Rainer Behrends - Bankhaus Kroch

Die Fassade des ersten Hochauses am Augustusplatz ist saniert

»Wie immer man über Hochhäuser im allgemeinen und über das viel angegriffene Leipziger Hochhaus von German Bestelmeyer im besonderen denken mag, so wird doch [...] kaum ein Zweifel sein können, dass an dem gerühmten ›schönsten Platz‹ von Leipzig, dem Augustusplatz, das eben vollendete Bestelmeyer’sche Hochhaus das erfreulichste Stück Baukunst darstellt. Es läßt sich gegen Einzelheiten dieses Hochhauses mancherlei einwenden; aber gegen die übrigen Bauten [...] läßt sich noch mehr einwenden [...]. Der ernsthafteste [...] Einwand, der gegen Bestelmeyer’s Turm erhoben werden kann, ist, dass er nicht noch wesentlich höher gebaut werden durfte«, schrieb der Architekturkritiker Werner Hegemann im Jahre 1929 in »Wasmuth’s Monatsheften für Baukunst«. Damals war das neue Gebäude für das Bankhaus Kroch Gesprächsthema in Leipzig, ja, es stand bereits im Zentrum heftiger Debatten, seit das Preisgericht sich in dem 1926 durch den Rat der Stadt Leipzig und das Bankhaus Kroch jr., Kommanditgesellschaft auf Aktien, ausgeschriebenen Wettbewerb zur »Ausgestaltung des Augustusplatzes und für die architektonische Durchbildung des [...] Bankhauses Kroch« nicht für einen ersten Preisträger zu entscheiden vermochte und statt dessen zwei zweite Preise verlieh. 

Zu dem Wettbewerb waren alle in Leipzig ansässigen Architekten aufgefordert worden und zusätzlich eine Reihe eingeladener Gäste, darunter die Architekten Paul Bonatz aus Stuttgart, Hans Poelzig aus Berlin und German Bestelmeyer aus München. Die Wettbewerbsaufgabe war zunächst städtebaulicher Natur. Es sollte der Augustusplatz neu gegliedert werden, indem der fließende Verkehr auf die Ostseite verlegt sowie der den Platz querende Verkehr auf ein Mindestmaß beschränkt werden sollte. Ferner mußte ein Zugang zu einem geplanten U-Bahn-Haltepunkt vorgesehen werden, dazu Taxistand, Tankstelle, Telefonzellen, Zeitungsstand und Toiletten. Außerdem wurden zur Behebung gestalterischer Mängel am Platz Lösungsvorschläge und die Einordnung des neu zu schaffenden Bankhauses Kroch erwartet. 

Dieses sollte auf dem Grundstück der Universität Goethestraße 2 errichtet werden, wozu das Bankhaus Kroch jr. mit der Universität einen Erbbauvertrag geschlossen hatte. Dort stand ein spätklassizistisches , viergeschossiges Haus mit sechs schmalen Fenstern und stark hervorgehobenem Mittelrisalit, ausgezeichnet durch die unter dem Hause zur tiefer liegenden Ritterstraße führende »Theaterpassage«. Der Abbruch des Gebäudes erfolgte im Sommer 1926. Die Aufgabenstellung für den Neubau sah vor, diesen entweder bis zur Firsthöhe der benachbarten Häuser »Königsbau« (Konfektionshaus Bamberger & Hertz) und Dresdner Bank zu führen oder diese eben nicht wesentlich zu überschreiten, um der horizontalen Höhenführung am Augustusplatz zu entsprechen. Die Passage sollte beibehalten werden. 

Der Entwurf des Münchner Architekten Professor German Bestelmeyer (1874 – 1942) sah ein Turmhaus vor, dessen drei obere Stockwerke über die benachbarten Gebäude hinausragten, bekrönt von einem Zinnenkranz. Etwa im Goldenen Schnitt war in der Fassade eine große Turmuhr vorgesehen. Der First orientierte sich an der Höhe der Ostfassade der Paulinerkirche. Das Preisgericht stellte in seiner Bewertung fest: »Die Baumasse des Kroch’schen Hauses kann um weniges die Firstlinie der anschließenden Baukörper übersteigen, ohne allzu aufdringlich zu wirken, doch erscheint die vorgeschlagene Überschreitung als zu weitgehend.« Bestelmeyer wurde schließlich mit der Ausarbeitung des endgültigen Bauplans beauftragt. Er gelangte zu der Überzeugung, daß eine Höhe von etwa 43 Metern das rechte Maß sei, um annähernd ein Gleichgewicht beider Teile an der Westseite des Augustusplatzes zu erreichen. Möglicherweise bot ihm auch der Entwurf des Leipziger Architekten Otto Droge Anregung und Unterstützung, der ein mindestens elfgeschossiges Hochhaus vorgesehen, aber aus diesem Grunde im Wettbewerb keine Berücksichtigung gefunden hatte. Über den Ausführungsentwurf Bestelmeyers entbrannte ein heftiger Streit, in dem sich der Architekt und der Leipziger Stadtbaurat Hubert Ritter als Kontrahenten gegenüberstanden. Ritter war zwar kein Gegner von Hochhausbauten, jedoch vertrat er die Überzeugung, sie sollten in Leipzig außerhalb der City, auf der Außenseite des Rings errichtet werden, so wie es sein 1929 bestätigter erster Generalbebauungsplan für Leipzig dann auch vorsah. Diesem folgend entstand im selben Jahr ja das »Europahaus«. Außerdem meinte er wie auch ein Teil der Stadtverordneten und der Presse, es sei unzulässig, einem Privatbau eine derartige städtebauliche Akzentuierung am Platze zu gestatten. In den Auseinandersetzungen vermochten sich der Bauherr und der Architekt schließlich gegenüber den baugenehmigenden Stellen durchzusetzen. Allerdings war Zeitverzug nicht zu verhindern. Das Gebäude durfte zunächst nur bis zur Firsthöhe der Nachbarhäuser geführt werden. Für die beabsichtigte Höhenerstreckung wurde die Errichtung einer »Baumaske« gefordert, das heißt, es wurde ein Gerüst aufgestellt, das die endgültige Höhe von 43 Metern markierte. Bei einer Besichtigung durch die Baubehörde, die Stadtverordneten, die Presse, das Innenministerium und »interessierte Persönlichkeiten« wurde im November 1927 die geplante Höhe des Gebäudes Stellung bezogen, obgleich der Architekt seine Argumente durch die Vorführung eines Films unterstützte, der die Wirkung des Hochhauses aus verschiedenen Blickwinkeln demonstrierte. Vor allem Hubert Ritter sprach sich gegen die Dominanz eines Bankhauses an diesem Platze aus. Schließlich vermochte der Bauherr sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, und der Bau konnte bis zum Sommer 1928 vollendet und im November als Sitz des Bankhauses Kroch jr. eröffnet werden. Bis dahin befand sich das Bankhaus als Mieter im Erdgeschoß des Universitätsgebäudes Ritterstraße 26 (heute Rektorat). Das tragende Stahlgerüst des Hochhauses erhielt eine Verkleidung aus Muschelkalkplatten, auch die Baudekoration wurde aus diesem Gestein geschaffen. 

In dem endgültigen Projekt von Bestelmeyer ist die Idee des Uhrturms am Markusplatz in Venedig adaptiert worden. Wer als Schöpfer dieser ursprünglich nicht vorgesehenen Vorstellung zu gelten hat, muß offenbleiben. Anregend kann dabei die Passage gewirkt haben: In Venedig beginnt oder mündet die Hauptgeschäftsstraße Merceri am Uhrturm. Auch dort ist das Turmhaus zwischen quergelagerte Baukörper gestellt. Außerdem stand auf dem Augustusplatz direkt vor dem Krochhaus schon längst eine venezianische Adaption – Kopien der drei großen Fahnenmasten vor der Markuskirche. Schließlich beförderte offensichtlich die Dominanz des neuen Baukörpers eine weitere Ideenübertragung: Man denke an die glockenschlagenden »mori«, die legendären Gestalten der sogenannten Wilden Männer der 1497 entstandenen Kunstuhr des venezianischen Uhrturms. Es sollte auch nicht vergessen werden, daß dem Symbol des Markuslöwen der Löwe des Leipziger Stadtwappens durchaus entspricht. 

Als Schöpfer des plastischen Schmucks stand dem Architekten der als Gestalter dekorativen Bauschmucks ebenso wie als Porzellanplastiker erfahrene Bildhauer Josef Wackerle (1880–1959) zur Seite. Auf seinen Entwurf geht der gesamte bildnerische Schmuck am und im Krochhaus zurück: der Fries über dem ersten Obergeschoß ebenso wie die Löwen zu seiten der Kunstuhr, die Ornamente an den Seitenfassaden, die Stuckreliefs im Oberlichtsaal, die Terrakotten der Türgewände und Pfeiler wie schließlich der bronzene Brunnen im Foyer der ersten Etage. Die Terrakotten wurden in der baukeramischen Abteilung der Nymphenburger Porzellanmanufaktur in München gefertigt. In München erfolgte auch der Guß des Innenraumbrunnens, und dort wurden nach den Modellen Wackerles die beiden Glockenschläger, der Jüngling und der bärtige reife Mann, in der Werkstatt von Eugen Ehrenböck in Kupfer getrieben. (1987 wurden die Kriegsbeschädigungen in der Leipziger Kupferschmiede Immanuel Hochkepler restauriert. Damals verließen sie erstmals nach sechzig Jahren zeitweilig ihren Platz in luftiger Höhe.) Die Kunstuhr entwickelte und fertigte die Leipziger Turmuhrenfabrik B. Zachariä.

Das breite Reliefband mit der Jahreszahl »1928« hat offenkundig ebenso mit Geschäftsfeldern des Bankhauses Kroch jr. – »Communalbank für das Land Sachsen« – zu tun, mit Handwerk, Handel und Landwirtschaft, wie mit einer allegorischen Darstellung der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft, die sich als Symbole bereits an den Pfeilerplatten der Eingangshalle befinden.

Unterhalb der Glockenmänner trägt das Krochhaus eine Bauinschrift. Sie lautet »Omnia vincit labor« – Arbeit überwindet alles. Sie geht zurück auf den römischen Dichter Virgil. In dessen Hirtengedichten, den »Bucolica«, findet sich als Bekenntnis des Dichterfreundes Cornelius Gallus der Ausspruch »Omnia vincit amor« – Liebe überwindet alles (oder alle). In Virgils Lehrgedicht über den Ackerbau »Georgica« wird festgestellt »Labor omnia vincit improbus« – Unablässige Arbeit überwindet (oder: besiegt) alles. Für das Krochhaus ist aus beiden Zitaten eine neue Formulierung geschaffen worden. Auch darf daran erinnert werden, daß das bereits 1907 in der Nikolaistraße, also in nachbarschaftlicher Nähe zum Krochhaus entstandene Geschäftshaus Steibs Hof als Bauinschrift »Labor vincit mundi« aufweist. In der zweiten Jahreshälfte 2001 konnte dank der Unterstützung durch die Stadt Leipzig die platzseitige Fassade des Krochhauses originalgetreu wiederhergestellt werden. Nach einem denkmalpflegerischen Gutachten wurden die Muschelkalkfassade gereinigt, noch vorhandene Splitterschäden aus dem zweiten Weltkrieg beseitigt, alle Fugen geschlossen, die originalen Fenster überarbeitet und vor allem die Baudekoration restauriert. Diese Aufgabe führte die Werkstatt des Leipziger Bildhauers und Restaurators Markus Gläser mustergültig aus. 

Da ein statisches Gutachten auf Probleme mit der Halterung der Glocken auf dem Gebäude hinwies, wurden diese nach dreiundsiebzig Jahren – am 13. Oktober 2001 – erstmalig abgenommen. Dadurch konnte die Inschrift auf der großen, der Stundenglocke, entziffert werden, auch wurde entdeckt, daß alle drei Glocken Inschriften tragen. Die Glocken wurden in der Glockengießerei Franz Schilling und Söhne in Apolda gegossen und am 20. Juli 1928 auf ihrer Halterung befestigt. Die Stundenglocke nennt die Apoldaer Werkstatt, sie hat ein Gewicht von 5,5 Tonnen. Ihre Inschrift lautet »Gegründet von [Martin Samuel Kroch] im Jahre 1877. Gewachsen und erstarkt mit dem aufblühenden jungen Reich errichtete die Firma [Kroch jr.?] im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens 1927 – 1928 dieses Bankhaus einen Turm als Sinnbild ungebrochener deutscher Kraft.« Die in Klammern gesetzten Inschriftteile existieren heute nicht mehr. Sie wurden nach der »Arisierung« des jüdischen Bankhauses wahrscheinlich im Jahre 1938 aus dem Glockenmantel herausgemeißelt, ebenso wie die Inschrift über dem Zugang zur Vorhalle des Erdgeschosses »Kroch / Bank« abgemeißelt und der Firmenname Kroch jr. Kommanditgesellschaft auf Aktien von den Pfeilern der Vorhalle entfernt wurde. 

Unberührt blieben die Inschriften der beiden anderen Glocken, die von der Stundenglocke verdeckt waren. Die mittlere Glocke zum Viertelstundenschlag mit einem Gewicht von zwei Tonnen trägt die Inschrift »Kroch jr. Kommanditgesellschaft auf Aktien: Leipzig 1928 – Geschaeftsinhaber: Hans Kroch. Aufsichtsrat: Dr. Curt Kroch. Dr. ing. Berthold Monach, Fritz Kroch«. Zuunterst die kleinste der Glocken: Sie kündigt den Viertelstundenschlag an und wird von innen her angeschlagen. Sie wiegt eine Tonne und ist dem Firmengründer gewidmet: »Martin Samuel Kroch. Gruender der Firma Kroch jr. Leipzig. Geboren 20. November 1853 – Gestorben 25. Oktober 1926«. 

Am 27. Oktober 2001 wurden die Glocken erneut aufgezogen und befestigt. 

Dank der Restaurierung, die mit der Wiederherstellung der Vorhalle im Frühjahr 2002 beendet sein wird, erhält die äußere Gestalt eines prägenden Bauwerks ihr ursprüngliches Aussehen zurück. Ein Wahrzeichen der Stadt bestimmt wieder stärker als zuvor das öffentliche Bewußtsein. Das Innere des Gebäudes harrt freilich weiterhin der dringend notwendigen Sanierung. 

Die Idee German Bestelmeyers, mittels eines Hochhauses die beiden angrenzenden Bauwerke vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Baugruppe zusammenzufassen und so eine Dominanz gegenüber der nördlichen Platzseite herzustellen, wurde zunichte durch die neuerliche Umgestaltung des Augustusplatzes: Die einem überdachten Bahnsteig gleichende Pergola verhindert, daß das Gebäude auf den Platz ausstrahlen kann, und nimmt ebenso die Möglichkeit, die Front des Hauses in der Totale anschauen zu können. Dieser der Bauabsicht entgegenstehende Fehler sollte korrigiert werden – im Sinne des Architekten und hinsichtlich der Wirkungsmöglichkeit des ersten Hochhauses der Stadt auf den Platz hinaus als eines der wichtigsten Baudenkmäler einstigen jüdischen Lebens in Leipzig.