Michael Hametner - Und plötzlich Europa

Zehn Jahre Euro-Scene

Die Vorgeschichte einer Idee - Zur Erinnerung an Matthias Renner

Ich erinnere mich an seinen Besuch im engen Büro des Poetischen Theaters. 1988 wird es gewesen sein. Matthias Renner, ein unruhiger Geist, dabei äußerlich ein eher zierlich wirkender Mann mit Brille, vielleicht Anfang dreißig. Er war zu uns ins »Poetische« in die Schnellerstraße gekommen, weil er Räume benötigte. In Leipzig stellte der Berliner vom Theaterverband die Werkstatt junger Theaterschaffender auf die Beine. Er organisierte nicht nur. Wenn er sprach, wußte man: es war seine ganz persönliche Sache. 

Das Theater hatte es in der DDR immer besonders schwer. Gut, es gab unerwartete Lichtblicke. Urplötzlich war eine Aufführung möglich, mit deren Genehmigung niemand mehr gerechnet hatte. Die Dramatisierung von Plenzdorfs »Die Legende von Paul und Paula« vom Schwedter Theater kam als eine solche überraschung eines Tages nach Leipzig. Brauns letzte Theatertexte zu DDR-Zeiten konnten plötzlich aufgeführt werden - nach beharrlichen Kämpfen hinter den Kulissen, vor allem vom Leipziger Theater. Christoph Heins »Ritter der Tafelrunde« konnten herauskommen. Meist ging so etwas nicht an Berliner Theatern. Berlin sollte Schaufenster sein. Das Anstößige mußte nach den DDR-Oberen in die Provinz, und davon profitierte in diesem Fall Leipzig und ließ sich ausnahmsweise mal gern zur Provinz zählen. Meist waren es junge Leute, die am Theater auf solche konfliktreichen Texte stießen und um ihre Aufführung kämpften. Die DDR-Kulturführung versuchte - wie immer in solchen Fällen - Schadensbegrenzung und sah meist ihre einzige Chance darin, indem sie das Ungeliebte kanalisierte. Man wollte oben keinen Grund schaffen, daß es in den Untergrund abwandert (in der späten DDR gab’s durchaus private Zimmertheater). Jedenfall bekam Leipzig am Ende der DDR-Zeit eine »Werkstatt junger Theaterschaffender«. Und für die lebte Matthias Renner. Später stellte sich heraus, daß er wirklich dafür lebte. 

Ich kam mit ihm zusammen, weil das Poetische Theater der Leipziger Universität ein Ort neben anderen für Gastspiele während der Werkstatt sein sollte. Auch der Ort fürs kalte Büfett nach der Eröffnungsvorstellung (welche Peinlichkeit: das Poetische hatte an diesem Abend nicht genügend Eßbestecke - aber das ist eine andere Geschichte). Als dann 1989 der Leipziger Herbst eine ersehnte öffnung der Verhältnisse und bald auch das Ende der DDR brachte, da dachte Renner neu, und er dachte sofort ohne Grenzen. Theaterbegeistertes Publikum, das hatte seine »Werkstatt« gezeigt, besaß Leipzig genügend, vor allem für unorthodoxe Bühnenangebote. Das Texttheater, schön auf eine meist wirklich literarische Grundlage gestellt, das war deutsche Tradition seit Gottsched und Lessing und von den Spätaufklärern in der DDR besonders geliebt. Aber das Spiel beginnt ja eigentlich in den Pausen zwischen den Sätzen. Das hatten wir damals entdeckt (obschon es ein »alter Hut« ist). Und sprechen kann auch der Körper, wenn er sich bewegt (woraus die Kollegen des Tanzes schon lange eine ganze Kunstrichtung gemacht hatten). In diesen überlegungen lagen für Matthias Renner die Ansätze für sein neues Projekt eines Theatertreffens in Leipzig. Und die Chance, die der Mauerfall und die öffnung der Grenzen bot, hieß: Türen aufstoßen zu den Nachbarn im Osten wie im Westen. Türen auf nach Europa - welch spielerische Vorwegnahme dessen, was wir heute angestrengt tun, wenn wir Europa suchen! 

Matthias Renner ist Anfang der neunziger Jahre an Aids verstorben. Sein Tod kam für mich, der nichts von seiner Erkrankung ahnte, aus heiterem Himmel. Es war ein Schock. Man kann Matthias nicht mehr fragen, wie er sein Konzept der Euro-Scene entworfen hat und ob ich den Anfang als Transponierung seiner »Werkstatt« - jetzt endlich ohne Grenzen - richtig deute. Ich glaube schon. Jedenfalls wurde er der Vater der alljährlich im Herbst in Leipzig stattfindenden Euro-Scene, die in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindet (inzwischen wieder mit Grenzen, jetzt mit finanziellen). Damals warb man auch noch damit, daß es das erste und einzige Festival für experimentelles Theater im Osten Deutschlands sei. Leipzig im ersten Jahr nach dem Umbruch als Ort für - im doppelten Sinn - freies Theater. Dieser Anfang und seine Vorgeschichte sind im Jubiläumsjahr 2000 zur 10. Euro-Scene nicht zu vergessen! 

Der Anfang der Euro-Scene fiel nicht gerade bescheiden aus. Sie wurde als Festival der Avantgarde des Theaters ausgerufen. Ich weiß, daß ich selbst immer versucht war, jeden Beitrag an einem theoretischen Avantgarde-Begriff zu messen. Die Leipziger Theaterwissenschaftlerin Petra Stuber hat in einem der Jahre des Anfangs ein Rundtischgespräch geleitet, auf dem das Festival selbst nach seinem Begriff von Avantgarde gefragt hat; ich erinnere mich nicht, daß die Gesprächsteilnehmer überzeugende Antworten gegeben hätten. Von heute aus gesehen finde ich diesen Streit fast überflüssig, aber in der Mitte der bisherigen zehn Jahrgänge wurde dann der Begriff Avantgarde zurückgezogen und durch »zeitgenössisch« ersetzt: Euro-Scene, das Festival des zeitgenössischen europäischen Theaters.

Die Bilder im Kopf - Erinnerungen an zehn Jahre

Es ist erstaunlich, wie viele Bilder beim Zurückdenken der zehn Jahre Euro-Scene im Kopf auftauchen. Offensichtlich sind sie bei mir - der inzwischen ins Fach der Theaterkritik gewechselt war - in den festen Bestand an lebendigen Theatereindrücken übergegangen. 1994 Ismael Ivo in Johann Kresniks »Francis Bacon«: Sein dunkelhäutiger Körper, dessen Schönheit fast nicht von dieser Welt ist, tanzt gegen einen Raum aus wenig Hell und viel Dunkel, bewegt sich gegen dunkle Mächte an, die ihm die Haut vom Leib fetzen wollen. Ein blutiger, hautloser Körper, wie auf den Bildern von Francis Bacon. Kresnik hatte diese Bildwelt in seiner Choreographie an keiner Stelle illustriert, sondern versucht, sie von innen her zu erfassen, aus den bloßliegenden Adern, Sehnen und Muskeln heraus. Zwei Jahre zuvor: das minimalistische Bewegungsstakkato von vier Frauen in »Rosas tanzt Rosas« von Anna Teresa de Keersmaekers - nie seitdem habe ich Perfekteres gesehen. Ganz eine Form, ganz ein Rhythmus und doch drei Körper! Die fast unmenschliche Disziplin der drei Protagonistinnen war nicht ohne hintergründigen Sinn: Die Welt des Mannes (und der »männlichen« Technik) bricht in die der Frau ein, hetzt und treibt ins Atemlose. 

Ein weiteres Jahr zuvor, 1991, erlebten wir aus St. Petersburg sehr laut, aber auch sehr kräftig eine gallebittere Studie des »Privatlebens«. Sicher, die russische Produktion ist mir als grob und schrill in Erinnerung, aber sie besaß so viel ehrliche Anarchie nach all den Jahren disziplinierter sowjetischer Kunstausübung. Das hatte die Bühne des Leipziger Kellertheaters, die damals noch bespielt wurde, bisher nicht gesehen. 

Meine Erinnerung geht auf die Tänzerin aus Ungarn zurück, die ihren Körper zusammenfaltete, daß er in einem Würfel (war er nicht weniger als 1x1 Meter groß?) Platz fand, den man sich niemals als Aufenthaltsort für einen lebenden Menschen denken konnte. Körper-Artistik, aber auch Metapher auf Lebenswahrnehmung im sozialistischen Osten, dessen roter Stern gerade erloschen war: die Krümmungen und Faltungen, die unglaublichen Rückgratverbiegungen und Anpassungen, zugleich aber auch Bilder für Flucht, Rückzug und Suche nach Schutz - im gläsernen Würfel! Existentielles Theater kam aus Ungarn, Rußland, aber auch aus Polen. Ich weiß noch, daß wir zur Performance der »Scena Plastycna« aus Lublin im ersten Festivaljahr durch einen Tunnel aus Stoff hinabstiegen und selbst Teil der Szene wurden. über uns wurde Sand auf den Eingang geworfen, als würden wir gerade lebendig begraben. Kühne Formen! 

Es war schön, daß das Festival Jo Fabian mit seinem Ensemble und der Produktion »Whisky and Flags« nach Leipzig holte, wo er im Poetischen Theater knapp zehn Jahre zuvor begonnen hatte, seine ästhetik zu entwickeln. Die Euro-Scene dehnte ihren Anspruch von Jahr zu Jahr weiter aus. Dank Ann-Elisabeth Wolff, die Matthias Renners Nachfolgerin in der Festivalleitung geworden war, stieß sie immer tiefer nach Europa vor. Vielleicht bestand das Echo dieses Vorgangs gerade darin, daß sie in Leipzig von Jahr zu Jahr immer mehr Spielstätten besetzte und aus einfachen Räumen in der Stadt Orte fürs Theater machte: von der Neuen Szene in der Gottschedstraße ging’s zum Kellertheater, von dort zur Musikalischen Komödie in Lindenau und in die Schaubühne Lindenfels oder ins Poetische Theater, selbst in den großen Rathausturm wurde man gebeten oder in die Peterskirche. Dieser abendliche Wechsel von Vorstellungen und Aufführungsorten, diese Gelegenheit zum Theater-Marathon, der - wenn man wollte - um 17 Uhr beginnen und erst um Mitternacht enden konnte, gefällt mir. So streiten im Laufe eines Abends ganz unterschiedliche ästhetiken, Temperamente und Weltsichten miteinander. Was wollte man mehr als diesen Streit! 

Mir sind mehr Bilder haften geblieben, als ich hier beschrieben habe. Jetzt frage ich mich aber, ob ich nach zehn Jahren bereits vor meiner Erinnerung auf der Hut sein muß, weil die Gefahr der Verklärung droht. Natürlich fallen mir auch Aussetzer im Programm ein, Entbehrliches, das nicht zur Euro-Scene passen wollte. Leider gehörte das Wiener Burgtheater mit seiner Kafka-Produktion »Bericht für eine Akademie« für mich auch dazu. 

Programmatisch sollte ein Nachholebedarf gestillt werden. Ann-Elisabeth Wolff holte für ihr Publikum »große Namen« in die Stadt, was freilich immer auch das Risiko birgt, daß die »großen Namen« inzwischen so groß nicht mehr sind, weil sie ihren Zenit bereits überschritten haben. In einer lebendigen Kunst wie dem Theater kann man wohl nicht nachholen. Aber es wurde auch das Neueste eingeladen. Und wenn der Belgier Alain Platel in diesem Jahr zum dritten Mal in den zehn Festivaljahren mit einer neuen Produktion zur Euro-Scene anreist, dann ist das ein Beweis für die Anziehungskraft der Euro-Scene außerhalb Leipzigs. Da ist einer der Weltbesten des zeitgenössischen Theaters persönlicher Freund der Festivalchefin und Stammgast des Leipziger Festivals (seine aktuelle Inszenierung »Jedermann ist ein Indianer« hatte gerade zu den Salzburger Festspielen Premiere). Platel hat Leipzig die Idee für den runden Tanztisch geschenkt, wo seit vier Jahren um das beste deutsche Tanzsolo gekämpft wird! 

Die Euro-Scene ist in den zehn Jahren beständig ihren Weg gegangen. Veränderungen sind immer der beste Schutz vor Erstarrung. Das Festival wandelte sich in ein Theaterlabor! In der Startphase war es nach meiner Erinnerung nicht so experimentell gewesen. In den ersten Jahren bot sich vor allem ein Aufführungs-Reigen. Wahrscheinlich wuchs mit der Fülle der Eindrücke über die Jahre der Kommunikationswunsch, wahrscheinlich hatte das Publikum von Jahrgang zu Jahrgang einen fachkundigeren Blick gewonnen und wollte auch darüber streiten, was es gesehen hatte. Ein Labor nimmt alljährlich im Leipziger Kultur-Herbst seine Arbeit auf und arbeitet unter der Frage: Welche Möglichkeiten liegen im Schnittpunkt von Tanz und Theater, Möglichkeiten, die über den Rahmen jeder einzelnen Kunstform hinausreichen? 

Die Geldgeber in Stadt und Land müssen dafür sorgen, daß dieses Labor auch über sein zehntes Jahr hinaus alljährlich für eine Woche im November öffnet. Es gibt nichts Vergleichbares. Die Euro-Scene hat selbst dafür gesorgt, daß sie nicht vergleichbar ist. Das möge so bleiben. Auch aus einem anderen Grund: Sie läßt uns Europa erleben.