Hans-Joachim Hädicke - Von der Viehweide zum Landschaftsgarten

Die Geschichte des Palmengartens beginnt mit der Internationalen Jubiläumsgartenbauausstellung 1893

Die ehemaligen Lindenauer Ratswiesen haben eine bewegte Vergangenheit. Lindenau war seit 1527 - wie viele Dörfer in der Umgebung der großen Stadt - Ratsdorf. Das Gebiet westlich der Elster wurde aber vom Merseburger Domstift verwaltet. Durch den Wiener Friedensvertrag von 1815 verlor das Stift die Gegend an Sachsen. 

Im Jahr 1861 regte ein Bürgerkomitee an, die Ratswiesen am Kuhturm für die Erholung und Belehrung der Bevölkerung zu erschließen. Der Kuhturm diente lange den Viehhirten als Beobachtungsstation wegen des guten überblicks über die ausgedehnten Weideflächen und als Brandwache. Die expandierende Stadt drängte nun aber die Landwirtschaft weiter aus der Region hinaus. 

Ein bevorstehendes Jubiläum schien für die Planungen das richtige Ziel abzugeben: die fünfzigste Wiederkehr der Gründung des Leipziger Gärtnervereins 1893. Durch die Anregung des Arztes Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808-1861) und des Lehrers Ernst Innocenz Hauschild (1808-1866) waren zudem um 1845 in Leipzig die ersten Gartenkolonien zur Entspannung und Freizeitgestaltung entstanden. 

Also wurde die Idee geboren, für das Jahr 1893 eine internationale Gartenbauausstellung ins Leben zu rufen, vorbereitet und durchgeführt unter der Schirmherrschaft Seiner Majestät des Königs Albert von Sachsen. Für das Lindenauer Flurstück schrieb die Stadt deutschlandweit einen Architekturwettbewerb aus. Aus der Vielzahl der Entwürfe ging schließlich der Leipziger Baumschulen- und Gärtnereibesitzer Otto Moosdorf als Sieger hervor. Er verband den alten Baumbestand, Teile des Auwalds, geschickt mit Ideen für Wegebau, Landschaftsgestaltung und Teichanlagen. Das gesamte Gelände hatte eine Ausdehnung von 200000 Quadratmetern und wurde von dem Flüßchen Luppe, dem Kuhburger Wasser im Westen und der Frankfurter Straße (heute Jahnallee) begrenzt. In die Planung wurde auch der an der Frankfurter Straße gelegene Kuhturm - als »Vorderes Restaurant Palmengarten« - einbezogen. Doch zunächst mußten 80000 Kubikmeter Erdmassen bewegt werden, es wurde gepflanzt und gebaut. 

Die Eröffnung der Internationalen Jubiläumsgarten-bauausstellung fand am 25. August 1893 durch Oberbürgermeister Dr. Bruno Georgi statt. Er zeigte sich in seiner Festrede des Lobes voll: Ein wunderbarer Park mit Blumenrabatten, Wald und Flurstücken war entstanden, es gab einen künstlichen Wasserfall mit Felsengrotte. Das Wasser ergoß sich in einen immerhin 12000 Quadratmeter großen Teich, an dem sich ein Pavillon befand - der sogenannte Königspavillon (später wurden hier elektrische Anlagen untergebracht). Mit der im Anschluß an die Eröffnung des Parks drei Wochen lang stattfindenden Ausstellung sollten neue Erkenntnisse rund um Garten- und Landwirtschaft vermittelt werden, was auch überregional Beachtung fand. 

In seiner Festrede zur Eröffnung der Ausstellung hatte Georgi angeregt, das Gelände im Anschluß an die Gartenbauexposition weiter zu nutzen und zu einem großen Landschaftsgarten für jedermann zu entwickeln, der den Leipzigern beispielsweise die Palmen des Südens etwas näherbringen könne. Erneut wurde also ein Wettbewerb ausgeschrieben, und erneut wurde der Gärtnereibesitzer Moosdorf zum Sieger gekürt. Im Jahr 1896 rief Oberbürgermeister Georgi eine Interessengruppe ins Leben, die sich um die Realisierung des Projekts Landschaftsgarten kümmerte. Ihr gehörten der Kaufmann Robert Gruner, der Bankier Dr. Otto Robert, Dr. Bruno Georgi selbst, Otto Moosdorf und andere an. Es gab sechzig Unterzeichner auf dem Abschlußbericht. Einem Protokoll von 1896 zufolge erarbeitete diese Gruppe mit Leipziger Banken ein Finanzierungskonzept, das zur Gründung einer Aktiengesellschaft mit 450000 Mark Grundkapital führte. 25 Prozent dieser Summe hatten die Gesellschafter allein aufzubringen, weitere Mittel kamen von der Stadt. Das Vorhaben nannte sich nun Palmengartenprojekt. Zunächst wurde weiterer Grund und Boden der Lindenauer Flur - zwischen Elster und der Plagwitzer Straße (heute Käthe-Kollwitz-Straße) - erworben. Dieser Teil, der heutige Klingerhain, nannte sich früher Ritterwerder. Der größere vordere Teil bis zur Frankfurter Straße (heute gegenüber der Kleinmesse) und bis zu den Häusern von Lindenau hieß Ritterspürchen. Insgesamt ergab sich ein 225 000 Quadratmeter großes Areal, auf dem der Palmengarten mit seinen Gebäuden weiterentwickelt werden konnte. 

Für die Verwirklichung des Vorhabens sollte eine weitere Ausstellung eine wichtige Rolle spielen: die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897. Die im nahen König-Albert-Park, dem heutigen Clara-Zetkin-Park, verbauten Materialen wurden nach Ende der Ausstellung wiederverwendet. Man brauchte sie nur einige hundert Meter weiter zu transportieren und konnte sie erneut kostengünstig einsetzen. 

1898 entstand die architektonisch beeindruckende Konstruktion aus Stahl und Glas für das Palmenhaus, das der empfindlichen Vegetation einen repräsentativen und schützenden Rahmen gab. Die Eröffnung des Geländes wurde am 29. April 1899 feierlich begangen. Die Festrede hielt abermals Oberbürgermeister Georgi. Er konnte den Leipzigern und ihren Gästen ein hervorragendes Freizeitareal präsentieren und gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß der im englischen Stil angelegte Garten auch von künftigen Generationen gepflegt werde und immerwährender, fester Bestandteil Leipzigs sei. 

Im Laufe der Jahre wandelte sich das Aussehen des Geländes noch mehrmals. Beete wurden umgestaltet, Rosen- und Dahlienrabatten entstanden, zeitweilig wölbten sich sechzehn Laubenbögen über die Spazierwege, luden hundertvierundsiebzig -Bänke zum Verweilen ein. Auf dem großen Teich wurde gerudert. Der Bootsverleih, beleuchtete Wasserspiele, die Steingrotte mit künstlichem Wasserfall, diverse Pavillons und mehrere Brücken sorgten für ein abwechslungsreiches Bild. Lichterfeste wurden veranstaltet. Zwei Steinfiguren aus Apels Garten, Juno und Jupiter von Balthasar Permoser, die damals in Vorgärten der Otto-Schill-Straße überdauert hatten, wurden in den Palmengarten umgesetzt. Im heutigen Klingerhain ist auch jetzt noch der Sockel des unvollendeten Richard-Wagner-Denkmals von Max Klinger mit Szenen aus dem »Ring des Nibelungen« zu sehen. 

Es gab eine ganze Reihe von Restaurationen und Freisitzen, worunter natürlich das Hauptrestaurant »Palmengarten« mit seinen vier Ecktürmen das bekannteste war. Im großen Gesellschaftssaal wurden viele Festlichkeiten, Vereinsjubiläen, Bälle und Großveranstaltungen begangen. In den Türmen gab es separate Zimmer, die mit genutzt werden konnten. Nur durch eine Glasfront getrennt grenzte das Palmenhaus mit einer Ausdehnung von 1200 Quadratmetern direkt an den Festsaal. Die wunderbare tropische Pflanzenwelt unter dem Rundbogendach, unter dem drei Stockwerke Platz gehabt hätten, war so vom Restaurant aus zu sehen, was das ganz besondere Flair des Hauses ausmachte. Im Glashaus konnte man spazierengehen, ausruhen oder am kleinen Teich dem Wasserfall zusehen. 

Auf der Freifläche neben dem Gebäude stand ein großer Musikpavillon, wo beliebte Orchester, wie zum Beispiel die Kapelle Willy Wolf, das Tonkünstlerorchester Günther Coblenz, das Musikkorps des Königlich Sächsischen 8. Infanterie-Regiments Prinz Johann Georg unter der Leitung von Karl Giltzsch (das draußen spielen mußte, weil es im Festsaal keinen Platz fand) sowie klassische Orchester aufspielten. Auch für die Kinder wurde gesorgt: Es gab Märchenstunden mit historischer Verkleidung, Kinderspielplätze und Pony-Kutschfahrten. Als Betreuer fungierten »staatlich anerkannte« Kindergärtnerinnen, auch Sportlehrer wurden engagiert. 

Um 1930 begann eine wirtschaftlich schwere Zeit. Um Finanznöten zu begegnen, wurde 1936 die Mauer, die das Gelände umschloß, an der Plagwitzer Straße nach innen versetzt, der Garten also verkleinert, und ein neues Kassenhäuschen mußte her. (Es ist heute noch hinter der Vier-Jahreszeiten-Brücke zu sehen.) Damit auch sozial Schwächere den Park besuchen konnten, wurde an bestimmten Tagen der Eintrittspreis gesenkt beziehungsweise dienstags und freitags freier Eintritt gewährt. Einzig das Palmenhaus war zu allen Zeiten ausschließlich gegen Bezahlung zu besichtigen. Die Preise lagen um 1928 für Montag, Mittwoch und Freitag für Erwachsene bei 25 Pfennigen, für Kinder bei 15 Pfennigen. An je zwei Sonntagen im Monat mußten 50 beziehungsweise 25 Pfennige bezahlt werden. Oder man kaufte gleich Dinnerkarten für ein Essen im Restaurant, was den Besuch im Palmenhaus einschloß. 

Die Machthaber der dreißiger Jahre wollten das Gelände grundlegend umgestalten, um es ihren Intentionen dienstbar zu machen. Das Palmenhaus und die angrenzenden Gebäude sind 1939 gesprengt worden, um das Areal mit großen Ausstellungshallen zu bebauen: Vierhundertfünfzig Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg war eine großartige Jubiläumsschau geplant. Vorgesehen war außerdem ein Richard-Wagner-Nationaldenkmal, zu dem die Grundsteinlegung bereits am 6. März 1934 am Ostufer des Elsterbeckens stattgefunden hatte. Am Westufer entstanden im gleichen Jahr Freitreppe, Springbrunnen und Pergola. Die Kriegsvorbereitungen haben die weitere Umsetzung der Pläne verhindert. Das bereits gelieferte Denkmal für den Richard-Wagner-Hain ging an den Bildhauer Emil Hipp zurück.