Roy Kummer - Kein Hellseher

Der Bestseller-Autor Joseph Haslinger zieht von der Donau an die Pleiße

Sein erster Roman katapultierte den bis dahin einer eher überschaubaren Leserschaft vor allem als Essayist und Novellist bekannten Joseph Haslinger vor sechs Jahren in die Bestsellerlisten und sorgte nicht nur in seiner österreichischen Heimat für Aufregung. Der Professor für Literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig hatte einen Volltreffer gelandet. 

Wer hinter dem Titel »Opernball« eine walzerselige Societygeschichte vermutete, lag völlig daneben. Das Buch entwarf die Vision eines Terroranschlags, dessen Ausmaße inzwischen erreicht und überboten wurden. Haslinger läßt in seinem Polit-Thriller eine Handvoll politisch-religiöser Fanatiker einen vernichtenden Anschlag ausführen. Ihr Ziel: der Wiener Opernball. Während des glamourösesten Amüsements der besten Gesellschaft in Wien leiten sie Giftgas durch die Lüftungsschächte in die Oper ein. Im verklingenden Dreivierteltakt wird hundertfach gestorben. Die Donaumetropole hört auf zu atmen, versinkt in Trauerfloren und Apathie. Nahezu die gesamte Regierung fällt dem Terrorakt zum Opfer. Das verblendete Selbstmordkommando schafft die Voraussetzungen für einen gefährlichen Umbruch. Im allgemeinen Wirrwarr des paralysierten Staats wird der Ruf nach Ruhe und Ordnung laut, nutzt eine auffallend gut präparierte rechtsextreme Partei ihre Chance, die Macht im Land an sich zu reißen. Ein Szenario, das damals noch von manchem als Hirngespinst, gar als sensationsgeladene Kolportage empfunden wurde. Haslinger hatte nicht nur vieles, was in seiner Heimat heilig ist, in Frage gestellt oder dem Untergang anheimfallen lassen, er spielte auch listig mit historischen Dimensionen und Möglichkeiten. Das Buch wurde zum internationalen Bestseller, die Auflage stieg in die Hunderttausende. 

Als dann Anhänger einer Sekte in der U-Bahn von Tokio einen Sarin-Anschlag verübten, fühlte sich der studierte Philosoph, Germanist und Theaterwissenschaftler überraschend in Talkshows als Experte für religiös-politisch motivierte Terrorakte herumgereicht. Erfolgsproduzent Bernd Eichinger lud ihn nach Hollywood ein und bot an, den Roman zu verfilmen. Der Zweiteiler, mit Heiner Lauterbach in der Hauptrolle eines Fernsehjournalisten, der den Anschlag zufällig überlebt, dabei jedoch seinen Sohn verliert, machte bei SAT 1 Kasse. Die Vorabpremiere in Österreich wurde aus bestimmten Kreisen heraus verhindert, die sich offenbar durch unübersehbare Parallelen zur Realität in der Alpenrepublik düpiert fühlten. Plötzlich war Joseph Haslingers Werk einem Millionenpublikum bekannt. »Ich wäre durchaus zufrieden gewesen, wenn der Roman zehntausendmal verkauft worden wäre«, erinnert sich Haslinger. 

Natürlich veränderte der Erfolg sein Leben. Keine Villa, kein großes Auto - statt dessen fühlte sich der Schriftsteller in seiner Arbeit massivem Druck ausgesetzt. Um einen neuen Roman zu schreiben, nahm er eine Auszeit von Wien, Leipzig und Europa, siedelte für knapp zwei Jahre nach New York um. »Der Erfolg des Romans hat mich dazu gebracht, Druck auf mich selbst auszuüben. Ich wollte auf keinen Fall einen zweiten ›Opernball‹ schreiben, andererseits auch nicht hinter dessen Qualität zurückfallen.« Das Resultat des Arbeitsaufenthalts war der Roman »Das Vaterspiel«, wieder eine Vater-Sohn-Geschichte vor historischem Hintergrund. »Ich wollte ein sehr persönliches Buch mit ideellen Zügen schreiben, in das ich so viel wie nur möglich an persönlichen Erfahrungen mit hineingeben konnte.« Nicht nur den Protagonisten, einen Mittdreißiger und materiell verwöhnten Politikersohn, dessen Lebensenergie zum großen Teil vom Vater absorbiert wird, sondern auch Randfiguren behandelt Haslinger mit geradezu eigensinniger Fairness. Behutsam räumt er jeder Romanfigur die Möglichkeit ein, vom Leser verstanden zu werden, egal ob es sich dabei um durchgeknallte Studentinnen, karrieregeile Schulmeister oder Massenmörder handelt. Haslinger verknüpft das Hier und Heute mit der Vergangenheit, betrachtet bereits die Gegenwart mit den Augen eines Historikers, eröffnet künftige Interpretationsmöglichkeiten zu unserer eigenen Geschichte, auch wenn von Wien, Litauen und den Vereinigten Staaten die Rede ist. In seiner persönlichen Globalisierung, seinem Gedankenflug durch Zeit und Raum streift Haslinger zwischen Singapur und Wien und New York umher und vergißt auch nicht, Karl-Marx-Stadt und Waidhofen an der Ybbs zu erwähnen. Und auch dieser Roman nahm eine Entwicklung vorweg: den Niedergang der verfilzten Sozialdemokratie in Österreich. Als Seher fühlt sich der 1955 im niederösterreichischen Zwettl geborene Autor indes nicht. Doch wer genau hinschaut und gründlich anaysiert, dem bleibt die Zukunft nicht gänzlich verschlossen. 

Dem Ehemann und Vater zweier Kinder ist zudem eine gehörige Spur von Optimismus eigen. Nicht zuletzt davon profitieren seine Studenten, die er für moderne Medien und neue Formen der Literatur begeistert. »Literatur kann sich den neuen Medien nicht entziehen. Sie erschließt sich im Gegenteil dadurch neue Wirkungsfelder. Ohnehin wird der Leser immer mehr zum Souverän, in dessen Kopf sich die Geschichte abspielen muß. Literatur liefert nur die Vorlagen und Anregungen. Die Schlußfolgerungen zu ziehen bleibt dem Leser überlassen.« Mangel an Themen und Geschichten kann er nicht erkennen. »Wenn ich über die handelnden Figuren erfahre, woher sie kommen, welches Elternhaus sie hatten und was ihre Großeltern taten, kann ich nur feststellen, daß bereits das 20. Jahrhundert derartig voll von Brüchen und Katastrophen ist, daß die Geschichten eigentlich auf der Straße liegen.« So ist jeder neue Haslinger-Text auch ein Stück unaufdringliche Bildungsliteratur. 1995 wurde Haslinger, zunächst befristet, als Professor nach Leipzig gerufen, logierte im Gästehaus der Universität, pendelte zwischen Donau und Pleiße. Gegen die später angebotene Verbeamtung wehrte er sich »nicht wirklich«. Er nahm Quartier im Westen der Stadt. Doch inzwischen leidet der Autor unter der Wendeltreppe in seiner Maisonettewohnung, die man für jedes Glas Wasser hinauf- und hinabsteigen muß. Nun sucht er für seine Familie und sich eine neue Bleibe. Auch er lobt sein Leipzig, nicht nur weil er ein »erklärter Anhänger des Ringstraßensystems« ist. »Mich fasziniert die andauernde Bewältigung dieser enormen gesellschaftlichen Umstrukturierung, die gerade hier in dieser Stadt mit allen Härten und Gemeinheiten einerseits, aber auch durch die krampfhaften Versuche, an Dingen festzuhalten, die hoffnungslos verloren sind, deutlich wird.« Er wird mitmischen, bei der Gestaltung seines neuen Hauptlebensraums, seiner Wahlheimat; als Beobachter, als Kritiker, als Autor, als Lehrer, als Mensch und Nachbar. Möglicherweise spielt Leipzig ja in seinem nächsten Roman eine Rolle. Wenn wir uns alle Mühe geben, wird sie vielleicht sogar einmal von der Realität positiv überboten. Wäre doch schön, oder?