Christiane Agricola - Das ganz normale Leben

Bewohner des Baugenossenschafts-Blocks Lovis-Corinth-Straße schildern 60 Jahre in ihrer Straße

Der ehemalige Laden in der Lovis-Corinth-Straße 21 ist heute Baugenossenschafts-Treffpunkt. Dort sprechen wir die Lehrerin im Ruhestand Renate Lange, den Elektromechaniker Gerhard Voigt, Jahrgang 1937, und, Jahrgang 1939, den gelernten Kürschner Jürgen Held, der nach 1990 – »da ging die Branche den Berg runter« – in einer Wachgesellschaft arbeitete. 

Der Laden 

Frau Lange hat den Laden nur als HO erlebt; die beiden Männer, die mit ihren Eltern 1935 hier einzogen, kennen ihn noch mit den ursprünglichen Inhabern, dem Ehepaar Pötzschke. Sie erinnern sich immer lebhafter, fallen einander ins Wort: »Es war ein Tante-Emma-Laden, wie man heute sagt. Lebensmittel, Mehl, Zucker in Schubkästen, wurde mit der Schaufel in die Tüte abgefüllt, Butter im Block, ich sehe die Blöcke noch vor mir. Ich könnte den Laden einrichten, wie er war. Am Fenster der Haken mit den Würsten. Hinten die Gemüsewaage. Vorn stand das Gurkenfaß, Sauerkraut. Man kriegte auch Schuhcreme, Natron, Sago... Vor dem Krieg führten Pötzschkes auch Delikatessen, russischen Salat, der gehörte damals zum Feinsten... Ich sehe noch die Keramiktöpfe mit Senf und Essig. Und vor dem Laden die große Markise bis runter... Pötzschke holte die Waren alle selber mit der Dreikantfeile aus der Markthalle. So wurden die dreirädrigen Wagen genannt, weil die vorn so spitz zuliefen. Ab und zu nahm er auch mal Kinder darin mit. Und die Pferdewagen mit dem Bier und dem Sternbrot. Und mit den Eisblöcken! Die wurden zerhauen. Das Bier kam aus der Gohliser Aktienbrauerei. Das Sternbrot schleppte der Kutscher rein, zehn oder zwölf Brote auf einmal, kreuz und quer vor der Brust gestapelt. 

Erinnerlich ist mir der Laden erst aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Da standen wir Kinder und warteten, was Herr Pötzschke aus der Markthalle mitbrachte, Porree, Rotkraut, und alarmierten dann die Mütter. Pötzschkes wohnten hier im Haus. Da wurden dann immer mal die Kinder in die Wohnung geschickt, Zucker holen oder sonstwas, das machten die aber ganz problemlos. Wo wir jetzt sitzen, das war der Lagerraum, da holten die dann die Sachen raus... Später wurde der Laden HO, aber ganz früher war es am gemütlichsten, mit Gurkenzange, Marmelade in Eimern...« Jürgen Held lacht plötzlich auf: »Und die Gabi Pötzschke wollt’‚ ich als Kind heiraten! Der Laden mit den Schubkästen hatte mir’s angetan.« Gerhard Voigt nimmt den Faden auf: »Die schönen Schubkästen haben wir mit rausgeräumt. Die HO hat die Einrichtung erst übernommen, aber nur die Regale, nicht die Schubkästen, weil ja nun alles abgepackt war und nicht mehr lose. Wobei man sagen muß, die HO hat ein bißchen das Tante-Emma-Mäßige bewahrt. Sie kannten uns, hoben mal für ’ne schwangere Mutti Bananen auf, wenn’s die gab, oder Weintrauben... Anfangs war Herr Pötzschke Verkaufsstellenleiter. Dann führte Frau Stengel die HO-Filiale, sie war sehr nett, hilfsbereit.« Und Held: »Als meine Mutter schwanger war – wir wohnten um die Ecke und kriegten nicht mit, wenn’s mal Bananen gab –, da war es für Frau Stengel ganz selbstverständlich, daß sie welche für die Schwangere aufhob. Wenn man nach Ladenschluß klopfte, ließ sie einen auch rein.« Voigt fällt ein: »Eines Tages war die HO weg. Dann haben wir den Laden übernommen als Versammlungsraum für die Genossenschaft – wir haben ihn in Eigenleistung ausgebaut.«

Genossenschaftsleben 

Wieder erinnern sie sich im lebhaften Dialog: »Wir haben ja alles selbst gepflegt, Anlagen und so weiter, dafür gab es Prämien, da hatte jeder Interesse, was zu machen. Das Geld wurde für Kinderfeste eingesetzt und für die Senioren. Aber die Leute wurden immer älter, und die Anlagen sahen mit der Zeit immer schlechter aus. In der DDR-Zeit mußten wir Aufbaustunden leisten, welche machten viel, welche wenig. Da haben wir uns nun ausgedacht, die Stundenzahl aufzuschreiben. Für das Geld von der GALA haben wir dann eingekauft, Kaffee, Likör, und sind dann bei den Leuten mit Präsenten rumgegangen, meist Silvester. Denen kamen fast die Tränen, wir mußten reinkommen; das wurde dann so«, schmunzelt Voigt, »daß meine Frau mich Silvester kaum zu sehen kriegte, und wenn ich schließlich kam« – »Dann warst du zu«, fällt ihm Held ins Wort. Gelächter. Frau Lange sagt: »Früher gab es hier viele Kinder. Wir haben schöne Feste gefeiert.« Held begeistert sich: »Wo wir die Kegelbahn drüben hatten! 1964 sind wir hier eingezogen, alles junge Leute, das war so ein Zusammenhalt. Heute nicht mehr. Auch die sich in der DDR engagiert haben für die Grünflächen, von denen macht heute keiner mehr was. Es tut weh.« Voigt schlägt ein Album mit Fotos auf: »Die Feste – wunderbar. Einen Kletterbaum hatten wir... hier... Und da machen wir Tauziehen, das gab einen Spaß.« Held besinnt sich auf andere Spiele: »Hinter den Hecken auf dem Trockenplatz wurden vor dem Krieg bei der Bodenentrümpelung die Holzteile von den Kammern gelagert, alle schön numeriert. Da sind wir als Jungs drauf rumgeklettert, haben welche rausgezogen, Buden gebaut...« Voigt sagt: »Und der Tauchsche! Jede Straße hatte ihre Bande, da wurde gekämpft, da war schwer was los. Knallkörper gab es ja nicht groß. Aber in den Drogerien kauften wir Unkraut-Ex; gemischt mit Wanzengas und in Wasser aufgelöst, wurde das hochexplosiv. Wir rissen Seiten aus unseren Schulheften, falteten sie zur Ziehharmonika und tränkten sie mit dem Zeug, das wurden unsere Knallfrösche. Auf der Kreuzung unter der Straßenbahn haben die unheimlich gekracht.« Renate Lange konstatiert: »Mir kann keiner erzählen, daß Kinder früher besser waren als heute.« Die Männer erinnern sich weiter: »Hier standen in den Anlagen jede Menge Obstbäume. Wenn die Ernte war, kam der Herr Pötzschke mit der großen Leiter und nahm ab, da konnte man mächtig essen, auch mitnehmen. Herr Pötzschke verkaufte das Obst auch. Es wurde abtransportiert in Wannen, in allem, was man so hatte, das war die schönste Zeit«, schwärmt Voigt, und Held überspringt zwanzig, dreißig Jahre: »Damals hatte nicht jeder ein Auto, nicht jeder Fernsehen, da gingen wir zum Freitagskrimi ins Nachbarhaus. Später: zweiunddreißig Wohnungen und fünfundvierzig Antennen! Sah furchtbar auf den Dächern aus...« 

Der Krieg 

Voigt sagt: »Mein Vater wurde nicht eingezogen. Er war ursprünglich Schneider, bekam im ersten Weltkrieg einen Schuß in die Hüfte, konnte nicht mehr den ganzen Tag sitzen und ging zur Post. Da mußte er in die Hitlerpartei, weil er sonst rausgeflogen wäre. Dafür haben sie ihn dann 1945 rausgeworfen.« Die Männer sammeln Erinnerungsbruchstücke: »Nach den Bombenangriffen gab es kein Wasser, wir sind mit dem Handwagen los, die Frauen und Kinder, runter zu dem Wasserposten Max-Liebermann-Straße Ecke Mehringstraße, damals Danziger Ecke Clausewitz, über das Katzenkopfpflaster«, – sie lachen – »da war nachher nur noch die Hälfte im Eimer. Die großen Jungs von sechzehn wurden zur Flak eingezogen und als Luftschutzhelfer. 1945 sollten sie noch verheizt werden, die Mütter haben ihre Kinder versteckt unter Lebensgefahr.« Held sagt: »Mein Vater war den ganzen Krieg an der Westfront, hat Schwein gehabt, kam im September ’45 wieder.« Und Voigt: »Meiner wurde als Versehrter aus dem ersten Weltkrieg nicht eingezogen und hat sich erfolgreich vor dem Volkssturm gedrückt.« 

Nachkriegs- und Hungerzeit 

»Mit dem Essen hatten wir keine Probleme«, so Voigt. »Mein Vater war doch Schneider, die Bauern hatten alles, ganze Stoffballen, konnten aber nichts damit anfangen. Da ist er immer nach Falkenberg hin, bei Cottbus, hat für sie genäht und dafür Naturalien gekriegt.« Und Held: »Meine Mutter hat auch für die Bauern genäht und bei Höhnstedt gehamstert. Sie organisierte Igelit – woher? Keine Ahnung. Daraus hat sie für die Bauern schöne Regenmäntel genäht, aber das Zeug riß doch so. Wenn die vierundzwanzig Stunden gehalten haben, dann war das Glück! Jedenfalls, sie hat bei den Bauern dafür ordentlich was bekommen. Aber wehe, wenn man in die Volkskontrolle geriet. Heimzu mußten wir immer vorn um die Ecke rum, wo in dem Laden die Polizei saß.« Voigt wirft ein: »Ja, der Vater ist auch mit dem Koffer auf dem Handwagen dort vorbei. Mal kam er in Falkenberg in eine Kontrolle, da hat er den Koffer rasch zum Lokführer reingestellt, der kriegte dafür auch seinen Anteil, und der Koffer ist dann richtig bei uns angeliefert worden.« Und wieder Held: »Wir haben die Mutter in Wahren auf dem Bahnhof mit dem Handwagen abgeholt und sind bis hierher gelaufen, weil auf dem Hauptbahnhof kontrolliert wurde...« 

Themenwechsel. 

»Zuckerrüben haben wir auf dem Feld gesammelt, die wurden in der Waschküche zu Sirup verkocht.« »Mein Vater rauchte nicht«, sagt Renate Lange, »er hat die Tabakzuteilung auf dem Dorf verhandelt.« Und Voigt: »Jeder hat selbst Tabak angebaut, der Spitzboden hing voll von Tabakblättern. 1945 sind die Grünanlagen umgegraben worden, jeder kriegte eine Parzelle für Gemüse. Die Beete mußten wir Kinder gießen, denn der Vater war auf Arbeit oder fort zum Organisieren. Ganz schön schon, zwei Eimer, an jeder Hand einen...« Frau Lange besinnt sich auf einen anderen Bahnhofsaspekt: »Und wenn sich rumsprach, daß auf dem Plagwitzer Bahnhof Loren mit Reis oder Sago standen, sind die Kinder hin mit Schaufeln.« Held: »Bei Lindenthal sind die Züge langsam gefahren, da sind immer ein paar von uns draufgesprungen und haben Kohlen runtergeschmissen, die andern haben unten aufgesammelt...« Voigt: »Wir haben Kaninchen auf dem Balkon gehalten, weil sie unten geklaut wurden. Der Vater hat Ställe gezimmert, die wurden, wenn es nachts kalt wurde, mit Säcken zugehängt. Und den Ascheeimer stellten wir auch auf den Balkon. Eines Tages 1945 saßen wir im Zimmer und spielten »Mensch ärgere dich nicht«, auf einmal qualmt’s draußen, da sind die Säcke angebrannt. Wir raus, haben gelöscht, ein Kaninchen hat der Vater gleich im Blumenkasten übergossen, da klingelt’s, die Feuerwehr. Die hatten es eher gemerkt als wir. Was wir für Viehzeug hatten! Hühner, Gänse, Enten, eine Zicke, die stand auf der Straße... Einmal hat der Vater einem Huhn den Kopf abgeschlagen, das flog noch im Hühnerstall rum, sowas vergißt man nicht.« Held: »Wir haben im Keller Hühner gehalten, mit Hahn, der hat dann immer gekräht, was natürlich die anderen Mieter nicht freute. Wäre heute undenkbar.« Frau Lange: »So schlimm die Zeit war, sie hat die Leute zusammengeschweißt.« Held ist im Geist noch bei den Hühnern: »Aber dann hat’s uns einmal furchtbar gejuckt.« – »Flöhe?« vermutet Voigt. »Milben. Wir haben uns ein Pulver geholt und die Hühner eingestäubt.« 

Das Nachwendeleben 

»Heute«, sagt Voigt, »sind in den Häusern viele Neue. Von den Früheren sind viele nach drüben, der Arbeit hinterher, manche in ein eigenes Häuschen am Stadtrand...« Die drei halten noch Kontakte zu den Bekannten von einst, am Rand ihres Einkaufswegs blühen rechts und links kleine Gespräche auf. Frau Lange sagt: »Wenn jemand neu einzieht, gehe ich mit einem Röschen hin, sage guten Tag, stelle mich vor. Die Älteren freuen sich dann. Die Jungen sind anders. Sie sagen zwar: Danke, das ist nett, aber es ist ihnen egal.«