Hansdieter Hoyer - Geblieben ist das Rautenmuster

Die Reste des Funkhauses passen in eine Vitrine: »Ruhe Sendung« steht auf einem gläsernen Schild, aber die beiden Wörter leuchten nicht mehr. Eine Schreibmaschine Marke Optima erinnert an das Zeitalter vor dem Computer. Von den Pförtnerlogen am Eingang sind nur die beiden Fensterchen übrig­geblieben. Anderes, wie etwa die leere Cola- und die gefüllte Gotano-Flasche, scheint eher zufälliges Fundgut zu sein, muß nicht unbedingt zu einem Funkhaus gehört haben. Und die Baumscheibe sagt nur denjenigen etwas, die jene Birke kannten, den einzigen, etwas verkümmerten Baum im Innenhof. Dazwischen noch ein auffallender Rest: die Uhr, die einst im Foyer die genaue Rundfunkzeit anzeigte. Doch sie geht nicht mehr, geblieben ist lediglich das Zifferblatt, das genaugenommen gar keine Ziffern hat, sondern die Zeiger werden von zwölf strich­artigen metallenen Stäben eingekreist. Die Uhr hat ebenso ausgedient wie das gesamte Funkhaus. Die Zeit ist trotzdem nicht stehengeblieben.

Dieses Haus in der Springerstraße war anfangs kein Funkhaus, sondern ein Haus der Versicherungs­gesellschaft Barmenia, in den Jahren 1929/30 erbaut. Der Architekt war Emil Franz Hänsel, durch-aus eine Leipziger Größe. Für Dresden entwarf er das im Krieg zerstörte Residenzkaufhaus in der Prager Straße. Hänsels bekanntester und am ­besten erhaltener Bau in Leipzig ist zweifellos der Messepalast Specks Hof. Als jüngst hinter der Aluminiumhaut der »Blechbüchse« die steinerne Fassade des alten Brühlkaufhauses zum Vorschein kam, wurde noch einmal ein Hänsel-Bau sichtbar. Und es wurde deutlich, daß Hänsel nicht nur Archi­tekt, sondern ein Stadtgestalter war, denn diese Ecke am Ring sollte mit ihren hohen Giebeln auffallen und Blicke einfangen. Hänsel war ein sehr vielseitiger und wandlungsfähiger Architekt. Für das Barmenia-Haus wählte er im Grundriß ein breit geformtes U, wobei er den längsten der drei Flügel an der Richterstraße plazierte. Der Haupteingang lag dabei auf der Hofseite, also hinter dem Gebäude. Gut zehn Jahre später gab es Pläne, das U zu erweitern, es gewissermaßen zu verdoppeln und aus ihm ein Atrium zu machen. Aber das Vorhaben wurde als nicht kriegswichtig eingestuft und somit zu den Bauakten gelegt.

Auch ohne diese Erweiterung muß das Haus der Barmenia in dieser bevorzugten und prominenten Villengegend der Vorkriegszeit schon durch seine beinahe monumentale Erscheinung ein ziemlicher Kontrast gewesen sein. Allein die ansonsten wenig gegliederte Längsfront an der Richterstraße bringt es auf siebzehn Fenster. Eigenwillig, ja für Leipzig einzigartig ist die Fassade. Dunkelrote Klinker bilden ein Rautenmuster. Die dabei entstehenden Rhombenfelder sind verputzt, dunkelgrau mit ­einem Hauch von Grün, nicht einfach glatt, sondern dieser Putz hat etwas Natürliches, sieht wie angeworfen aus, als würde er Schuppen bilden. Schließlich treten aus der Mitte der Felder anthrazit­farbene kreuzförmige Klinker hervor. Nur beim Dach blieb Hänsel eher konventionell, er entschied sich für ein Mansarddach mit Gaupen. Der Dehio nennt dieses Beispiel modernen Bauens in Leipzig »spätexpressionistisch«, andere sprechen von »Art déco«, wofür die Fassade durchaus spricht. Doch nicht genug der Einmaligkeit. Da waren noch die Fenster – ohne Kreuze, lediglich horizontal gegliedert. Sie ließen sich nicht wie normale Fensterflügel öffnen, sondern mittels eines Seilzugs nach oben oder unten gegeneinander verschieben. Die Fenster waren nicht ganz einfach zu handhaben, der reparaturanfällige Mechanismus stellte den Hausmeister später vor so manches Problem.

Aber bereits wenige Jahre nach der bereits erwähnten Ablehnung des Erweiterungsbaus wurde dann doch gebaut. Der Krieg war zu Ende, Barthels Hof als Sitz des ehemaligen Reichssenders war zerstört. Die Sowjetische Militäradministration und die Stadt suchten nach einem intakten und geeigneten Gebäude für den Rundfunk. Und sie wurden bald fündig. Die Barmenia-Versicherungsgesellschaft wurde enteignet und der Leipziger Sitz in der Springerstraße beschlagnahmt. Doch noch war das Bürogebäude kein Funkhaus. Es mußte umgebaut und erweitert werden. Und das ging für die Nachkriegsverhältnisse erstaunlich schnell. Besatzungsmacht, Landesregierung und Stadt wußten, wie wichtig das Medium Rundfunk ist.

In Leipzig war aus der Außenstelle des Berliner Rundfunks mittlerweile der Mitteldeutsche Rundfunk geworden. Im Juni 1946 begannen zunächst die Bauarbeiten für einen Sendesaal im Hof. Architekt war Gero Schilde, der Schwiegersohn des 1943 verstorbenen Hänsel. Schilde führte das Büro weiter (später war Willi Eberle sein Partner). Im September des folgenden Jahres konnte der Saal eingeweiht werden. Er war damit der erste Gesellschaftsbau nach dem Krieg in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone. Bald danach wurde die Lücke zum Wohnhaus Springerstraße 22 geschlossen, so daß hier der neue Haupteingang entstand. Noch heute erkennt man die Ergänzung deutlich, denn ihr fehlt das charakteristische Rautenmuster. Die Bauakten führen Paul Grafe als Architekten. Doch Grafe hatte nur seinen Namen geliehen, da Schilde damals‚ keine Zulassung als freier Architekt besaß, wie der heute fünfundachtzigjährige Lothar Richter berichtet. 1947 war Richter in dieses Büro eingetreten, hatte selbst aber nicht mehr am Vorhaben Springer­straße mitgewirkt, da zu diesem Zeitpunkt bereits alle Zeichnungen fertig waren. Richter hat später in Leipzig das Gebäude der ehemaligen Bezirksapotheke mit der Löwenapotheke in der Grimmaischen Straße entworfen.

Beim Innenausbau des erweiterten Funkhauses wurde nicht gespart. Vorbei an den Pförtnerlogen betrat man das dunkel vertäfelte Foyer mit den gelblich getönten Scheiben. Erstaunen hat später immer wieder hervorgerufen, wie aufwendig und repräsentativ in dieser Zeit des Mangels die Chefetage über dem Haupteingang gestaltet worden war: das Intendanten- beziehungsweise Direktoren­zimmer dunkel vertäfelt mit Wandschränken bis unter die Decke. Das Zimmer des Technischen Leiters auf der Hofseite hatte nach dem gleichen Muster eine helle Vertäfelung erhalten, selbst Schreib- und technischer Beistelltisch waren in Material und Farbe auf den Raum abgestimmt. Lothar Richter erinnert sich, daß diese Innenausstattung von einer Möbelfirma in der Dessauer Straße angefertigt worden war, die offensichtlich das entsprechende Material über den Krieg gerettet hatte. Noch in den achtziger Jahren waren die Räume saniert worden, auf dem frisch versiegelten Parkett lagen Teppiche. Als die Rundfunkkollegen aus Hannover 1990 zum ersten Mal das Leipziger Funkhaus besuchten, betasteten sie, kaum daß sie guten Tag gesagt hatten, zuerst die Wände. Sie schienen völlig vergessen zu haben, wie Büros auch aussehen können.

Bereits 1952 wurde der Rundfunk in Berlin zen­tralisiert, und das große Funkhaus in der Springerstraße führte fortan eher ein Schattendasein, sieht man davon ab, daß die Orchester nicht nach Berlin umzogen und Leipzig auch weiterhin eine erste Adresse für das Hörspiel blieb. Langsam nur entwickelte sich der Sender Leipzig mit seinem zunächst kaum gehörten Programm auf UKW zum immerhin größten Regionalsender der DDR, dessen Markenzeichen seit 1971 die Messewelle war. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Radio in Leipzig noch größer, der Sender Leipzig brachte es fast auf ein Tagesprogramm. Mit der Neugründung des Mitteldeutschen Rundfunks 1992 wurde das Haus endgültig zu klein, und auf dem ehemaligen Schlachthof entstand die neue Sendezentrale, der Hörfunk aber verließ die Springerstraße Richtung Halle.

Über Jahrzehnte war die Springerstraße 22–24 ein Funkhaus, nun aber wurde der markante Eckbau mit dem großen Sendesaal nicht mehr gebraucht. Doch der beabsichtigte Verkauf erwies sich als schwierig, denn in Leipzig gab es nicht nur Wohnungen, sondern auch Büros im Überfluß. Schließlich erwarben hiesige Investoren das Gelände, um das ausgediente Funkhaus dennoch in ein Wohnhaus mit rund vierzig Eigentums- und Mietwohnungen zu verwandeln. »Man kann aus einem Bürogebäude nicht ohne weiteres ein Wohnhaus machen. Denkmale erhalten und sie gleichzeitig nutzen – das ist immer eine Gratwanderung«, sagt Alberto Schwarz vom Landesamt für Denkmal­pflege. Er deutet damit an, daß es eben ohne Kompromiß nicht geht, wenn ein Denkmal umgenutzt werden soll. »Vielleicht würde man heute anders entscheiden«, räumt Ulrich Kalkof ein, der gemeinsam mit Thorsten Luka einer der mit dem Umbau betrauten Architekten ist.

Noch schwieriger war zu entscheiden, was aus dem Sendesaal werden soll. Als reiner Zweckbau war er kein architektonisches Glanzstück, wohl aber ein kultur- beziehungsweise rundfunkgeschichtliches Zeugnis. Und trotz einer Rekonstruktion nach 1980 war seine technische Ausstattung unzulänglich. Konnte man einen ehemaligen Sendesaal mit Fenstern ausstatten, um Licht hineinzulassen? Auch diese Lösung wurde verworfen. So fiel die Entscheidung gegen den Sendesaal. Er wurde abgerissen. Das Anliegen der Denkmalpflege war es dann vor allem, das Hauptgebäude und seine äußere Erscheinung möglichst unverfälscht zu bewahren. »Die Straßenfassade ist nicht ganz ungestört geblieben«, bedauert Alberto Schwarz und meint damit die beiden neuen Türen, die in die lange Front an der Richterstraße gebrochen wurden, um die beiden bestehenden Treppenhäuser zu erreichen. Als »Abstrich« und »gewisse Einschränkung« bezeichnet er außerdem die Veränderungen an der inneren Struktur, indem links vom Haupteingang ein zusätzliches Treppenhaus eingebaut wurde. Akribisch wurden dagegen die Rauten saniert und die bis vor kurzem noch sichtbaren Kriegsschäden ausgebessert. Der dunkle Putz wurde beibehalten, obwohl manch einer eine eher modisch helle Fassade befürwortet hatte. Die Hofseite zeigt mehr Veränderungen. Hier wurden Loggien in die Fassade hineingeschnitten. »Die Alternative wären vorgebaute Balkone gewesen«, begründet Ulrich Kalkof diese Entscheidung. »Balkone hätten das Gesamtbild noch mehr verändert, indem Teile der Fassade verdeckt worden wären.« Balkone gibt es lediglich an der nun wieder sichtbaren Stirnseite, wo sich einst der Sendesaal anschloß.

Und das Innere? Hier erinnert fast nichts mehr an das alte Funkhaus, keine Wandvertäfelung in der Chefetage, kein Stuck im Sitzungszimmer. Nur die alten Treppengeländer wurden wieder eingebaut. Das Foyer ist geteilt in einen Eingang mit dem bereits erwähnten dritten Treppenhaus und ein großräumiges Büro, das aussieht, wie eben alle Büros aussehen. Dort steht auch die Vitrine mit den Resten des alten Funkhauses, die wie Reliquien anmuten.

Als das alte Funkhaus auf dem Wege zum Wohnhaus eine Baustelle war, also außer Decken und Stützen nichts zu sehen war, da fragte mich einer der neuen Eigentümer, ob mir das Haus nun gefalle. Ich habe nicht gejubelt, und mein Gegenüber war sichtlich enttäuscht. Ich habe in diesem Haus dreißig Jahre und dreißig Tage gearbeitet.