegenden thermischen Glasfassaden gewähren Einblicke, ebenso die erhabenen Fenster des Weißen Saals, die im unteren Bereich über Flügeltüren das Lustwandeln zwischen Saal und Freigelände ermöglichen.
Restauriert beziehungsweise rekonstruiert wurden zudem der Große Saal mit 1170 Plätzen im Parkett, der angrenzende, lange als Zoo-Restaurant genutzte Richard-Wagner-Saal – er ist in zwei Säle zu je 144 Plätzen teilbar – und vier kleinere Säle im ersten und zweiten Obergeschoß über dem Hauptfoyer, die mit jeweils 120 Plätzen ausgestattet sind. Sie tragen die Namen von Schiller, Goethe, Lessing und Leibniz.
Die Unterbringung der geforderten Ausstellungsfläche war die wohl schwierigste Aufgabe, da sich für sie im und am Gebäude zunächst kein Raum bot. Die Architekten fanden im bisher nicht nutzbaren Kellerbereich unter dem Großen Saal eine überzeugende Lösung. Sie entfernten den aus Brandschutzgründen ohnehin nicht mehr zulässigen Saalboden und verlegten einen neuen Boden stützenfrei auf Stahlträgern. Der alte Kellerboden wurde tiefer gelegt. Dadurch entstand eine 1000 Quadratmeter große Ausstellungshalle.
Das ursprüngliche Betreiberkonzept sah eine ­Nutzung für Kongresse mit tausend Teilnehmern vor. Erste Erfahrungen bei der Vermarktung des Hauses und die von verschiedenen Seiten gefor­derte Öffnung auch für kulturelle Höhepunkte führten noch im Frühjahr 2014 zu einer Korrektur. In der Kongreßhalle können nun mehrere Veranstaltungen gleichzeitig – auch kulturelle – mit bis zu 2250 Personen stattfinden.
Auch die Forderung nach Barrierefreiheit war nicht einfach zu realisieren, da das alte Haus eine Vielzahl von Ebenen hatte. Als äußerst problematisch erwies sich vor allem die Positionierung eines Aufzugs im Altbau. Er sollte alle Räume in den Geschossen bedienen, durfte aber die denkmalgeschützte ­Außenansicht des Altbaus nicht durch An- oder Aufbauten stören. So blieb nur der Einbau im ­Foyer an zentraler Stelle – ausgeführt als weitgehend gläserne Konstruktion.
Der denkmalpflegerische Umgang mit dem Großen Saal, dem Bachsaal, dem Weißen Saal und dem Hauptfoyer zählt wohl zum Interessantesten und Spannendsten der neuen Kongreßhalle. Zwar war deren Erhalt von Anfang an gesetzt, doch blieben ausgehend von mehreren Schichten historischer Befunde (von 1900, um 1928 und 1946) und wegen der Erfordernisse der modernen Haustechnik hinreichend Detailfragen zu klären. Erschwerend trat hinzu, daß bei der unsachgemäßen Beräumung 1998/99 wichtige Bestände und Befunde vernichtet worden waren und der Weiße Saal durch den Brand von 1989 im Inneren völlig zerstört war. Um so mehr stritt der Verein Kongreßhalle Leipzig um den Erhalt der noch vorhandenen Ausstattungen und Deckengemälde. Mit Blick auf das Budget und mit Rücksicht auf die künftige Hauptnutzung mußten Kompromisse gefunden werden – auch schmerzliche. Dennoch dürfen die gefundenen Lösungen als ausgesprochen gelungen und richtungweisend gelten. Letzteres betrifft vor allem die Entscheidung, die Rekonstruktion nicht nur auf eine Stilphase zu konzentrieren. Der Besucher wandelt vielmehr durch Räume mit unterschiedlichsten Formsprachen: Jugendstil, Art déco, Neobarock und eine mit Licht und Materialien spielende sachliche Moderne. So restaurierte der Leipziger Restaurator Wolf-Christian Heindorf im Bachsaal die neobarocke Ausgestaltung mit Stuck und Ausmalung. Von der einstigen Ausstattung des Weißen Saals waren lediglich hinter Platten verborgene Reliefs in den Türnischen erhalten ge­blieben. Staunend betritt der Besucher heute den nahezu vollständig im alten Glanz rekonstruierten Art-déco-Saal. Der Berliner Bildhauer Andreas Artur Hoferick stellte dafür den Stuckzierat und den Figurenschmuck von Alfred Brumme nach Fotodokumenten fast identisch wieder her. Im Hauptfoyer legte Heindorf vier farbintensive, in Wachsfarbentechnik ausgeführte Deckenmalereien frei. Gleichzeitig fand er größere, gut erhaltene Befunde im Art-déco-Stil. Eine komplette Restaurierung des Foyers in seiner Fassung von 1928 bot sich an. Doch die Denkmalpfleger entschieden anders. Foyer und Treppenhaus wurden im Stil der Entstehungszeit, dem Jugendstil, restauriert und rekonstruiert. Wegen des Fahrstuhleinbaus war ohnehin die Abnahme und Einlagerung eines der Deckengemälde notwendig, die anderen wurden fachgerecht konserviert und verdeckt.
Die Entscheidung für die Gestaltung des Foyers hing auch mit jener zur Gestalt des angrenzenden Großen Saals zusammen. Architekten und Bauherr favorisierten den Rückbau des Saals auf seine Fassung von 1900, die durch Tonnendecke, Türen zum Richard-Wagner-Saal und gebauchte Brüstungen geprägt war. Allerdings war von der einst reichen Jugendstil-Stuckfassung mit den Allegorien der Erdteile, mit Elefantenköpfen, Giraffen, Papageien, Drachen und Sphingen nichts mehr vorhanden. Ihre Wiederherstellung sah das Budget nicht vor. Im Vergleich zur Pracht von 1900 wirkt der neue Große Saal ohne Stuckwerk zwar nüchterner, strahlt aber mehr Erhabenheit aus. Optisch fehlen lediglich die für derartige Raumgrößen fast zwingenden Kronleuchter. Auch sie paßten nicht ins Budget, können aber nachgerüstet werden. Die Traversen als Träger der Bühnenbeleuchtung sind bei Bedarf abnehmbar.
Einen besonders glanzvollen Akzent setzt die Bühnenumrahmung mit ihrem plastischen Schmuck, der ebenfalls von Andreas Artur Hoferick nach historischen Fotos rekonstruiert wurde. Zu sehen sind wieder die Giraffen unter Palmen, auf denen Alabasterpfauen ihr Rad schlagen. Eine Figurengruppe krönt den Bogen. Sie zeigt links die Wissenschaft mit Büchern, Globus und Fernrohren, rechts die Kunst mit Harfe und Homermaske. Dazwischen steigt Lipsia als Siegesgöttin mit Stadtkrone und Lorbeerzweig in der linken Hand hervor – gerade als wollte sie sagen: »Seht her, was möglich ist.« Hätte sie in der rechten Hand ein Schwert, würde sie wohl zum Ritterschlag ausholen – für die Architekten, die Restauratoren, den Bauherrn und sicherlich auch für jene, die stets an die Wieder­auferstehung der Kongreßhalle geglaubt und dafür gestritten haben. Merkur würde der Zeremonie genüßlich beiwohnen, weiß er doch, daß er der große Gewinner ist. Die Leipziger Messe sammelt bereits reichlich Buchungen für ihre – aus Gründen der Vermarktung so genannte – »Kongreßhalle am Zoo«. Bleibt zu hoffen, daß auch die Muse öfter hineinschauen darf.