Mustafa Haikal · Die »Riesenaffen« des Leipziger Zoodirektors Ernst Pinkert (1844–1909)

Im vergangenen Sommer stieß ich in einem Pariser Antiquariat auf ein Buch, das meine Aufmerksamkeit erregte. Es handelte sich um einen sorgfältig gearbeiteten Halblederband aus dem Jahre 1895, der neben einer Reihe wissenschaftlicher Artikel auch die Abbildungen von zwei Orang-Utans enthielt. Der Titel des Bands »Observations sur deux Orang-outans adultes morts à Paris« bestätigte meine Vermutung, daß es sich nur um jene Menschenaffen handeln konnte, die der Leipziger Zoodirektor Ernst Pinkert gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Belgien und Frankreich zur Schau gestellt hatte. Die farbigen Porträts zeigen »Max« und »Moritz«, zwei Orang-Utan-Männer von beeindruckenden Ausmaßen. Der Import dieser Tiere, ihr kurzes Leben in Europa und die Umstände ihrer Präsentation – all das hatte mich bereits vor Jahren beschäftigt und ließ sich nun um weitere Details ergänzen.
Die Geschichte begann in Port Said, am Suezkanal. In der ägyptischen Kleinstadt gab ein Offizier des deutschen Lloyd-Dampfers »Preußen« im November 1893 eine Reihe von Telegrammen auf, um die Orang-Utans zum Verkauf anzubieten. Nach dem, was wir aus späteren Berichten erfahren, hatte er sie in Singapur erworben, wobei ihre genaue Herkunft unbekannt ist. Fest steht nur, daß die Tiere von der Insel Borneo stammten und somit bereits eine innerasiatische Seereise hinter sich hatten. Die beiden Affen waren von Anfang an Spekulationsobjekte – und nicht nur wissenschaftliche Neugier, sondern auch der zu erwartende Gewinn spielte bei ihrem Import eine wichtige Rolle. Von allen Tierhändlern und Zoodirektoren, die das Telegramm erhielten, scheint sich nur Ernst Pinkert für das Angebot interessiert zu haben. Als einziger fuhr er Mitte November nach Genua, um die hier eingetroffenen Menschenaffen zu begutachten. Für die sehr hohe Summe von 20000 Mark, den »Wert einer kleinen Villa bei Gaschwitz«, wechselten die Orang-Utans schließlich den Besitzer.
Die Risikofreude des Leipzigers beeindruckte bereits die Zeitgenossen. Der ehemalige Gastwirt hatte sich emporgearbeitet und eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Seit Jahren betrieb Pinkert neben dem Zoo am Rosental auch einen Handel mit exotischen Tieren. Dieser war zwar sehr aufwendig, ermöglichte aber Einnahmen, die er für den Zoologischen Garten dringend benötigte. Die in Genua erworbenen Orang-Utans blieben zunächst auf dem Schiff und setzten die Seereise fort. Während dann der Lloyd-Dampfer mit den Menschenaffen Antwerpen ansteuerte, eilte Pinkert an die Pleiße zurück und ließ in der Stahlbaufabrik von Franz Mosenthin zwei Transportkäfige anfertigen. Sie waren in ihren Ausmaßen fast quadratisch, wobei jede Seite etwa zweieinhalb Meter maß.
Am 24. November 1893 fuhr der Leipziger Direktor gemeinsam mit dem Oberwärter Hermann Fischer in die belgische Hafenstadt. Mit einem Kran wurden die 18 Zentner schweren Kisten mit den Affen am folgenden Tag von Bord gehoben und in den Zoo von Antwerpen gebracht. Reichlich zwanzig Stunden später ging es im Schnellzug nach Brüssel. Im Musée Castan, dem Panoptikum in der Passage du Nord, war in der Zwischenzeit ein Zentral­käfig aufgebaut worden. Seit Tagen hatten die Zeitungen das Ereignis angekündigt und intensiv Werbung betrieben. Von »dämonischen Gestalten« ist in diesen Berichten die Rede, von einer »furchtbaren Kraft und Bestialität«. Kein Wunder, daß die Besucher in Scharen herbeiströmten und nervös wurden, als sich die Präsentation um Stunden verzögerte.
Fast achthundert Mark erhielt Pinkert pro Tag, bis 10 Uhr abends blieb die Ausstellung geöffnet. Und das sollte nur der Anfang sein. Der Leipziger hatte große Dinge vor, wollte auf Tournee gehen und möglichst viel Geld verdienen. Noch in Brüssel vereinbarte er mit dem Direktor des Jardin d’Acclimatation, einem der Zoologischen Gärten von Paris, eine weitere Exposition und stellte die Idee, die Orang-Utans nach Deutschland zu bringen, vorerst zurück. Am 28. Dezember 1893 traf der Transport mit den Menschenaffen in der französischen Hauptstadt ein. Von der Gare du Nord, dem Nordbahnhof, ging es im offenen Wagen durch die Stadt. Es war eine Szene, die in Erinnerung blieb: die schweren Käfige und die Pferdefuhrwerke, das Erstaunen der abendlichen Passanten und die schattenhaften Körper hinter den Gitterstäben. Bald sprach halb Paris von den »Pinkertschen Orang-Utans«, die in der Neuen Galerie der Aktiengesellschaft zu bestaunen waren. Schon am ersten Wochenende der Schaustellung wollten fünfundzwanzigtausend Besucher einen Blick auf die Tiere werfen, am folgenden Sonntag schlug die Zahl mit fünfunddreißigtausend alle Rekorde. In Viererreihen und unter Aufsicht der Polizei zogen die Pariser dichtgedrängt an den Menschenaffen vorbei. »Max« und »Moritz« dürften da schon am Ende ihrer Kräfte gewesen sein. Hatten sie bislang gequollenen Reis und altbackenes Weißbrot, Bananen und rohe Eier zu sich genommen, so verweigerten sie jetzt die Nahrungsaufnahme. Aufgrund der tiermedizinischen Standards der Zeit überraschte das niemanden, gab es kaum eine Chance, die Tiere zu therapieren. Unterdessen berichtete die Presse in Paris und anderswo immer ausführlicher. Wer die Zeitungen und Journale dieser Monate durchblättert, spürt noch heute die Erregung, die das Spektakel hervorrief. Mehrfach erschienen ganzseitige Zeichnungen und erstmals auch Fotografien. Der Illustrator Adolphe Millot vertiefte sich in die Physiognomie der Affen, und in Leipzig veröffentlichte Heinrich Leutemann ein monströses Orang-Utan-Porträt, das selbst in New York nachgedruckt wurde.
Das Schicksal der beiden Menschenaffen war da bereits besiegelt: Am 9. Januar 1894 starb »Moritz« an einer »Lungenconcestion«, und zehn Tage später folgte ihm der etwas kleinere »Max« mit den gleichen Symptomen. Die Leichname wurden teuer verkauft und standen in den nächsten Jahren den französischen Wissenschaftlern zur Verfügung. Im Muséum d’histoire naturelle beugten sich die Experten über die Kadaver, sezierten und maßen sie, verglichen und analysierten. Es waren nicht die ersten großen Orang-Utans, die nach Europa gebracht wurden, doch der Import von ausgewachsenen Exemplaren lag lange zurück. So nahm man die günstige Gelegenheit wahr und stellte bei den anatomischen und physiologischen Untersuchungen ­wiederholt die Ähnlichkeit mit dem Menschen heraus. Rund fünfunddreißig Jahre nach der Veröffentlichung der Darwinschen Theorie war das keine Überraschung mehr, weswegen sich die Aufmerksamkeit schnell auf speziellere Fragen konzentrierte. Erstmals wurden nun die Kehlsäcke der erwachsenen Orang-Utans genauer beschrieben und ihre Geschlechtsorgane untersucht. Im Ergebnis aller Arbeiten entstand jenes Buch, das ich im vergangenen Sommer in den Händen hielt und zusammen mit einer Serie von Postkarten erwarb. Auf ihnen sind die Tiere noch nach ihrem Tod bedrohlich in Szene gesetzt und fotografiert. Auch diese letzte Inszenierung hat etwas Beklemmendes – zeigt sie doch, wie wenig man damals über Menschenaffen wußte und wie widersprüchlich der Weg zu ihrem besseren Verständnis war.