Michael Heyder - »Taxi« und die »Fantastic Four« – eine Nachtruhe. Über ein neues Hostel in Leipzig-Lindenau

Soeben wollte ich mich ins Kissen kuscheln, da hing der Blick auf dem kleinen aufgenieteten Blechschild fest: »Vor der Abfahrt die Stange einhaken!« Nicht wundern! Der Hinweis ist durchaus sinnvoll – da ich mich auf der Ladefläche eines kleinen FIAT-Transporters zur Ruhe begeben will. Deshalb: Stange einhaken! Ist doch klar.
Das Gefährt diente dem Unternehmen des Malermeisters Wolfgang Drubel aus Reinhardshagen, wie die Firmenwerbung an der Fahrertür wissen läßt. Wenn ich bäuchlings auf dem Laken Richtung Armaturenbrett robbe, erwische ich leicht den Drehknopf des Autoradios, das bereitwillig mit Mark Knopflers »Laughs and jokes and drinks and smokes« für mein Schlaflied sorgt.
Daran ändert auch die dramatische Lautstärke der Wandbemalung nichts, die von allerlei apokalyptischen Bränden, Brandys und Branntweinbränden berichtet, Feuer in allen Etagen schreit – und nach deren Löschung ruft.
Ach so, das muß ich zum besseren Verständnis erklären: Der FIAT ist in einem relativ kleinen Raum untergebracht, ohne Räder und im letzten Drittel im Querschnitt abgesägt, ist hinten also offen und gibt den Blick auf das Fenster und den nächtlichen Mond frei. Läßt Kafka grüßen? Aber nicht doch.
Das hier wird eine zwar etwas schräge, dann aber auch ganz angenehme Übernachtung in einem der zwölf, dreizehn oder mehr Hostels, die es in Leipzig gibt. Aus deren Menge ragen allein aufgrund ihres spektakulären Namens einige heraus, die mit verbalem Trommelwirbel auf die Gunst verschiedener Rucksacktouristen zielen. Da gibt es zum Beispiel das Hostel »Unschlagbar« (Karl-Liebknecht-Straße 1), in der Harkortstraße 21 preist sich hemdsärmelig die »Absteige« an, das »Sleepy Lion Hostel, Youth Hotel & Apartments« im westlichen Zentrum, in der Jacobstraße 1 gelegen, will scheinbar gehobeneren Ansprüchen genügen. Offensichtlich gilt hierfür der Grundsatz: Je zen­traler, desto besser.
Aber im Unterschied zum Zentrum hatte sich Gottes Schöpfungsplan an den Rändern von Leipzig – so etwa in Lindenau – lustlos verläppert und das Areal später frühkapitalistischer Bauwut überlassen, die dann die Melange von Industriebauten und »Mietskasernen« hinwuchtete.
Es zeugt von einzigartiger Entschlossenheit und Mut zur Veränderung, ausgerechnet hier den bi­blischen Sehnsuchtsort »Eden« trotzig auszurufen: Demmeringstraße 57 – »Hostel & Garten Eden«!
Eine Herkulesaufgabe. Wer wäre ihr gewachsen? Ein Quartett, das ich bewundernd die »Fantastic Four« nenne: Eva, Gabriela, Juliane, Thea. Die vier jungen Frauen planten mit Phantasie, Engagement und Power nicht weniger als ein Gesamtkunstwerk im Dienste der Übernachtung, das ihnen bis heute nicht nur Gestaltungswillen, erheblichen Anteil von Eigenleistungen, vor allem auch die einigermaßen schleuderfreie Fahrt auf der ökonomischen Schiene abverlangt.
Das Smartphone zwischen schräg gehaltenem Kopf und Schulter geklemmt, den Laptop auf den Knien, und wenn genügend Platz ist, kann man auch noch mit dem linken Fuß den Lichtschalter betätigen. Im Sitzen, versteht sich. Das ist die Führungsriege des »Eden« – aber zugleich auch dessen Personal. Frauenquote 100 Prozent, das ist viel mehr, als von DAX-notierten Konzernen verlangt werden darf.
Selbst »Taxi«, die reinrassige Promenadenmischung mit melancholischen braunen Augen, erweist sich als Hundedame, die fröhlich überall herumwuselt, so als gehöre ihr der ganze Laden.
Im April 2015 eröffnet – das betrifft alle funktionalen Teile des Hauses –, sind außerhalb der Gasträume noch ein paar kosmetische Arbeiten auszuführen (zum Beispiel Malerarbeiten im Flur), doch das Ende jeglicher Handwerkelei ist absehbar. Aber das, was bis heute geleistet wurde, sucht in der Hostel- und Hotel-Branche seinesgleichen. Nicht zu vergessen, daß der morbide Charme eines Gebäudes aus DDR-Zeiten (marode Wasser- und Elektroleitungen, bröckelnder Putz, verquollene Fenster, schadhafte Beläge und so weiter) einiges an Arbeitsaufwand nötig machte, bevor Tischler, Klempner, Designer und Grafiker auf dem sensiblen Terrain der Visionen überhaupt an den Start gehen konnten.
Nun aber: Die Sektkelche hoch!
Die von verschiedenen Künstlern und Handwerkern individuell gestalteten Räume und Sanitäranlagen zauberten ein Ensemble, das mit seiner verblüffenden ästhetischen Strategie echte Hingucker überzeugend in das Gewand der einwandfreien Funktion kleidet. Es wird vordergründige Originalität um ihrer selbst willen vermieden, dafür werden mit Phantasie und gestalterischem Humor (auch das!) scheinbar beiläufig Lösungen gefunden – was bei solchen Projekten durchaus nicht immer selbstverständlich ist. Die bei Film und Theater vor allem von Thea gemachten Ausstattungserfahrungen waren hierfür sicher von Nutzen.
In der ersten Etage verteilen sich Einzel- bis Achtbettzimmer mit insgesamt dreißig Betten. Die auf gleicher Ebene befindlichen Duschen und Toiletten entstanden als Ergebnis eines Ideenfeuerwerks. Weit entfernt von biederen »Naßzellen«: Kupferrohre, Segeltuch (!), Holzeinfassungen, florale Dekors und vieles mehr sind den Augen wohlgefällig, während das Handtuch über den Rücken rubbelt.
Im Erdgeschoß leitet die Rezeption (zugleich Bar) über zu einem großen Gemeinschaftsraum und davon rechtwinkelig abgehend zur Gemeinschaftsküche, die mindestens zwölf Personen Platz bietet. Die Küchenausstattung genügt in Umfang und Qualität allen elementaren Anforderungen. Vier Sterne verdient jedoch der bewußte Verzicht auf eine Mikrowelle, deren Betrieb mit erheblicher Strahlung den Verzehr unsäglicher Fertigpampe nahelegen würde. Hier fehlt einiges, aber das ist eher ein Gewinn. Selbst Fernsehgeräte in den Zimmern wurden weggelassen. Am wuchtigen Tisch aus vier Zentimeter dicker Fichtenholzplatte ist gut sitzen und palavern: Da gibt ein junger Mann Tips für günstigen Einkauf in der Nähe der Unterkunft, eine flinke Frau aus Bochum am Herd gibt bereitwillig Auskunft über die Rezeptur der von ihr bereiteten Ofenkartoffeln. Verführerischer Duft lockt weiteres Publikum an. Auch mich zieht es in dessen Nähe, im Schlepp einen fränkischen trockenen Roten Eußenheimer First »Domina«, der an der Bar des Hauses zu haben ist (Empfehlung!).
Hier erlebe ich unbekümmerte Leichtigkeit, die auch mich alten Zausel mitnimmt. Meine Befürchtung, ich sei zu alt fürs Hostel, wird mit dem Hinweis auf eine neunzig Jahre alte Dame als bisher ältesten Gast entschärft.
Wer möchte, kann Frühstück zusätzlich buchen. Der namengebende großflächige Garten liegt an der Südseite des Gebäudes. Er besteht zur Zeit auf seinem gesetzlich verbrieften Winterschlaf und scheut daher den Vergleich mit dem Wörlitzer Park. Ich darf mich auf einen späteren Besuch freuen. Zu den Räumen: Die Gestaltung des Einbett-/Pärchenzimmers, dominiert vom bereits erwähnten FIAT-Fiorino, stammt vom Tischler Conrad Schwer und vom Künstler Ricaletto. Die »Platte West« nimmt als Zweibettzimmer die Skyline der Leipziger Satellitenstadt Grünau auf. Daß sich dennoch ein Wohlgefühl einstellt, hat unter anderem mit der Ehrlichkeit der Materialverwendung zu tun. Tatsächlich: Beton (von den angehenden Architekten Catharina Zopf und Marius Koch). Das Zweibettzimmer »Mackintosh« zeigt sich als freie Inter­pretation und Hommage an den schottischen Jugendstil-Designer und Architekten Charles Rennie Mackintosh. Die sorgfältige Verarbeitung wärmt jedem Holzliebhaber das Herz, verantwortet durch die ästhetischen Handschriften des Holzwerkkollek­tivs Ernst & Jung und der kongenial arbeitenden Grafikerin MiezWars. Das Familienzimmer (vier Betten, die beiden oberen werden die Kinder mit Sicherheit als Abenteuerspielplatz mißbrauchen) ist das Ergebnis von Ideen und Inspirationen verschiedener Künstler und Handwerker, Wandgestaltung vom Dresdner Rainer Müller. Betten aus Türteilen, die aus dem sogenannten Capa-Haus stammen (Jahnallee 61, hier entstand am 18. April 1945 das Foto »Der letzte Tote des Krieges« des US-Soldaten und Fotografen Robert B. Capa). »Girls’ Dorm« als Sechsbettzimmer ist ausschließlich den jüngeren und älteren Mädels vorbehalten. Der Raum ist ein einziges avantgardistisches Lächeln. Er zeigt, wie das mit den Schlummernischen richtig gemacht wird. Ebenfalls ein Sechsbettzimmer: die »Baustelle«. Erdverbunden, für Liebhaber von Gerüstverbindungsschellen. Aaaaber Spinde im Porsche-Hochglanz-Look zum Wohlfühlen. Der Raum namens »Sabine«, Achtbettzimmer. Ich habe es gesehen! Unglaublich. So viel Kubikmeter Bett in so wenig Kubikmeter Raum unterzubringen, das grenzt an Zauberei. Dazu noch nach allen Regeln der Designer-Kunst, Farben, Licht, Material, solide Verarbeitung … und überall ist dennoch Platz! Besonderes Lob für die beiden Ausstatter und die Fantastic Four: Ich habe im FIAT so gut wie im Garten Eden geschlafen! Mein heimisches Bett weiß nichts davon.

P. S.: In der Nähe befinden sich Straßenbahn, Busse und S-Bahn. Sehenswert ist das als Nah­erholungsgebiet erschlossene Leipziger Hafen­gelände – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.