Otto Werner Förster - »Lortzing und Consorten«

Zum 200. Geburtstag von Albert Lortzing

Die abwertenden Urteile von selbsternannten Fachleuten, »Gebildeten« und »Intelligenzlern« über den »biedermeierlichen Kleinmeister« Albert Lortzing sind mehr als hundert Jahre lang gängiges Vorurteil gewesen. Natürlich nicht für das Publikum. Das verstand spätestens seit »Zar und Zimmermann« (1837), daß eben genau jene Zeitgenossen gemeint waren mit den zahllosen politischen Anspielungen, Persiflagen und Parodien auf Spießer, Kleindenker und Wichtigtuer, schon in der damaligen Stadtverwaltung. Was ist heute der Grund, daß die Musikstadt Leipzig im Jahr von Lortzings großen Jubiläen - 200. Geburtstag und 150. Todestag - kein offizielles Wort über den weltbekannten Komponisten verliert, obwohl er als virtuoser Tondichter und politisch engagierter Zeitzeuge inzwischen rehabilitiert ist. Lortzing hat mehr als zwölf Jahre in Leipzig gelebt - und acht seiner großen Bühnenwerke hier geschrieben. 

Lortzing trat sein Engagement beim Direktor und neuen Pächter des Leipziger Stadttheaters auf der Rannischen Bastei, Friedrich Sebald Ringelhardt, am 1. November 1834 an. Er suchte gesellschaftliche Kontakte und fand sie schnell, zuerst im »Tunnel über der Pleiße« , einem scheinbar dem bloßen Jux verpflichteten Verein, der aber zum Sammelpunkt politischer Köpfe wurde und dank seiner satzungsgemäßen internen Sprachregelungen die repressive Zensur umging. Vorsitzender war zu der Zeit Friedrich Ludwig Meißner, Arzt und Freimaurer. Die »Tunnel«-Veranstaltungen fanden vorwiegend im Hôtel de Pologne in der Hainstraße statt, einem Um- und Neubau zusammengelegter benachbarter Grundstücke, unter anderen der Kneipe »Zum Birnbaum«. Lortzing hat dort sehr oft mit Freunden gesessen. Lieblingslokale waren auch in der Funkenburg, in Gerhards Garten oder Auerbachs Keller. Auch im von Robert Blum gegründeten Schiller-Verein war Lortzing aktiv. Über Blum lernte er Georg Herwegh und August Heinrich Hoffmann kennen, der sich »von Fallersleben« nannte und durch das Deutschlandlied zu Ruhm kam. 

Der lebenslustige Lortzing war durchaus nicht der »hungernde Künstler«, als den man ihn gern darstellt, zumindest nicht in den Leipziger Jahren. Seine Anfangsgage betrug 117 Taler im Monat, nach heutigen Lebenshaltungskosten etwa 5000 Mark. Dazu kam im Jahresdurchschnitt etwa die gleiche Summe aus dem Erlös seiner Opern, Benefizvorstellungen, Gastspielen. Der »arme Künstler« war er erst während der letzten beiden Jahre seines Lebens in Berlin. 

Lortzings geistige Heimat war die Freimaurer-Bruderschaft. Schon 1826 in Aachen aufgenommen, wurde er 1836 in der Leipziger Loge »Balduin zur Linde« affiliert, das heißt angenommen. Das Logenhaus war das spätere Hotel Müller hinter der Matthäikirche am Wallgraben, heute etwa der Standort des Schulmuseums auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale. Lortzings engster Freundeskreis bestand – was seine briefliche Anrede »Bruder« erklärt – vor allem aus Freimaurer-Brüdern: aus Philipp Jacob Düringer, Philipp Reger, Robert Blum, auch Ferdinand David, dem Gewandhauskapellmeister, aus der Loge »Minerva zu den drei Palmen«, für die Lortzing 1841 zur Säkularfeier eine »Jubel-Kantate« komponierte. Deren Logenhaus stand in der Schulstraße. 

Die Logenzugehörigkeit ist unter anderem auch deshalb interessant, weil Leipzig seinen Ruf als Kulturstadt seit dem 18. Jahrhundert wesentlich dem Wirken von Freimaurern verdankt, Kaufleuten, Künstlern, Wissenschaftlern – gemessen an der Einwohnerzahl nur eine Handvoll Leute. Die Gründer des »Großen Concerts« etwa, die Erbauer des ersten Theaters, die Stifter großer Bildersammlungen, die Kunst-, Bildungs- und Sozial-Mäzene waren Logenbrüder.

Das Privattheater Ringelhardts lief unerwartet gut. Der bühnenerfahrene Praktiker hatte einen ausgewogenen Spielplan – von schlichten Possen über die »Klassiker« Goethe, Schiller, Shakespeare bis zu den neuesten Werken der Musikliteratur. Und er machte auch noch ansehnlichen Gewinn dabei! Das rief die Kritiker und Neider auf den Plan, allen voran den »Jungdeutschen« Heinrich Laube (1806-1884). Laube, studierter Theologe, hatte seine politische Laufbahn als wortreicher Revoluzzer begonnen. 1832 kam er nach Leipzig, wurde Redakteur der Zeitung für die elegante Welt und Schreiber für zahlreiche andere Zeitschriften. Als 1835 unter anderen auch seine Schriften vom Frankfurter Bundestag auf den Index gesetzt wurden, widerrief er öffentlich und erklärte in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, künftig »alles zu vermeiden, was die Religion, die Staatsverfassung und das Sittengesetz beleidigt«. Er hatte seinen Frieden mit der Obrigkeit gemacht, der Karriere wegen. Er hat sich schlicht verkauft. Da Heinrich Laube die damalige öffentliche Meinungsbildung zu einem guten Teil beherrschte und mit den Zensurbehörden beziehungsweise den städtischen Theaterdeputierten gut zusammenarbeitete, konnte er vorgeben, was die »wahre Kunst« sei. Auf jeden Fall nicht das Ringelhardtsche Theater. 

Im übrigen hing schon damals das Wohlwollen der Rezensenten nicht unbedingt von der Qualität der besprochenen Werke ab. »...die Rezensenten haben die Oper [Undine] in den Blättern so schlecht gemacht, weil Albert keinem Geld zuschickt«, schreibt Rosine Lortzing später in einem Brief an ihre Schwester. 

Seit 1835 hat Laube, der sich zur »Elite Leipzigs« zählte, daran gearbeitet, die Stadtverordneten gegen Ringelhardt und seine Mitarbeiter einzunehmen, ab 1844 demonstrierte er seine Vorstellung von »wahrer Kunst« auf der Leipziger Bühne: Goethe, Schiller - und die eigenen Stücke, die er gelegentlich gleich selbst rezensierte. Die Oper gar wollte er gänzlich aus dem Spielplan gestrichen wissen ... 

Zu seinem Bühnenwerk »Die Bernsteinhexe« meinte Lortzing nur: »... ein gräßliches Machwerk. Wenn’s nur Geld bringt.« Die »Machwerke« Laubes sind vergessen. Heinrich Heine hat den gräßlich unbegabten Dichter und »charakterlosen« Vielschreiber Laube entsprechend beschimpft. 

Der Kreis um Laube aus dem von Lortzing mitbegründeten Literaten-Verein, dem ersten deutschen Schriftstellerverein, wollte das dumme Publikum zu den »Gebildeten« hochziehen mit verordneter »Hoch«-Kultur beziehungsweise was man dafür hielt. Das ging natürlich schief - und unter dem Theater-Dilettanten und Ringelhardt-Nachfolger Dr. med. Carl Christian Schmidt direkt in die Pleite. Schmidt emigrierte schließlich unter Vermittlung des Leipziger Abenteuerschriftstellers Friedrich Gerstäcker nach Amerika. Theater ist nicht ganz ohne Publikum zu machen, und Laubes Berufung auf Schiller setzte Schillersches Format voraus ... »Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden.« Das haben die wichtigen Philister schon damals nicht begriffen. 

Die »Gebildeten« um Laube versuchten mit Hilfe des städtischen Theaterdeputierten Dr. Wilhelm Demuth Ringelhardts Pachtvertrag auszuhebeln - um selbst an die Theater-Macht zu kommen. Die oft kolportierte und vom Biographen Georg Richard Kruse (1899) erstmals erzählte Anekdote, daß Lortzing vierzehn Tage Haft absitzen mußte wegen ungebührlichen Auftritts gegen Demuth auf offener Bühne, ist übrigens nicht belegt.

Lortzing verfaßte 1838 eine Petition an den Stadtrat pro Ringelhardt und ließ sie von Kollegen unterschreiben. Ein frühes »gewerkschaftliches« Dokument. Das Ratskollegium debattierte über die »Beschwerde von Lortzing und Consorten«. Und Ringelhardts Vertrag wurde verlängert, auch weil die »Volksmeinung« für ihn war. Zuviel wollte man nicht riskieren. Das wurde anders, je näher die 1848er Revolution rückte. Rücksichten erübrigten sich; die Repression wurde noch schamloser. Man kündigte Ringelhardt zum Spielende 1844. Lortzings Freunde Düringer und Reger waren da schon gegangen. Robert Blum ging 1846. 

Dr. Schmidt übernahm die Intendanz, engagiert, aber hilflos den vielfältigen Intrigen ausgesetzt. Er mußte bald dem frisch eingesetzten Kapellmeister Albert Lortzing wieder kündigen. Das war 1845. Lortzing ging für zwei Jahre nach Wien und, nach einem kurzen Zwischenspiel wiederum in Leipzig (Tauchaer Straße 2), als Kapellmeister des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters nach Berlin. Das wurde später das Deutsche Theater. Dort war er wirklich der arme Künstler mit 600 Talern Jahresgage. 

Im Januar 1901, zum 50. Todestag, gab es am Leipziger Stadttheater eine Lortzing-Festwoche mit fünf seiner Opern. 2001 bemühen sich Städte wie Detmold, Bad Pyrmont und Münster mit Aufführungen, Ausstellungen und Symposien um Albert Lortzing. Leipziger Kultur-Manager bleiben von den Jubiläen unbeeindruckt. Sofern sie überhaupt darum wissen. Man greift lieber zurück auf abgeschmackte Ideen anderer, etwa jene, die Handabdrücke sogenannter Prominenter als Marketing für die Kulturstadt Leipzig zu verkaufen. Ein verurteilter Krimineller war im Gespräch dafür. Für einen Mann wie Lortzing ist in solchem Denken kein Platz. 

Die erste Lortzing-Biographie hat 1851 der Freund Philipp Düringer beim Bruder und Verleger Otto Wigand veröffentlicht. Auf ihn berief sich Georg Wustmann 1897 in seinem »Bilderbuch aus der Geschichte der Stadt Leipzig« - und druckte darin erstmals ein Foto von »Lortzings Wohnhaus in der Funkenburg« ab. Düringer schreibt allerdings von einem »schmucklosen, einsamen Gartenstübchen«. Das war das zweiteilige Wohnhaus unmittelbar hinter der belebten Funkenburg allerdings nicht. 

Lortzings oft zitierter Brief noch aus Pyrmont an die Eltern bezüglich der Wohnung, er werde das Zimmer im Seitengebäude »occupiren, [...] der lieben Ruhe wegen«, bezieht sich nicht auf die Funkenburg-Wohnung, sondern auf das auch vor der Stadt liegende Naundörfchen: »Lortzing wohnhaft im Naunendörfchen 1008«, so ein Brief vom 22. Mai 1834. Ein Grundstück, das laut Adreßbuch dem Schönfärber Chevalier gehörte und am Bogen der Mühlpleiße lag, gegenüber der heutigen Feuerwache. 

Das Leipziger Adreßbuch verzeichnet erstmals 1841 und dann bis 1844 »Gustav Albert Lortzing, Frankfurter Str. 28, gr. Funkenburg«. Das Grundstück hatte die Brandkatasternummer 1086 mit dem Zusatz »Vordere Ziegelscheune« - als Wohnhaus noch heute erkennbar auf dem Stadtmodell im Stadtgeschichtlichen Museum. Das beigefügte »gr. Funkenburg« ist ganz offensichtlich nur als nähere Ortsbestimmung gedacht, denn die anderen 1080er Nummern lagen »Vor dem Ranstädter Tore«, im Bereich des heutigen Naturkundemuseums. Die Große Funkenburg selbst ist als Nr. 29 beziehungsweise 1042 unter dem Besitzer Frege eingetragen, die Nr. 1043 unter Schwägrichen: Der Umbau der Nr. 1086 dazwischen zum Wohnhaus wird zwischen 1797 und 1828 erfolgt sein, wie die entsprechenden Stadtkarten und Katasternummern belegen. Lortzing muß dort mit seiner zahlreicher gewordenen Familie 1838 eingezogen sein, wie aus einem Brief an den Verleger (und Freimaurer) Friedrich Hofmeister, mit dem er ständigen Kontakt hatte, zu schließen ist. Das »einsame Gartenstübchen«, von dem Düringer spricht, kann sich also nur auf eine angemietete Gartenlaube auf dem weiten Gelände hinter der Funkenburg beziehen. Frege hatte die Lauben massiv aufmauern lassen und samt Gärten verpachtet. Erst 1844, als er Kapellmeister geworden war, scheint Lortzings Familie in das Wohnhaus Große Funkenburg gezogen zu sein, das seit Wustmanns Veröffentlichung als Lortzings Wohnhaus gilt. Mitte Juni 1844 berichtet er Reger über die offensichtlich neue Wohnung: »Die Witterung hier ist vortrefflich, außer meinem Hause und drinnen.« 1845 steht im Adreßbuch »Albert Lortzing, Musikdirector. Gr. Funkenburg«. Die Adressen wurden jeweils im Herbst des Vorjahrs auf den neuesten Stand gebracht. Die Wohnortfrage wäre eigentlich unerheblich, wenn sie nicht ein Beleg wäre für ungeprüftes Abschreiben über Generationen.