Doris Mundus - Dem Kurfürsten zu Gefallen und zum eigenen Nutzen

Der Leipziger Bürgermeister Franz Conrad Romanus

Am 9. Juli 1701 schickte der Leipziger Rat Syndicus Gottfried Graeve nach Warschau. Er sollte König August II., der gleichzeitig Kurfürst von Sachsen war - allgemein bekannt als August der Starke -, mit einem Geschenk von 100000 Gulden von einem Plan abbringen. Trotz des verbrieften Rechts der freien Ratswahl wollte der Kurfürst den Leipzigern einen Bürgermeister verordnen: Franz Conrad Romanus, gerade dreißig Jahre alt. Der Kurfürst aber wußte, daß in der reichen Handelsstadt Leipzig wesentlich mehr zu holen sein würde, wenn der rechte Mann an der Geldquelle säße. Der Rat wählte am 22. August 1701 also Franz Conrad Romanus zum Bürgermeister, »weiln Wir [August] über dieser Unserer wohlbedächtigen Verordnung ohne Wiederrede gehalten wissen wollen«. Die Ratsherren, die jüngsten um die sechzig Jahre, werden es als Hohn empfunden haben, daß Romanus seine Antrittsrede am 29. August laudem juventutis - zum Lobe der Jugend - hielt. Bei der Bürgerschaft erfreute er sich bald eines hohen Ansehens. Er war ein kultivierter Mann, liebte Kunst und Musik, war belesen, ein »vorurteilsfreier, gutmütiger und freigiebiger Mann, der kein engherziger Knauser war, wie viele seiner Ratskollegen«. 

Als eine der ersten Amtshandlungen nach der Wahl schickte der Rat wiederum einen Boten nach Warschau, um »für eine ansehnliche Summe Geldes« die Privilegien der freien Bürgermeister- und Ratswahl erneuern und bestätigen zu lassen, was Augustus Rex am 23. September 1701 »ein vor allemahl« ohne zu zögern tat. Dieses Privileg versöhnte den Rat mit Romanus, wurde doch darin die Jahresbesoldung der Ratsherren von bisher 100 Talern verdoppelt und die Stadt von der Rechnungslegung befreit: »Wir confirmiren auch weiter und bestätigen dem Rathe die Befreiung von Ablegung ihrer Administrations- und Haußhaltungs-Rechnungen und geben ihnen hiermit allergnädigste Versicherung, dass keine Revision wieder sie angeordnet...« Auch hatte ein mit Romanus verabredetes Dekret vom Kurfürsten lange fällige Maßnahmen in der Stadt eingefordert: Straßenbeleuchtung, Kanalisation, bessere Ordnung bei der Polizei, Aufsicht über die Vorgänge in Kaffeehäusern, Verbesserung der Kirchenmusik und Pflege des Büchsen- und Vogelschießens. Mit der Behebung der augenfälligsten Mißstände konnte sich Romanus die Gunst der Leipziger Bürger sichern, waren das doch Forderungen, die die Bürger schon lange an den »alten« Rat gestellt hatten.

Schon im April 1702 kam es jedoch zu Zerwürfnissen zwischen dem Rat und Romanus. Der Kurfürst hatte eine Forderung um 50000 Gulden angemeldet, und es sollte in der Folgezeit immer wieder zu Auseinandersetzungen kommen, wenn Romanus versuchte, seine »Hauptaufgabe« zu erfüllen. Die Wünsche des Kurfürsten wurden immer unverschämter, und Romanus warnte den Rat vor »allzu zähem Widerstande«. 1703 hätte turnusmäßig Jacob Born das Amt des Bürgermeisters übernehmen müssen. Der schützte, wie schon öfter, vielfache andere Tätigkeiten vor, und das Amt mußte Romanus erneut angetragen werden. In seiner Antrittsrede ermahnte er den Rat, sich in »des Landesherrn und derer großen Herren am Hofe Gunst zu setzen«, sei »eine der höchsten Nothwendigkeiten einer Unterobrigkeit«. Das konnten die Leipziger zur Neujahrsmesse 1704 beweisen, zu der der Kurfürst mit 1000 Dukaten als Geschenk empfangen werden sollte. Das Ergebnis war ein Dekret mit acht Punkten »allergnädigster Verwilligungen« für die Stadt Leipzig, gleichzeitig gespickt mit landesherrlichen Ansprüchen. Aber da Romanus wieder für ein höheres Gehalt sorgte - nun sogar 500 Taler -, war der Rat zufrieden mit ihm. Nachdem Romanus durch kurfürstliche Fürsprache im Januar 1704 auch seinen Bruder im Rat untergebracht hatte, wurde er selbst im Februar zum Vorsteher der Nikolaikirche gewählt. Auch hier hatte der Kurfürst »sich so viel vermercken lassen, dass er [Romanus] auch in diesem Stück dem publico zu dienen bereit wäre«. Obwohl nun Romanus die nächste Forderung seines Fürsten nach 250 000 Talern zur Ostermesse 1704 nicht durchsetzen konnte - der Rat einigte sich auf »nur« 100 000 Taler -, wurde er am 29. Mai vom Kurfürsten zum »titular geheimbten Rath« mit einem Jahresgehalt von 700 Talern ernannt. Als er im gleichen Jahr vom Amt des regierenden Bürgermeisters abtrat, rühmte sein Nachfolger Christ an ihm, daß er »viel Proben seines hohen Verstandes [gegeben], viel gutes zu wege gebracht« habe. 

1704 konnte Romanus auch sein neues Stadtpalais am Brühl beziehen. Im November dann begann die von allen nur so genannte »Sache« ans Tageslicht zu kommen, die Romanus die Ungnade seines Fürsten und einundvierzig Jahre Haft einbringen sollte: Ein Hallenser Jude hatte einen Leipziger Ratsschein auf 5000 Taler zum Verkauf angeboten, der sich als von Romanus gefälscht herausstellte. Kurze Zeit später tauchte noch ein gefälschter Schein über 5000 Taler auf. Beide hatten den gleichen Wortlaut mit den Unterschriften »Johann Alexander Christ D. als Consul regens, Gottfried Wagner als regirender Baumeister, Johann Christian Lünig Stadtschreiber«. Wie sich herausstellte, hatte Romanus die Unterschriften gefälscht. Es gelang ihm aber, eine Untersuchung zu verhindern. Am 19. November 1704 reiste er nach Polen zum Kurfürsten. Am 21. November schaute der mißtrauisch gewordene Christ in den Depositenschrank, dessen Schlüssel Romanus in Verwahrung gehabt hatte. Es fehlten große Beträge. Christ scheint mehrfach an Romanus geschrieben zu haben, der ab 5. Dezember von Polen kommend in Dresden war und dort diese Briefe vorfand. Er antwortete sehr selbstbewußt auf die Schreiben, mit Vorwürfen an den Rat, der wohl wegen seiner eigenen nicht immer korrekten Handlungsweise in Sachen Geld fürs erste nichts unternahm. Zur Neujahrsmesse 1705 - Romanus war wieder in Leipzig - tauchten noch andere Schuldscheine auf, einer verschlossen mit fünf Siegeln, darunter das große Ratssiegel. Über die darin enthaltenen 53 000 Taler aber gab es eine kurfürstliche Spezialorder, die Romanus deckte. Zur Überraschung aller ließ der Kurfürst Romanus am 16. Januar 1705 dennoch verhaften und auf die Pleißenburg bringen. Die Nachricht über das Ungeheuerliche verbreitete sich in Leipzig wie ein Lauffeuer. Johann Jacob Vogel vermeldete in seinem 1714 erschienenen »Leipzigischen Geschicht-Buch Oder Annales«, das jeden Kindsmord und jeden ertrunkenen Fischhändler verzeichnete, nichts darüber - das muß wohl als ein Akt der Zensur kurfürstlicher Behörden gewertet werden. Fest steht, daß dieses Ereignis in Leipzig für größte Unruhe sorgte. Die Bürgerschaft, die von der »Sache« nichts wußte, wollte eine Bittschrift für ihren »Bürgervater« verfassen, was ihr der aufgeregte Rat untersagte. Am 20. Januar 1705 wurde Romanus zum Sonnenstein in Pirna gebracht, eine Haussuchung anberaumt, und der Verlust seines Vermögens war nicht mehr aufzuhalten. Weitere Ratsscheine tauchten auf, mal mit den geforderten drei - gefälschten - Unterschriften, mal nur von Romanus unterzeichnet: insgesamt wohl über »eine Tonne Goldes« (100000 Taler). Auch fehlende Depositen ließen sich nachweisen: 4400 Taler, 900 Taler, Geldsäcke mit zwar komplettem Inhalt, aber mit Münzen späteren Datums, also aufgebraucht und mit andern Sorten wieder aufgefüllt. Die »allergnädigst angeordnete Inventur« in Romanus’ Wohnung am 7. Februar 1705 förderten unter anderem verschwundene Gelder aus seiner Tätigkeit als Vorsteher der Nikolaikirche, und, zur Verblüffung der Ratsmitglieder, einen neuen Schlüssel für das Bürgermeisterpult in der Ratsstube sowie einen Wachsabdruck des großen Ratssiegels zutage. Der Rat verfaßte zwei Schriften an den Kurfürsten mit allen herausgefundenen Verfehlungen Romanus’. Daraufhin wurde eine Untersuchungskommission, bestehend aus vier Dresdner Beamten, ernannt, die am 8. April mit einem Verhör Romanus’ ihre Arbeit aufnahm. Aus nachfolgenden Befehlen sind Summen abzulesen, um die es sich zu handeln schien und die sich im allgemeinen im fünf- und sechsstelligen (Taler-) Bereich bewegten. Im zweiten Verhör am 20. April wollte Romanus nicht mehr aussagen und verlangte, sich schriftlich an seinen Kurfürsten wenden zu dürfen, denn »man mische ietzo Rathsdinge mit ein, da ihm doch in Leipzig versprochen worden, daß er nur über königl. Sachen befraget werden solle«. Er werde »Sr. Königl. Majestaet decision überlassen [...] ob sie ihn condemniren oder pardonniren wollten«. 

Aber nichts geschah. Seine Frau Christiana Maria war nicht untätig gewesen: Zahlreiche Gesuche schickte sie an den Kurfürsten. Dessen Verhalten in dieser Situation war ungewöhnlich. Obwohl er Romanus selbst jeglichen Kontakt verweigerte, griff er in das laufende Konkursverfahren ein. Dadurch blieb der Familie - von Romanus’ acht Kindern lebten noch zwei: Christiana Mariana, die spätere Zieglerin (bei seiner Verhaftung neun Jahre alt), und Franz Wilhelm (damals zwei Jahre alt) - ein Teil des väterlichen Einkommens erhalten. Der Grundbesitz ging 1727 an Frau Christiana Maria über, nur ein Teil wurde gerichtlich versteigert. Mit der eidlichen Versicherung, daß sie über 20000 Taler Mitgift in die Ehe eingebracht habe, konnte der Verkauf des Hauses in der Katharinenstraße abgewendet werden. Frau Romanus scheint eine durchsetzungsfähige Persönlichkeit gewesen zu sein. Sie wandte sich mit Bittschriften direkt an den Kurfürsten und an den Reichsgrafen Flemming. Mit ihrem Schwager Carl Friedrich Romanus und ihrem Onkel Georg Winckler hatte sie einflußreichen Beistand. Sie ersparte der Familie Abstieg und Verarmung. 

Schon der erste Besuch bei ihrem Mann, den sie im Februar 1707 »erkämpft« hatte, zeugt von Geschick. Im September 1707 kam der holländische Gesandte, um die Festung Königstein (dahin war Romanus Ende 1706 gebracht worden) anzusehen. Mit im Wagen saßen Romanus’ Frau und sein Bruder mit Ehefrau. Man wagte nicht, den Bruder und dessen Frau abzuweisen. Der Gesandte speiste zu Mittag mit ihnen. Er bat auch, man möge Romanus erlauben, sein Zimmer zu verlassen, zu ihm zu kommen und dort mit seinen Verwandten zu sprechen. »Es hat der Major Crux diese [die Ehefrau] gegen II. Uhr mittags zu Ihm auf sein Zimmer gebracht, woselbst Sie beyderseits in seinem Beysein, mit lauter Stimme gesprochen hätten [...] und die Frau gegen 4 Uhr von dem Manne weg, undt wieder herüber in meine Stube geführet, allwo der Gesandte und Ihre Freunde Ihrer erwarteten, undt sodann umb 4 Uhr mit einander wieder fort gefahren.« 

Die Hauptverhandlung war auf den 20. Januar 1706 festgesetzt worden, wo über 549 Inquisitionsartikel verhandelt werden sollte. Romanus hatte nicht nur den Rat, sondern auch den Kurfürsten betrogen. Der Prozeß blieb ohne Ergebnis. Als im Juli 1708 eine neue Anschuldigung gegen Romanus erhoben wurde, begann alles wieder von vorn. Er sollte im Jahre 1704 an einem unter Umgehung der Zensur in Leipzig gedruckten »französischen tractätlein« beteiligt gewesen sein, einer »Schand- und Schmäh-Schrift« gegen den »Roy de Pologne«. Immer neue, teilweise anonyme Denunziationen und Anschuldigungen erschwerten einen Urteilsspruch, an dem wohl niemand wirklich interessiert war. Anfang 1710 war die Untersuchung endlich abgeschlossen, und Romaus konnte seine Verteidigungsschrift einreichen. Das zog sich wieder über Jahre hin, und letztlich bat Romanus den Kurfürsten um Gnade. Der schlug das Gnadengesuch ab. So blieb erneut nur der Rechtsweg. Zeugen waren in der Zwischenzeit verstorben, konnten sich nicht mehr erinnern oder blieben aus - irgendwann fragte niemand mehr nach Romanus. Ein Urteil wurde nie gefällt. Er blieb in Haft. Einigermaßen erträglich scheint er auf dem Königstein gelebt zu haben: 1711 wurde ihm erlaubt, die Kirche zu besuchen und Zeitung zu lesen, späterhin durfte er Bücher erhalten und ohne Bewachung spazierengehen. Aber selbst als August 1733 starb, änderte sich nichts, auch eine Korrespondenz mit dem Grafen Brühl brachte keine Begnadigung. Erst der Tod erlöste Conrad Romanus aus der einundvierzigjährigen Gefangenschaft. Am 14. Mai 1746 ist er im Alter von fünfundsiebzig Jahren gestorben. 

Warum er Leipzigs Bürgermeister werden wollte, ist unklar. Eine Karriere bei Hofe wäre lukrativer gewesen. Es sei denn, Romanus hätte die Mißwirtschaft des Rats in Verbindung mit der Gunst des Kurfürsten als dessen Geldbeschaffer von Anfang an als Chance für eine eigene Geldquelle gesehen. Wahrscheinlich war auch klar, daß kleine »Unregelmäßigkeiten« vom Kurfürsten toleriert werden würden. Denn um dem Kurfürsten Geld zu beschaffen, mußte er zu Fälschungen greifen. Durch die Nähe zum König hielt er sich für ausreichend abgesichert. Sein Ehrgeiz und sein Durchsetzungsvermögen, die ihm anfangs zu sozialem Aufstieg verhalfen, gipfelten in Selbstüberschätzung und vor allem in Unterschätzung der anderen Ratsmitglieder und der kurfürstlichen Beamten. Gewissenlosigkeit, die ihm seine Zeitgenossen wegen seines einnehmenden Wesens nicht zugetraut hatten, kam ebenfalls dazu. Welche politischen Verwicklungen noch eine Rolle spielten, ist nach jetziger Kenntnis der Akten nicht zu klären. Ohne Zweifel ist die ansonsten unverständliche Haltung des Kurfürsten aber davon beeinflußt. Im Volke blieb Romanus als »Bürgervater« beliebt und galt als Opfer der Politik.