Kristin Schönfelder - Zu Hause – wo ist das?

Russisches Leben in Leipzig

Mein »erster Russe« stand Wache vor einer Kaserne mit zwei roten Sternen am grauen Tor. Ich war vier Jahre alt und auf dem Weg zum Kindergarten. Vielleicht war er auch Kasache oder Armenier oder Tschuwasche. Sowjetbürger auf Friedenswacht, sagte die Kindergärtnerin. Russen, sagte meine Oma. Erläuterungen verkniff sie sich. Später, als Jungpioniere, überreichten wir einmal im Jahr Blumen in der Kaserne. Ich kann mich an den Geruch in den Gängen erinnern - ein dumpfes Gemisch aus Desinfektionsmittel, altem Brot und Männerschweiß. An die Gesichter der Soldaten erinnere ich mich nicht. Auf einmal waren sie dann verschwunden, die Russen, die vielleicht gar keine waren. Übrig blieben verlassene Kasernen, die aussahen wie nach einem Krieg. Und die Inschrift auf einem Hochhaus am Brühl: Dobro poshalowat v Leipzige, Herzlich willkommen in Leipzig, mit einem grammatikalischen Fehler, der in den vierzig Jahren offenbar niemandem aufgefallen war. Eines Tages waren sie wieder da, die Russen, die mitunter Ukrainer sind. Oder Deutsche. Sie handeln. Sie musizieren. Sie studieren. Sie arbeiten am Bau. Sie warten. Auf Arbeit. Oder auf das Glück. Je nachdem. 

Die Russen kommen: Die Diva 

Moritzbastei, Donnerstagabend. Die Veranstaltungstonne ist bis auf den letzten Platz besetzt. Kudernatsch hat auf seine »Kautsch« geladen. Auf einer Leinwand jagen sich Hase und Wolf. Drushba, steht schwarz auf einem roten Banner. Die Russen kommen, heißt der Abend. Olga Lomenko ist schon da. Seit 1987. Da kam sie als Germanistikstudentin aus Kiew nach Leipzig. Heute ist sie Sängerin und von der Leipziger Presse bejubelte Diva. Angefangen hatte alles mit den studentischen Länderabenden der damaligen Karl-Marx-Universität. Dann kam die Liebe, und Olga Lomenko blieb. Ihr Sohn Jonas ist inzwischen fünf Jahre alt. »Ein echter Leipziger, schon deshalb ist Leipzig meine Heimat.« Inzwischen sitzt auch Dimitri Sacharow am Klavier. Scheinwerfer an. Die Diva singt. Erst ein Lied auf russisch, dann eines auf deutsch – und ihre Stimme klingt vollkommen verschieden. Olga Lomenko hat ihren ukrainischen Paß behalten. »Ich bin Ukrainerin, auch wenn Leipzig meine Heimat ist. Wenn man in den deutschen Paß reinschreiben könnte, Staatsbürgerschaft deutsch, Nationalität ukrainisch...« 

Mit fünf Kopeken bis nach Schleußig: Der Ehemann 

Drei Uhr morgens war es, als Sergej Rykovskij in Leipzig ankam. Er war gerade ausgeraubt worden, im Zug von Prag nach Dresden. Auch die Adresse seiner Freundin Constanze war weg. Nur daß sie in Schleußig wohnte, wußte er noch. Ein nächtlicher Spaziergänger wies ihm dann die Richtung – immer an der Straßenbahnlinie entlang. Sein letztes Fünfkopekenstück rettete ihn schließlich: Der Telefonautomat funktionierte. Im Schlafanzug und Mantel kam Constanze zur Kreuzung. Das war vor neun Jahren. Seit achteinhalb Jahren sind sie verheiratet. Kennengelernt hatten sie sich im Studentenwohnheim von Woronesh (Rußland), Sergejs Heimatstadt. »Nach Leipzig zu gehen war damals die einzige Möglichkeit, um zusammenzubleiben«, erinnert sich Constanze. Der Anfang war schwierig. Sergej begann auf dem Bau. Ohne Deutschkenntnisse und ohne ein Wort Sächsisch. Am Abend kam er mit einer Kladde voller Sätze wie »Hau ma den Nachel nein!« nach Hause. Inzwischen ist sein Deutsch perfekt, dank Fernsehen und Radio. Im Kurs an der Volkshochschule sprachen die Schüler alle möglichen Sprachen, nur kein Deutsch. Auch die Umschulung zum Zimmermann brachte in Zeiten der Baukrise wenig: Nach sechs Monaten ohne Lohn stand Sergej wieder auf der Straße. Nachdem Constanzes Elternhaus nach allen Regeln der Kunst ausgebaut war, brachte eine Umschulung zum Informatikkaufmann die Rettung. Als einer der wenigen seiner Klasse erhielt Sergej sofort eine Anstellung: Seit diesem Sommer arbeitet er die Woche über als Softwareentwickler in München. 

Fremde Heimat: Die Rußlanddeutschen 

Ein zweistöckiger Neubau in der Bornaischen Straße im Leipziger Süden. Wartesaal für dreihundertzwanzig Menschen, die auf die bessere Zukunft hoffen; Spätaussiedler, wie sie offiziell heißen. Vor dem Haus steht eine schwatzende Gruppe. Manche der Frauen tragen ein Kopftuch, alle haben Schlappen an. Eine von ihnen ist Valentina Landmann. Sie ist erst seit drei Wochen in Leipzig. Für sie, die 1927 in der Ukraine geboren wurde, war die Reise nach Deutschland der erste Flug ihres Lebens. Fünf Jahre hat sie in Kasachstan auf die Ausreise gewartet. Hierhin war sie mit ihrer Familie 1941 zwangsumgesiedelt worden. Die Beschaffung aller Unterlagen hat sie viel Geld gekostet. »Dort versilbert jeder alles. Selbst humanitäre Hilfslieferungen wurden weiterverkauft.« Valentina Landmann schimpft in breitem Platt, dann unterbricht sie sich und lacht. »Ach so, hochdeutsch.« Aus ihrem Mund klingt das wie Chinesisch. Ihr ganzes Leben habe sie deutsch gesprochen in Kasachstan. Doch statt »Auf Wiedersehen« jetzt einfach nur »Tschüs« zu sagen – »daran werde ich mich nie gewöhnen«. Ida Wagner, Jahrgang 1935, wohnt schon seit anderthalb Jahren in Leipzig. Ihr Altschwäbisch hat sie inzwischen um einige sächsische Ausdrücke bereichert. Ende 1999 kam die Wolgadeutsche mit ihrem Mann Walter und zweien ihrer vier Kinder, Johann und Viktor, aus Kasachstan nach Deutschland. »Leipzig bedeutet für uns die Wiedergeburt«, sagt Ida Wagner. Trotzdem werden sie bald alle nach Köln ziehen: Viktor hat nach der Umschulung zum Elektriker endlich Arbeit gefunden. Im letzten Jahr waren sie alle zusammen im Urlaub in Kasachstan, das Haus ansehen und die zwei Kinder besuchen, die noch dort sind. Dann sind sie wieder gefahren. Nach Hause. Nach Leipzig. 

Vier Jahre durchhalten: Die Vermittelte 

Sie sitzt mir gegenüber im Interregio und zieht sich die Lippen nach. Blond, tiefer Ausschnitt, elegant. Der Mann neben ihr hat eine Hand auf ihrem Knie. Er ist vertieft in ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn. Weißes Hemd, Schnauzbart, auf seiner aufgeknöpften Brust eine goldene Kette. Gastronom sei er, ist aus dem Gespräch zu entnehmen. Aus dem Westen, beeilt er sich hinzuzufügen. »Alles nicht so einfach hier«, sagt er und meint die Stadt. Aber die boomt, bald, da ist er sich sicher. Sonst hätte er ja zu Hause bleiben können, sagt er und lacht, als hätte er einen Witz gemacht. Die Blonde, nennen wir sie Tanja, sitzt daneben und dreht eine Zigarette in der Hand. Wir sitzen im Nichtraucherabteil. Sie lächelt. Wir beginnen ein Gespräch, auf russisch. Das verstehe ihr Mann nicht, sagt sie. Aber er hört sowieso nicht zu. Tanja erzählt. Aus einem Provinznest in Sibirien kommt sie. Früher war sie Lehrerin. Ehefrauen nach Europa gesucht, stand in der Annonce. Europa, das ist der Westen. Unglücklich sei sie nicht, sagt sie. Schließlich sind es nur vier Jahre. Nach vier Jahren ist die Aufenthaltserlaubnis nicht mehr an den Bestand der Ehe gebunden. Ob ihr Mann das auch so sehe, frage ich. Er ist doch Geschäftsmann, ist Tanjas Antwort. Er sollte wissen, wofür er bezahlt. Und wieviel er dafür erwarten kann. 

Autos bis nach Costa Rica: Der Umsteiger 

Wer Andrej Baryshew nach seinem Beruf fragt, bekommt »Bandit« zu hören, allerdings nicht ohne ein schelmisches Grinsen. Zum erstenmal kam er 1983 nach Leipzig. Eine Prämie für gute Leistungen im Studium. »Bezahlen mußten wir die Reise natürlich trotzdem. Aber Leipzig war toll, vor allem der Burgkeller...« Da beschloß er, es mit den Deutschen zu versuchen. Der Weg dahin war abenteuerlich. Ein paar Jahre nach den Erlebnissen im Burgkeller, Andrej war bereits Psychiater in Witebsk in Weißrußland, lernte er auf einem Kongreß in Rußland einen Psychiater aus Berlin kennen. Der wollte eine Einladung nach Witebsk und bot im Austausch eine in die DDR an. Leider nahm der Berliner auf dem Weg in die Sowjetunion eine unerlaubte Abbiegung und wurde wegen Republikflucht verhaftet. Die Einladung kam wundersamerweise dennoch. So verschlug es Andrej nach Berlin, in die Psychiaterwohnung. Später ging er nach Jena, »zum Deutschlernen, was leider weniger erfolgreich war«, und verdiente sich ein Taschengeld als Babysitter. Zweihundert Mark für einen Sommer. Das Startkapital für sein neues Leben. Leider kam er an einem Jeansladen vorbei und wollte mal »gucken«. Als er den Laden verließ, war klar, er würde mindestens noch einen Sommer brauchen, um das Startkapital wiederzubeschaffen. So heiratete er erst mal. Und dachte sich eines Tages: Vielleicht ist das Leben schneller vorbei, als man denkt. Die Geburtsstunde des Unternehmers Baryshew. Der zweifache Familienvater beantragte einen Gewerbeschein und vertraute auf seine Kenntnis der menschlichen Seele, die er in seinem früheren Beruf erworben hatte. Lebensmittel, Baumaschinen, Baumaterialien: Baryshew hat alles vertrieben. Zur Zeit sind es vor allem Autos. Und das Geschäft läuft nicht schlecht. Manchmal träumt er freilich von einem Haus in einer Gegend, in der es etwas weniger regnet. Aber sonst ist er zufrieden mit seinem Leipziger Leben. »Wenn mich die Leute fragen, was habt ihr vor mit eurer Firma, sage ich: die Welt verändern. Ernsthaft, ein Russe verkauft von Deutschland aus englische Autos nach Costa Rica – das ist doch nicht schlecht, oder?« 

Pelmeni in der Einkaufsmeile - russisch einkaufen 

Die Russen schienen im vergangenen Jahrzehnt aus dem Leipziger Stadtbild fast verschwunden. Die russische Kirche St. Alexej, zu Ehren der russischen Gefallenen der Völkerschlacht 1813 errichtet, erinnerte zumindest Touristen auf Stadtrundfahrt an frühere Zeiten. Inzwischen sind die Russen in die Innenstadt zurückgekehrt. Russische Cafés, Russisch auf der Straße, selbst die Warnung an Schwarzfahrer wurde inzwischen den Spracherfordernissen angepaßt. Russische Läden schossen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Krimsekt und Mischkakonfekt – viele Leipziger haben ihre Erinnerung an vertraute kulinarische Genüsse längst aufgefrischt. Daß jedoch ein »Magasin« kein Zeitschriftenladen ist und ein »Gastronom« keine Großküchen ausrüstet, beschert manchem Laufkunden überraschende Momente. Im russischen Spezialitätengeschäft in der Kolonnadenstraße kann man nicht nur Matrjoschkas, Samowars oder russische Videos erstehen. Auch Päckchen an Freunde und Bekannte werden hier angenommen und per Kurier bis in die letzten Winkel der ehemaligen Sowjetunion transportiert. Verkaufsschlager im »Magasin« sind allerdings Pelmeni, die auch auf den Speisekarten der Leipziger Szenekneipen ihren Stammplatz längst erobert haben. 

Das Kaffeehaus als Theater: Der russische Stammtisch 

Die besten Pelmeni der Stadt gibt es im Café Küf in der Gottschedstraße. Selbstgemacht, versteht sich. Hier trifft sich der russische Stammtisch von Leipzig. Ob es die Pelmeni sind oder die Unterhaltungstalente von Besitzer Küf Kaufmann, bleibt offen. Natalja Nikolajewa zum Beispiel gehört dazu. Die St. Petersburgerin studiert seit 1996 an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater Klavier und vokale Korrepetition. Gekommen einst der Liebe wegen und weil die Hochschule in Rußland einen sehr guten Ruf hat: Viele der hiesigen Professoren haben selbst in Moskau oder St. Petersburg studiert. Inzwischen ist Natalja verheiratet mit einem Finnen: Leipzig auf dem Weg zur Weltstadt? Lena Sokolowskaja kennt Leipzig nicht anders. Die meiste Zeit verbringt sie in der Oper. Sie stammt aus Syktywkar im Norden Rußlands und ist seit drei Jahren Pianistin am Leipziger Ballett. Deutsch ist dort eine Sprache von vielen, genau wie Russisch. Nur für einen Nachmittag zu Gast ist die Kiewerin Natalja Pankewitsch. Die Tänzerin lebt inzwischen in Hamburg, doch die alten Freunde aus der Zeit am Leipziger Ballett ziehen sie immer wieder an die Pleiße. Juri und Alla Mnuschkin sind seit 1991 in Leipzig. Der studierte Bauingenieur ist einer der wenigen Emigranten, die von Anfang an in ihrem erlernten Beruf arbeiten konnten. Er hat sich hochgearbeitet in Deutschland: vom Bauleiter über den Oberbauleiter zum selbständigen Bauunternehmer. Gerade hat er einen großen Berliner Altbaukomplex saniert. Das neue Gebäude der Deutschen Post ist unter seiner Leitung entstanden, ebenso wie die Euroschule. Die fünfjährige Tochter Natalie ist die erste in der Familie, die sächsisch spricht. Ankommen, Anker werfen, Spuren hinterlassen. Juri und Alla Mnuschkin sind zufrieden. Der Stammtisch ist Treffpunkt für Freunde und Anlaufstelle für neue Gesichter gleichermaßen. Einer zieht sich einen Stuhl heran und mischt sich in das Gespräch, das von deutsch nach russisch und zurück springt. Jemand bemerkt: »Ach, Sie sprechen aber gut russisch.« - »Kein Wunder, ich bin aus Moskau«, grinst Denis Sjumko und nimmt es als Kompliment. 

Vom Leben zum Neuanfang gezwungen: Familie Kaufmann 

Küf Kaufmann ist derweil in seinem Element. Er schiebt und dirigiert und moderiert die Runde: jahrzehntelange Erfahrung als Regisseur, zunächst im Gesangs- und Tanzensemble der Roten Armee, später am staatlichen Revuetheater »Leningrader Music Hall« und heute in der Leipziger Kleinkunstszene. »Meine Tätigkeit hat sich eigentlich kaum geändert. Ein Restaurant ist ein Ort, zu dem Gäste und Zuschauer kommen. Das ist das Spektakel namens Küf, täglich von zehn an, bis der letzte verschwunden ist.« Angekommen in diesem neuen Leben ist die Familie Kaufmann genau am 3. Oktober 1990. Ein Zufall, möglicherweise. »Damals war Leipzig nur ein Schatten seiner selbst. Wir waren Augenzeugen, wie das Leben zurückgekommen ist.« Auswandern kam für Küf eigentlich nie in Frage. Doch als die Situation in St. Petersburg nach der Perestroika immer angespannter wurde, gab er dem Drängen seiner Frau Mascha nach. Da die DDR, das einzige für ihn vorstellbare Exilland, gerade ihre Grenzen für jüdische Emigranten aus der Sowjetunion geöffnet hatte, meldete sich Küf auf einer seiner vielen Berlinreisen beim DDR-Innenministerium. »Die fragten: Bist du Jude? Und waren schwer verwundert. Ich war der erste, der sich meldete und das im Paß stehen hatte«, erinnert sich Küf und lacht. Leider waren die Freunde vom Friedrichstadtpalast und anderen Theatern zu der Zeit gerade selbst arbeitslos geworden. Das Leben zwang Küf zu einem vollkommenen Neuanfang. »Wir haben uns selbst einem Test unterzogen: Schaffen wir das?« Ob jemand es geschafft hat, mißt nicht nur Küf auch am wirtschaftlichen Erfolg. Denn schließlich habe jeder am Stammtisch jemanden in der alten Heimat, den er finanziell unterstützen muß. 

Seine Tochter kennt das Leben in St. Petersburg inzwischen nur noch aus Erzählungen. Zwanzig ist sie gerade geworden, seine Tochter Katja, wie Küf sie nennt. Jekaterina, verbessert sie ihn. Zweisprachig ist sie, doch sonst ist sie genau wie andere junge Erwachsene auch: auf der Suche. Die Schule hat sie hingeschmissen, kurz vor dem Abitur. Kurse in Populärmusik hat sie belegt und Dutzende von Praktika gemacht. Sie spielt in zwei Bands, Jazz und elektronische Musik. Was sie vom Leben will? Eine Produktionsfirma gründen, sagt sie bestimmt. Daß dabei das Wie und Was diffus bleiben, auch das unterscheidet sie kaum von anderen in ihrem Alter. 

Ursprünglich kamen die Kaufmanns nach Leipzig, weil der Sohn damals hier studierte. Inzwischen lebt er in Berlin – die Kaufmanns blieben trotzdem. Früher spielte sich Küf Kaufmanns Leben nur in großen Städten ab: St. Petersburg, Moskau, Berlin, Paris ... »Leipzig ist eine kleine Großstadt, die alles hat, was dazugehört. Das habe ich zu schätzen gelernt. Außerdem: Hier gibt es nicht so viele Russen. Wir sind zwar nicht wirklich Exoten, aber auf jeden Fall interessanter als anderswo.«