Christian Schmidt - Auf der Suche nach dem Meister

Die Musikstadt vor dem Bachfest 2002

So wissen es alle Touristeninformanten, Reiseführer und Berufsmusiker, alle ungebildeten und gebildeten Einwohner, die Welt und ihre Helden: In Leipzig hat nicht nur Er höchstselbst die längste Zeit seines Lebens gewohnt, auch seine wichtigsten Söhne wurden hier geboren, seine wichtigsten Werke sind hier entstanden, hier wurde er begraben und gefeiert, hier wurde ihm gehuldigt, sein Name wird geehrt mit Denkmälern, Straßen, Instituten, einer Musikschule, süßen Leckereien, Festivals und nicht zuletzt einem Orchester, das seinen Namen trägt. Der große JSB ist untrennbar mit der Stadt Leipzig verbunden, sie ist auch durch ihn bekannt in aller Welt, und von jeher pilgern Tausende zu den Stätten seines Wirkens und Ruhens. Seit 1999 gibt es Jahr für Jahr ein Bachfest - doch ist Leipzig wirklich eine Bachstadt, eine mit lebendigen Traditionen? Oder ist sie vielmehr Austragungsort - ein riesiges Freiluftmuseum? Eine fragwürdige Musikmetropole ist auf der Suche nach dem Meister. 

Bach? Den nimmt man einfach mit, wenn man schon mal hier ist auf der Rundreise durch Sachsen, Deutschland oder auch Europa. Er gehört in die Schmuckschatulle der wichtigsten Kulturgüter, die die Welt aufbewahrt hat im Geiste und in der Notenschrift. Es gibt viele Attraktionen in Leipzig, und der wohl berühmteste Komponist, den es in seinen Mauern je beherbergt hat, ist eine davon. 

Auch Leipzig ist nicht frei von »Bachtalern«, »-pfeiffen«, einem »Thomasshop«, der schon seit einigen Jahren als »Übergangslösung« die Sicht auf die weltberühmte Kirche verschandelt. An ökonomischen Grundfesten wird nicht gerüttelt. PR-Geschick wird zum Qualitätsmerkmal künstlerischer Leistungen, der Kommerz ist im Musikleben so allgegenwärtig wie überall sonst. Was aber Leipzig von anderen Städten abhebt, liegt abseits aller Reliquien- und Maskottchenkultur: die Authentizität. Die Wirkungsstätten Bachs sind sichtbar, man kann sie anfassen und damit Geschichte ohne Zeitverzug begreifen. Nebensächlich, mit welchen Intonationsschwächen der Thomanerchor zu kämpfen hat - wenn er von der Empore der Thomaskirche singt, hallt sein gegenwärtiger Klang im historischen Empfinden nach, Abstraktes wird zum Gegenstand. 

Bach ist in aller Munde, Gehörgang und Plattenschrank. Was um ihn veranstaltet wird, ist kein Kult mehr. Das ist Vergötterung. Bach ist religiös, und die Menschen sind es um seinetwillen. Seine Musik in seinen Gemächern - das ist die Mixtur, an der sich Auswärtige berauschen und die Einheimische immer wieder verwundert. Ein ehemals ungeliebter Mitbürger als Perpetuum mobile der Erbauung, von der man zehren kann. In weniger üppig ausgestatteten Städten würde der große Meister unangefochten als Adler die sonst noch fleuchenden Spatzen überragen, die Tradition würde als Mangelware eine Verpflichtung sein. In Leipzig ist das anders, sein kultureller Reichtum ist sein Verhängnis. Nun müssen sich die großen und größeren Vögel die wenigen Brosamen teilen, die die Stadt gewillt ist zu verteilen. 

Das Bachfest, das in Leipzig seit 1999 jährlich stattfindet, hat im Vergleich zu anderen vergleichbaren Festivals ohnehin einen lächerlich kleinen Etat. Doch selbst mit diesem stieß es im vergangenen Jahr an seine Grenzen. »Ich bin frustriert, weil Leipzig Bachstadt sein will, ohne Traditionen zu pflegen«, sagt Christoph Wolff, Harvardprofessor und als Chef des Bacharchivs auch oberster Hüter der Leipziger Bachforschung. Im Herbst sah es ganz so aus, als müßten ein bis zwei Drittel des diesjährigen Programms gestrichen werden - und mit der Formulierung »das Fest wäre provinziell geworden« umreißt Festivalgeschäftsführer Bernhard Heß nicht nur ein finanzielles Problem, das sich nach einer Katastrophenwarnung kurzfristig beheben ließ, auch weil zwei saftige Sponsoren eingesprungen waren. »Wir brauchen keine Nabelschau des Hiesigen, das wir das ganze Jahr über haben, ich bin auf Einnahmen angewiesen«, redet Heß über eine Selbstverständlichkeit, denn halbvolle Kirchen nützen ihm nichts: »Auswärtige Gäste brauchen nun mal klangvolle Namen, sonst kommen sie nicht.« Das ist sein Leitsatz. 

Bach scheint als einziger klangvoller Name in Leipzig übriggeblieben zu sein. Es ist kein Geheimnis, daß die Musikpflege in Leipzig wie die Stadt selbst zum Museum geworden ist. Das muß beileibe nichts Schlechtes sein. Als Bachstadt ist es nur ein bißchen wenig, den Status eines Austragungsorts von Bachs Musik nur mit wenig eigener, überzeugender Leistung krönen zu können. Doch der Zug ist schon abgefahren; Thomaner, Gewandhaus-, Barock- oder Bachorchester finden keinen Zugang mehr zu den Pfründen, die internationale Alte-Musik-Ensembles längst untereinander aufgeteilt haben - schließlich ist auch der Musikmarkt ein gnadenloses Geschäft. Traditionen haben da nur einen Wert, wenn sie auch einen bekannten Namen führen, und wer sich mit synthetisch zusammengewürfelten Orchestern einen gemacht hat, weiß ihn auch zu gebrauchen. In Zeiten des globalisierten Idealklangs ist der Preis für globalen Musiktourismus eben ein Konglomerat aus globalen Interpreten, die sich vor der historischen Kulisse der Leipziger Innenstadt zusammenfinden, einem nicht zufällig gewählten Kristallisationspunkt. 

Diesem Zynismus muß das Bachfest Vorschub leisten, sonst kann es nicht überleben. Seine Aufgabe sieht es nicht darin, Publicity für die einheimischen Musiker zu machen, denen es zum Großteil eher in Randlagen des Interesses einige Konzertplätze zuweist. Mögen heimatliche Ensembles auch noch so mühevolle und hochqualitative Kleinarbeit leisten - solange ihnen die wichtigen Labels die kalte Schulter zeigen, sind die Mühen meist ideeller Natur, und das ist manchmal mehr wert als ökonomischer Erfolg. Aber selbst den hat es ja gegeben, rechnet Wolff vor. 20 Millionen Mark gaben die Besucher in Leipzig aus, 70 Prozent der Gäste waren Auswärtige. Sie suchen den Meister. Ist er da? 

»Ich weiß, daß die Stadt hellhörig geworden ist über so viel Resonanz«, sagt Wolff. So zählte das Bachmuseum, das als nicht gerade reich ausgestattetes Haus für jedes in den Fundus übergegangene Autograph wahre Freudentänze veranstaltet, 2001 fast so viele Besucher wie im Jubiläumsjahr 2000. »Wir müssen dafür jedoch auch Angebote machen. Diese Vielfalt gibt es in Deutschland nicht zweimal.« 

Die Forderungen sind denn auch eindeutig. »Der Attraktionen gibt es viele, nur laßt uns mit Bach anfangen, den muß man niemandem auf der Welt erklären.« Bernhard Heß schaut ebenso wie Christoph Wolff mit Unverständnis auf einmalige Projekte wie den Olympiaplan der Stadt. »Renommee schafft man durch Kontinuität, nicht durch kurzfristige Events.« Nur langsam besinne man sich auf die Potentiale. Entschlossenes Handeln und finanzielle Sicherheit wären notwendig, um langfristig Künstler verpflichten zu können, die zwei bis drei Saisons im voraus planen und nicht erst kurz vor Beginn des Festivals auf die Zusage eines gebeutelten Stadtrats warten wollen. 

Zu fragen ist auch, warum das Bachfest zu 40 bis 50 Prozent von der öffentlichen Hand gefüttert wird, während die Dresdner Musikfestspiele zu drei Vierteln gefördert werden. Das hängt auch damit zusammen, daß diese vom Bund unterstützt werden, der den Leipzigern seine Hilfe aber »aus grundsätzlichen Gründen« versagte. Vielleicht ist wirklich zu viel über künstlerische Inhalte diskutiert worden, wie Heß meint. Dafür seien nun mal viele Stadträte weniger zugänglich als für sportliche Höhenflüge. »Lamento verbraucht sich, gute Ergebnisse überzeugen«, sagt Heß, dessen Loyalität so weit reicht, wie sie dem Bachfest nützt. Geduld haben, das ist sein zweiter Leitsatz. »Jetzt nehme ich den Stadtrat beim Wort.« Der hatte in einem Beschluß das Bachfest als »wichtigstes kulturelles Ereignis der Stadt mit internationaler Ausstrahlung« bezeichnet. Bach als geheiligtes Mittel, überregional Wirkung zu erzielen. Er muß aber mehr als seinen Zweck erfüllen. Wolff, der als internationale Koryphäe der Bachforschung gilt und mit dem Quellenzugang auch für die Weiterentwicklung der Interpretation Erhebliches geleistet hat, glaubt an Leipzig auch als Bachstadt von innen. Als Stadt, die mit ihrer exzellenten Forschungsarbeit (die hier auch ohne Wolff seit Jahrzehnten betrieben wurde) ein wenig mehr klingeln könnte als jetzt, da sie einzig den Spezialisten ein bekannter, ein edler Name ist. Als Stadt, in der die Thomaner nicht nur aus Reputationsgründen in den attraktivsten Abendstunden auftreten dürfen, um Authentizität zu verströmen, sondern auch wieder zu einem Spitzenchor aufsteigen könnten. Als Stadt, in der es ein berühmtes Orchester gibt, das sich ebendeswegen nur ungern sagen läßt, es habe Reserven. »Man muß moderne Ensembles und ihre Zuhörer in eine breitgefächerte Klangwelt einführen, die für viele zugegeben eine ungewohnte Sache ist.« Dafür bedarf es dringend weniger Aufgaben für die inhomogen gewordenen Knaben in St. Thomas, aber es braucht nicht unbedingt historische Instrumente, wie die Gächinger Kantorei beweist. Dem Gewandhausorchester muß kein Barockspezialist beigestellt werden, der ihm von außen einen Stil aufzwingt, den es nicht glaubt annehmen zu müssen. Damit ein Orchester anders Barockmusik spielt, müssen seine Musiker ein Gefühl für die andere Spieltechnik bekommen und ihre Arroganz des Alleskönners, ihren Glauben an Unfehlbarkeit und Unangreifbarkeit ablegen. Sie müssen sich informieren wollen und bereit sein, eine stilistische Breite zu erkennen. Denn daß sie eigentlich alles können, wie sie es von sich glauben, stimmt ja sogar. Ihre Sternstunden beweisen das im Gewandhaus. Nun müssen jedoch die in der Thomaskirche folgen. 

Die Zeichen stehen, wenn man so will, auf Sturm. Leipzig hat sich trotz der bedrückend klammen Kassen zu seinem größten Meister bekannt, hat den Etat gesichert, sich einen Namen gemacht. Leipzig wird nicht mehr ausgelacht als Bachstadt. Bald zeigt sich, ob die Initiativen genügend langen Atem haben, um der Stadt ihren erstarkenden Ruf zu festigen. In diesem Jahr haben sich zum Bachfest wieder zahlreiche namhafte Künstler zum Flirt mit dem französischen Barock angemeldet, und ab dem nächsten Jahr verspricht das künstlerische Dreigestirn aus Thomaskantor Georg Christoph Biller, Christoph Wolff und Elmar Weingarten interessante Begegnungen zwischen Bach und Moderne. Auch die Oper hat nach dem Intendantenwechsel in dieser Hinsicht einen großen Sprung nach vorn gemacht und als mindestens deutschlandweit bekanntes Haus Bühnenkooperationen für Barockwerke angekündigt. Wenn dann auch noch die Bachpflege, wenn das Bewußtsein für den Meister sich in ganzjährigem Engagement an allen Fronten niederschlägt, kann Leipzig wirklich zur Bachstadt werden. Vielleicht hat die Suche nach dem Meister dann ein Ende.