Stefan Riedel - Lückenhaftes Denken

Leipzigs Baustruktur und der Stadtentwicklungsplan

Im vergangenen Jahr beschloß der Stadtrat einen Stadtentwicklungsplan Wohnungsbau und Stadterneuerung, kurz STEP genannt. In diesem verschiedene Teilpläne umfassenden Strategiepapier wird unter anderem die Reduzierung und die Aufgabe von Geschoßbauten - das heißt der Abriß von Häusern nachhaltig gefordert. Es soll in den nächsten Jahren planerisch abgesichert werden, daß das im STEP ermittelte »Rückbaupotential« auch tatsächlich verschwindet. Die Problemzonen liegen danach vor allem im Osten der Stadt, in Schönefeld, Lindenau, Plagwitz, Großzschocher und entlang den Geschäftsstraßen, wie zum Beispiel der Eisenbahnstraße oder der Georg-Schumann-Straße. 

Warum das alles? Zehn Jahre lang wurde die Sanierung der gründerzeitlichen Bausubstanz kräftig gefördert und damit die Fahne des stadtbildprägenden Images der Stadt hochgehalten. Inzwischen aber häufen sich die schlechten Nachrichten: Überschuldung, Zahlungsunfähigkeit und Insolvenzen der Wohnungsunternehmungen sind keine bloßen Befürchtungen mehr. Es trifft die Großen wie die Kleinen. Nach einer Information des Bundesverbands Deutscher Wohnungsunternehmen GDW fallen jährlich 2,2 Milliarden DM »leerstandsbedingte Kosten« im Osten Deutschlands an - und das sind nur die Zahlen der kommunalen Unternehmen. Um drohenden Konkursen Einhalt zu gebieten, empfiehlt eine Expertenkommission der Bundesregierung den Abriß von 350000 Wohnungen in Ostdeutschland. Gemünzt auf Leipzig bedeutet das eine Beseitigung von etwa 700 Häusern in der Kernstadt. In einem Entwurf zum STEP wird unter anderem festgestellt, daß die aktuelle Zahl von 257000 Haushalten bis zum Jahr 2010 auf 227000 Haushalte fallen wird. 

Ohne den Grund für das Übel zu benennen, beruft man sich auf ein demographisches Stagnationsszenario, dem man scheinbar hilflos ausgeliefert bleibt. Leerstand aber ist immer ein Symptom für eine miserabel laufende Wirtschaft. Ist die Arbeitslosigkeit hoch, so ist auch das Leerstandsproblem am größten. Der Leerstand ist nur ein Anzeichen für nicht mehr funktionierende Marktmechanismen. Somit wird eine wohnungswirtschaftliche Marktbereinigung durch Abriß und Rückbau den Trend nicht umkehren, geschweige denn wirtschaftsfördernde Impulse erzeugen. Statt die Beseitigung von vorhandenen Bauressourcen zu fördern, sollte das Schwergewicht der Entwicklungspolitik auf den Wirtschaftssektor konzentriert und dort ein Programm kreiert werden, das den Namen Neue Gründerzeit wirklich verdient. Um städtebauliche Qualitätsverbesserungen zu erreichen, war und ist es immer legitim, Abbruchmaßnahmen auch in Altbauquartieren durchzuführen. Diese aber umfassend zu fördern ist der falsche Weg und verschleiert lediglich die Symptome wirtschaftlichen Niedergangs. Es ist nur eine Frage der Zeit, daß in zum Abriß freigegebenen Quartieren Nachbarschaften zerbrechen, der Wegzug ansteigt, Geschäfte schließen, daß sich also der Abwärtstrend weiter fortsetzt. Die vorhandene Infrastruktur wird nach Gebäudeabbruch und Brachlanderzeugung weniger ausgelastet, was negative Auswirkungen auf deren Wirtschaftlichkeit hat. Schon aus diesen Gründen muß einer undifferenzierten Abrißdiskussion entgegengewirkt werden. 

Ungeklärt bleibt auch der im STEP dargestellte städtebauliche Ansatz: Was wird aus den nach Abriß und Rückbau verbleibenden städtischen Rumpfgebilden? Grünflächen und Kinderspielplätze allein vermögen den urbanen Charakter von Gebäuden nun einmal nicht zu ersetzen. Lückenschließenden Neubau in großem Maßstab wird es angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftslage kaum geben. Nimmt man den kürzlich fixierten Slogan der besseren Stadtqualität durch weniger Häuser ernst, müßte der Stadt Paris eine denkbar niedrige Stadtqualität bescheinigt werden. 

Momentan werden die im STEP verankerten Rückbaubestrebungen konkretisiert. Ob dabei das erforderliche Maß an städtebaulichem Gespür und genügend Beurteilungsvermögen für den kulturellen Wert von Altbauten (und seien sie noch so marode) entwickelt wird, ist fraglich. Vielleicht könnte der neue Ansatz in einer Strategie zur Wahrung historischer Kontinuität gefunden werden, indem man davon ausgeht, daß die Stadt von innen nach außen gewachsen ist. Also sollte sie auch von außen nach innen zurückgebaut werden. Eine Verknüpfung zwischen randstädtischem Plattenbauüberschuß und historisch gewachsener Stadt taucht in den Untersuchungen zum STEP nicht auf. Jetzt erst wird ein Programm zum Plattenbauabbruch aufgestellt, während der Abbruch städtebaulich und baukulturell wertvollerer Substanz weiter voranschreitet. 

Ein über zehn Jahre hinweg anhaltender Sanierungstrend hat der Stadt einen guten Teil ihrer Gründerzeitsubstanz mit zum Teil geschlossenen Strukturen - einer der Trümpfe Leipzigs - erhalten können. Jetzt kann diese Entwicklung in ihr Gegenteil kippen. Schon einmal verspielte die Stadtverwaltung einen gegenüber anderen Städten entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Sie schaffte ihre Innenstadtmesse ab. Zu dieser Zeit mahnte der Architekt Hans Adrian den damaligen Leipziger Oberbürgermeister: »Die Stadt muß damit aufhören, immer wieder Vorhandenes abzubrechen im Hinblick auf neue Konzeptionen und Leitbilder. Die Schäden hieraus sind bereits zu groß.« Diese Mahnung aus dem Jahre 1991 hat an Aktualität nichts verloren. Fortschritt ist nicht mit bloßer Veränderung und neuen Wegen gleichzusetzen. Um wirkliche Verbesserungen zu erzielen, bedarf es eines ressourceübergreifenden Gesamtkonzepts zur Rettung der Stadt. Bauliche Korrekturen und Städteplanung allein werden nichts ausrichten können.