Peter Guth - Nur für Leipziger Kunst

Die Kunsthalle der Sparkasse Leipzig wurde eröffnet

Seit 1993 sammelt die Stadt- und Kreissparkasse Leipzig, die in diesem Jahr ihr 175jähriges Bestehen feiert, Kunst. Der Anlaß dafür war eigentlich banal, wie mitunter die Auslöser wichtiger Entwicklungen unscheinbar sind: Die Sparkasse expandierte und richtete zahlreiche neue Filialen ein. Vieles wäre als Ausstattung denkbar gewesen - von Designer-Schnickschnack bis zu Werbeplakaten. Da gab es die Begegnung zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Peter Krakow und dem Leipziger Kunsthistoriker Claus Baumann, der dem Banker die Breite der Leipziger Kunstentwicklung vorstellte und ihn überzeugte, daß man mit nichts angemessener die einzelnen Geldinstitute ausstatten könne als mit Kunst aus dem Einzugsbereich der Sparkasse. 

Inzwischen sind mehr als sechzig Filialen zu kleinen Museen geworden - mitunter einem einzelnen Künstler gewidmet, mitunter auch von Werkgruppen miteinander korrespondierender Künstler versehen. Die absolute Spitzenposition nimmt dabei die Zentrale in der Leipziger Humboldtstraße ein: Alle Etagen, einzelne Konferenzräume und selbstverständlich auch das Büro von Peter Krakow selbst reflektieren die reiche Kunst der Leipziger Region. Es ist vor allem gelungen, Kunst nicht zu Wanddekoration verkommen zu lassen. Alle Filialen sind nach speziellen Konzepten unter Einbeziehung der Künstler gestaltet worden; in der jüngsten Zeit wird beim Neubau von vornherein die Absicht respektiert, daß hier auch Kunst zum architektonischen Raum gehören soll. 

Parallel zur Kunst in den Filialen wurde die Kunstsammlung der Sparkasse aufgebaut. Mit einem Etat, der den des Leipziger Museums der bildenden Künste deutlich übersteigt, konnte großflächig Kunst aus Leipzig erworben werden. Inzwischen beheimatet die Kollektion mehr als neunhundert Werke von hundertvierzig Künstlern aus der Region, und ein Ende der Sammeltätigkeit ist nicht abzusehen. 

So, wie die Sammlung günstigen Umständen zu danken ist, kam auch das Projekt einer Kunsthalle in einem glücklichen Moment zustande. Das Gebäude Otto-Schill-Straße 4 war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet worden. Hier lebte der renommierte Leipziger Arzt von Zenker, und der Leipziger Kaufmann Fischer ließ später den fabrikhallenartigen Anbau (Nr. 4a) anfügen. Durch die Zeiten wurden das Gebäude unterschiedlich genutzt. Hier saß das Gehaltsamt des städtischen Rechtsamts oder auch die Hilfskasse der deutschen Rechtsanwälte. Seit 1915 gehört der Komplex der Leipziger Sparkasse und ist damit ihre älteste Immobilie. 1994 gelang es der Sparkasse, das Gebäude zurückzuerwerben. Lange wurde über die Nutzung der Halle nachgedacht. Nachdem die frühere kleinteilige Zergliederung beseitigt worden war und sich niemand ein Großraumbüro vorstellen mochte, entstand die Idee, die umfangreiche Sammlung der Sparkasse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit dem Jahr 2000 wurde der Plan in die Realität umgesetzt. »Wir sind ein Unternehmen«, sagt Peter Krakow, »das in der Region geschäftlich sehr erfolgreich ist, ihr also viel zu danken hat. Was lag näher, als ihr etwas davon zurückzugeben, zumal das nichts an unserem sonstigen Engagement ändert - der Spenden- und Sponsoring-Etat von 4 Millionen Mark bleibt unangetastet.« 

Nun kann man sie also, die Leipziger Kunst, seit dem 23. Februar in einem speziell für sie geschaffenen Ausstellungsrahmen betrachten. In der jüngsten Vergangenheit viel geschmäht, zeigt sich doch schon bei der ersten Schau, »Blick in die Sammlung I«, daß hier in mehr als fünfzig Jahren unter wahrlich nicht immer einfachen Bedingungen eine Kunst entstanden ist, die entgegen mancher düsteren Prophezeiung Bestand haben wird. Und es zeigt sich auch, daß diese Kunst künftig noch für Entdeckungen gut ist. Denn Leipziger Kunst ist nicht nur das, was außen als »Leipziger Schule« wahrgenommen wurde. Den Machern der Kunsthalle ist sehr wohl bewußt, daß dieser Begriff im Grunde untauglich ist. Und dies nicht nur, weil er als Schmähwort entstand, von den Künstlern lange abgelehnt und dann von ihnen doch als marktfähig benutzt wurde. Er ist untauglich, weil es nicht nur um die sachlich-realistischen, hintergründig-aufgeladenen Bilder geht, sondern um das ganze Spektrum von abstrakter, serieller, impressiver und expressiver Malerei, um Plastik, Fotografie, Installation und Spurensuche. Trotzdem spricht man im Zusammenhang mit Sammlung und Kunsthalle von »Leipziger Schule«. Das versteht sich als typisch sächsische, leicht ironische Brechung des Begriffs - einfach um zu zeigen, daß in Leipzig bis heute die totgesagte Malerei lebt. 

So erscheinen sie alle, ein wenig zu friedvoll vielleicht, nebeneinander. Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Hartwig Ebersbach, Maler also, die Leipziger Kunst in der Welt bekannt gemacht haben. Diejenigen, die Leipzig mit Bitterkeit verlassen haben, wie Gil Schlesinger, die lange Verkannten, wie die Abstraktionisten Paul Zimmermann und Manfred Martin oder der lyrische Roland Frenzel, die, die gegen das Establishment opponierten, wie Hans-Hendrik Grimmling, oder schließlich die breitgefächerte junge Generation mit dem documenta-Teilnehmer Olaf Nicolai und dem jüngst in Leipzig und München gefeierten Neo Rauch. 

Schon diese ausgewählten Namen zeigen, daß jede Weglassung eines anderen Fehlstellen benennt. Und es wird auch deutlich, wie kompliziert die Geschichte der Kunst in Leipzig ist. Hier haben künftig die Kataloge, die sich als Ergebnis einer breitangelegten Dokumentationsarbeit verstehen und deren erster zur Eröffnung erschienen ist, eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Indessen darf zunächst die Freude darüber ungetrübt sein, daß die Leipziger Kunst ihren festen Ort gefunden hat. Die Besucher der Stadt werden es zu danken wissen und die Leipziger auch: Ihnen ist ein Stück Identität zurückgegeben worden.