Sigrid Hoyer - Soviel Rot für den Altar der Sonne! Mehr als ein Augenspaziergang: Das GRASSI Museum für Angewandte Kunst lädt zum zweiten Rundgang ein

Als hätte Emil Nolde, wie bei seinem »Großen Mohn«, auch hier verschwenderisch den Pinsel geführt: Rot, rot, rot empfangen zwölf Dreikantpfeiler den Besucher im Erdgeschoß. Das ist sie also, die Pfeilerhalle im Art-déco-Stil, von der nicht nur die Leipziger schwärmen: Welch architektonisches Juwel, das schönste Durchgangszimmer der Republik, der bunteste Festsaal der Stadt! Und tatsächlich tauchen wir ein in ein Meer von Farbe: Zum Rot der Pfeiler gesellen sich das Gold und Blau der Brüstungen, das Kobaltblau der schlanken Stützen an den Stirnseiten, der warme Goldton der Leuchten, das zarte Hellblau der Wände. Es ist wohl das gediegene Ganze, das uns staunen läßt.
Im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, in den neunziger Jahren ­notdürftig hergerichtet, dann in einer Sparvariante teilweise saniert, wurde die Halle nun so rekonstruiert, daß wir den ursprünglichen Farbklang wieder erleben können. Zeitgleich mit der Eröffnung des zweiten Rundgangs »Asiatische Kunst. Impulse für Europa« wurde sie uns gleichsam noch einmal geschenkt. Während die Galerieempore diesen zweiten Rundgang der Ständigen Ausstellung präsentiert, sind die Pfeilervitrinen im Erdgeschoß wechselnden Schauen vorbehalten. Hier ist zum Auftakt japanische Keramik aus der Sammlung Crueger zu sehen. Wir erleben ein für das heutige Japan selbstverständliches Nebeneinander von jahrhundertealten überlieferten Formen und sehr modernen Stilelementen. Vielfarbig bemaltes Porzellan, ungewöhnliche Gefäßformen, Teeschalen, es hat den Anschein, als wetteiferten sie miteinander: Wer ist die Schönste hier? Vielleicht die Schale mit dem zarten Kirschblütenmotiv?
Der Kommentar der Ausstellungsgestalter am Ende der Halle liest sich wie eine Empfehlung, die man gern weiterreichen möchte: Der japanische Staat schützt nicht nur kunsthandwerkliche Objekte und Techniken, er ehrt verdienstvolle Töpfer mit der höchsten staatlichen Auszeichnung, dem Titel eines ningen kokuho, »Lebender Nationalschatz«.
Gibt es in Europa etwas Vergleichbares? Vielleicht in Frankreich, dort heißt jeder Gewerbepark zone artisanale, Tapezierer und Maler schmücken sich mit dem Titel createur, Blumenläden empfehlen ihre composition artisanale, und an der Hauswand einer Bäckerei in der Kleinstadt Autun in Burgund entdeckte ich ein Firmenschild mit der Inschrift »boulanger artisanal«. Ich habe den Bäcker noch vor Augen, wie er uns mit der Geste eines Künstlers die Tüte Mandelcroissants über die Ladentafel reichte ... Was für eine Sprache, die das Handwerk geradezu adelt und seine Verwandtschaft mit der Kunst so zum Klingen bringt! Und doch nur ein feiner Abglanz fernöstlicher Verneigung vor dem Werk der Hände? Ein gedankenvoller Weg nach oben.
Auch das Entree zum zweiten Rundgang schwelgt in Farbe. Als hätte der große Sämann, von dem Hilde Domin in einem Gedicht erzählt, hier allen Klatschmohnsamen der Welt verstreut: junge Bambuspflanzen in Schwarz auf leuchtendrotem Grund! Davor ein Monitor, der den Blick festhält: Bilderpaare wechseln sich ab, Kunstgegenstände, poetisch kommentiert: Wogende Gischt. Ruhe und Anmut. Von Bambus umfangen ... Es sind Ausstellungs­stücke, die wir gleich in den Vitrinen bewundern können, neben Objekten aus der europäischen Sammlung, ein Vorgriff also auf den noch fehlenden dritten Teil »Jugendstil bis Gegenwart«. Vom asiatischen Vorbild zur europäischen Antwort spannen sich oftmals Brücken über viele Jahrhunderte. Was für ein raffinierter Kunstgriff der Ausstellungsmacher, der dem Besucher das Motto der Ausstellung »Asiatische Kunst. Impulse für Europa« so einleuchtend veranschaulicht. Ein Pulk älterer Damen genießt das Angebot: »Kunstgeschichtsunterricht gratis. So schön kann Lernen sein.« Und die Dame am Einlaß ruft herüber: »Es ist wie in der Mode, alles kommt wieder.«
Schließlich ein zweiter Blick in die Pfeilerhalle, nun aus der Vogelperspektive. Jetzt haben wir die dekorative Kante der Empore ganz nah vor Augen. Gerade fachsimpelte der Kunsthistoriker Thomas Topfstedt noch über ihre asiatische Anmutung, eine Chinoiserie? Museumsdirektorin Eva Maria Hoyer hatte sich in ihrer Rede anläßlich der Eröffnung begeistert über die Anspielungen auf die Baukunst Ostasiens hier in der Pfeilerhalle geäußert. Und wir sind mit Thomas Topfstedt einig: Welches überraschende Zusammenspiel auch zwischen der Halle und dem Titel der Ausstellung »Asiatische Kunst. Impulse für Europa«. Bis ins letzte Detail!
Jetzt lassen wir uns auf den Rundgang ein. Reichlich vierhundert Exponate erwarten uns in den Pfeilervitrinen und zwei angrenzenden Räumen. Mehr als die Hälfte der Objekte war noch nie öffentlich zu sehen. Das erste Prachtstück gleich am Anfang. Als hätten die Museumsleute eigens für ihn einen Schrein geschaffen, den kolorierten Schnitzlack-Stellschirm aus China, der hier in einem der beiden Kunstlichträume eine ganze Wand schmückt. Auf einem Sitz aus bizarr geformten Felsen thront Shouxing, der Gott der Unsterblichkeit. Überall glückverheißende Anspielungen. Der Schirm liest sich denn auch wie eine große Glückwunschkarte.
In einer anderen Vitrine Alltagsgegenstände der allerfeinsten Art, japanische Stapeldosen, schwarz, rot und goldlackiert, mit Perlmutt- oder Metalleinlagen. In Ermangelung eingenähter Taschen, wie wir sie kennen, trugen die Damen ihre Utensilien in diesen unglaublich schmückenden Lackkästchen am Gürtel. Kordeln und geschnitzte Knöpfe oder Knebel sicherten sie vor dem Herabfallen, eine verschiebbare Schließperle verhinderte ein versehentliches Öffnen. Wie komfortabel!
Wer die Kommentare zu den Einzelstücken liest, findet gleich mehrfach Leipziger Adressen. Ein Jadeteller stammt zum Beispiel aus dem Vermächtnis der Baronesse Hedwig von Eberstein. Sie war die letzte Patronin auf dem Rittergut Schönefeld. Eine vielgereiste Dame, die ihre Andenken aus aller Welt den Leipziger Museen vermacht hat. Ein Mitbringsel schenkte sie der Schönefelder Kirche. Den neogotischen Tauftisch, der in ihrem Auftrag in Jerusalem angefertigt worden war, können wir dort besichtigen.
Auf dem Weg zum gegenüberliegenden Kabinett noch eine Entdeckung: ein Teller mit Drachendekor, ein Ankauf vom Handelshaus Riquet. Die Firma Riquet & Co. handelte nicht nur mit Kakao, Schokolade und Waffeln aus eigener Produktion, sondern auch mit Tee aus China und Japan und mancherlei Orientware. Heute erinnert noch an sie ein wunderschönes Café, das den östlichen Einfluß mit dem pagodenartigen Dachtürmchen oder dem Pfau und einem Chinesen in den Mosaiken an der Fassade eindrucksvoll bezeugt.
Stolze Stücke der Leipziger Bürgersammlung, die maßgeblich von Richard Graul, dem langjährigen Direktor des Museums geprägt wurde, können auch im zweiten Kabinett entdeckt werden: mittelalterliche Fliesen und Gefäße, die ganze Farbenpracht osmanischer Keramik. Bereits mit der Wiener Weltausstellung 1873 waren asiatische Arbeiten ins Museum gekommen, darunter auch das ungewöhnlich reich verzierte Handwaschgeschirr aus dem Iran, das zum Gründungsbestand des Museums gehört. Gleich daneben ein ebenso schöner Wasserkrug aus der Sammlung von Walter Schulz. Der gebürtige Leipziger hat das Museum vor gut hundert Jahren reich beschenkt.
Alle Glas- und Keramikarbeiten hat Ilona Faust in der Hand gehabt. Viele mußten nur gereinigt werden. Alltagsarbeit einer Restauratorin, von der gewöhnlich wenig Aufhebens gemacht wird. Es sei denn, sie restauriert das große Tellerfragment aus der Sammlung Schulz. Und schon ist die Restauratorin mitten in der Arbeit, erzählt, wie sie den Riß wieder sichtbar, die alte Restaurierung also rückgängig gemacht hat, um das Original zu zeigen. Denn der Teller war schon während seiner Herstellung beim Brand gesprungen. Wenn er dennoch aufbewahrt wurde, mache das deutlich, daß es sich um ein außergewöhnliches Stück handeln muß. Mit einem ursprünglichen Durchmesser von fast 50 Zentimetern gehört der Teller zu den größten seiner Art. Die fast räumliche Schiffsdarstellung könnte zudem auf eine europäische Vorlage hindeuten. Manches Rätsel um seine Herkunft bleibt aber noch zu lösen.
Nahezu abenteuerlich war auch die Restaurierung der Vase mit den Elefanten­kopfhenkeln aus dem Römischen Haus zu Leipzig. Auch sie mußte zunächst auseinandergenommen werden. Über siebzig Teile hatte Ilona Faust am Ende: große und kleine Scherben, viele winzige Splitter. Vom Boden her hat sie die Vase dann wieder aufgebaut, teilweise in Gurten gehalten, um die Paßgenauig­keit zu verbessern, und in eine Sandkiste gestellt, um die jeweils beste Lage zum Arbeiten zu haben. Heute sieht man nur die Schönheit des Alters! Die Geschichte der Vase ist erst dann vollständig erzählt, wenn wir ihre Herkunft offenbaren. Dem Leipzigkenner wird der Name Römisches Haus vielleicht etwas sagen. Es stand dort, wo heute die Härtelstraße in den Peterssteinweg mündet. Inspiriert von einer Italienreise, ließ sich der Verleger Hermann Härtel 1833 diese Villa bauen. Clara und Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy und viele andere Künstler gingen hier ein und aus. 1904 wurde die Villa abgerissen, weil mit der Erweiterung des Straßennetzes eine Verbindung zur Windmühlenstraße gebaut wurde.
Nicht alle Exponate haben eine so spektakuläre Geschichte. Manche sind erst auf den zweiten Blick interessant. Das wird Anne-Katrin Ehrt gleich demon­strieren. Sie ist ausgebildete Keramikerin, hat Kunstgeschichte und Japanologie studiert und ist jetzt als wissenschaftliche Volontärin im Museum tätig. Ein Großteil der Texte im Ausstellungskatalog stammt aus ihrer Feder. Jetzt macht sie auf eine wenige Zentimeter große Dose aufmerksam: »Diese Aufbewahrungsdose für Weihrauchkugeln stammt aus der Hand eines japanischen Lackkünstlers des 19. Jahrhunderts. Für die Schnitzlacktechnik wurde schwarzer Lack in vielen Schichten aufgetragen und nach dem Trocknen das feine Relief herausgeschnitten.« Man erkenne deutlich, wie genau der Künstler chinesische Lacktechniken studiert hat. Bei näherem Hinsehen würden Details aber doch die japanische Herkunft verraten: »In dem eingerollten Lotosblatt versteckt sich eine kleine Krabbe, eine Gottesanbeterin thront auf einer benachbarten Chrysanthemenblüte, und im letzten Drittel tummelt sich ein Schmetterling. Auf einer chinesischen Dose würde man wohl eher einen zentral plazierten Phönix oder Drachen finden ...« Ich sehe, was ich weiß, könnte Anne-Katrin Ehrt mit Fontane sagen. Die kleine Dose macht uns die Andeutung ihrer Herkunft gleichsam zum Geschenk, und Anne-Katrin Ehrt beschert uns noch manche andere aufschlußreiche Entdeckung ...
Da kann einem schon mal der Zaubermantel in den Sinn kommen, den Faust sich wünschte, um mit ihm in ferne Länder zu fliegen. Wir brauchten den Bund mit dem Teufel nicht. Unsere Reise, ein Flanieren durch asiatische Werkstätten vieler Jahrhunderte, machte uns mit der ganzen Pracht dieser Welt bekannt, mit exotischen Materialien, Elfenbein, Jade, Brokat, Seide, Maulbeerbaumpapier; mit überraschenden handwerklichen Techniken, Lackschnitzerei­en, Glasuren verschiedenster Art, der Herstellung japanischer Färbeschablonen ... Daran hatte auch Richard Graul gedacht: heimische Handwerker und Entwerfer anzuregen, ihnen Muster anzubieten, Materialien, Techniken, Farben. Ein Feuerwerk an Farben jetzt auch hier im Museum: tiefes Ochsenblutrot, Blaugrün, das Rot der Kirschblüte, alle Schattierungen der Jade von Weiß über Gelb, Hellviolett, Grün bis Grauschwarz ... Es gab in China eine Zeit, so wird im Ausstellungskatalog berichtet, in der den verschiedenen Tempeln Farben zugeordnet wurden: bläuliches Weiß für den Altar des Mondes, Gelb für den der Erde, Blau für den des Himmels und Rot für den Altar der Sonne ... ■