Gerald Felber - BACHFEST 2000

Eine lückenhafte Rückschau

Gewissensentlastung: man konnte sowieso nicht überall sein. Nach der physikalischen Gesetzmäßigkeit, daß ein Körper zur selben Zeit nur an einem Ort weilen kann, mußte man sich Alternativen gefallen lassen, die außerhalb der Programmdichte dieser Bachtage gräßliche Gewissensprüfungen bedeutet hätten. Zum Beispiel: Joshua Rifkin in der Thomaskirche, Ton Koopman in St. Nikolai, jeweils mit ihren Stammensembles - gleiche Zeit, gleicher Ort, kein Kilometer Luftlinie dazwischen. Das war eine Art von Konkurrenz, die keine PR-süchtige Plattenfirma besser hinbekommen hätte und die in jeder anderen Konstellation sensationell gewesen wäre. Hier, bei diesem Leipziger Fest, kam sie fast nebenbei zustande - an einem Montag, wo sonst alles, was Kunst ist, kürzer tritt und durchatmet... 

Ich bin zu Koopman gegangen und hatte nichts zu bereuen: Nachdem der charismatische Holländer seine letzte Verbeugung absolviert hatte, sah man lauter glückliche Menschen aus der Kirche strömen. Dieser Kantatenabend zählt zu den raren Glückserlebnissen, die auch einem hartgesottenen Konzertroutinier noch Jahre später wieder als Klangbild vor Auge und Ohr treten können. Am Tag drauf gab’s in der Alten Börse die theoretische Debatte zur Aufführungspraxis dazu, aber dem Vernehmen nach hatten alle Kombattanten Kreide gefressen. So war der Erkenntnisgewinn wohl magerer als der allgemeine Zuwachs an christlicher Sanftmut; aber auch das muß ja nicht gegen Bachs Geist sein, der im praktischen Thomaskantoren-Leben gelegentlich wohl gern weicher gewesen wäre, als er sein durfte. 

Zurück zum Programm: Wer Kondition mitbrachte, konnte trotz der Paralleltermine täglich fünf oder sechs Konzerte hören, beginnend mit der Frühmette, endend mit den Crossover-Rausschmeißern in der Moritzbastei. An jenem Tag, an dem 250 Jahre zuvor der Meister dem irdischen Treiben Valet gesagt hatte, gab es vollends kein Halten mehr: Früh um sieben hub das Tönen mit einer Art Orgelfrühstück an und endete erst nach Mitternacht mit »Swinging Bach« auf dem Markt. Geburtstagsparty zum Todestag - man konnte das durchaus etwas daneben finden, aber unsere medial geprägte Zeit hat halt ihr eigenes Brauchtum entwickelt, und schließlich: er lebt ja wirklich. Daß er nun, zehn Generationen später, selbst die Leipziger gekriegt hat, die so richtig »seine« nie waren (was eine Ausstellung im Alten Rathaus aphoristisch-witzig reflektierte), beweist es. 

In der ersten Halbzeit war schon zu sehen, daß die reichliche Woche eine Wandlung in die Stadt gebracht hat, die während der letzten Juli-Dekade voll zum Tragen kam, nachdem sie sich beim vorangegangenen Bach-Wettbewerb schon zart andeutete. Kurz gesagt: man gewann den Eindruck, als hätte Leipzig, bis dato eher weniger bekümmert um seinen Alt-Thomaskantor - und in solchen Punkten entschieden anders als das konkurrierende Dresden mit seiner rührend-bornierten Traditionseitelkeit - ihn plötzlich für sich (wieder-) entdeckt und unter seinem Signum mit den Scharen der weither Zugereisten eine Art ökumenischer Bewegung ausgerufen. 

Dabei spielte die Statistik mit ihren fast neunzig Konzerten gar nicht die entscheidende Rolle, ebensowenig Glanz und Gloria der restaurierten Thomaskirche mit ihrer klanggewaltigen neuen Orgel. Das alles war zwar wichtig, weil der alte Bach nun offenbar auch als Wirtschaftsfaktor entdeckt worden ist und verschiedene Unternehmen sich gar nicht darin einholen konnten, da und dort zum Ruhme Johann Sebastians wie zum eigenen noch eine Million Sponsorengelder mehr in die Pleiße-Auen auszusäen. Viel auffälliger war, daß Leipzig, neben Jena die intellektuell avancierteste Kommune im deutschen Osten, in diesen Tagen nicht mehr nur brummte und »kam« - wie der selbstbewußte Slogan lautete -, sondern vor allem wirklich klang: auf Straßen, Plätzen und gar an Orten wie der Hauptbahnhofs-Osthalle, wo vordem mit Sicherheit noch niemals länger als zwei Minuten verweilt wurde, um Musik zu hören, geschweige denn Ignaz Franz Biber und Bach. 

Nun ist ja gerade diese Halle eigentlich eine akustische Monstrosität, und ich habe die dort Mitwirkenden wirklich nicht beneidet. Aber das spielte im gegebenen Kontext keine entscheidende Rolle, weil CD-Perfektion hier ohnehin nicht gemeint war. Denn es ist das eine, eine Art musikalisches Elitetreffen zu veranstalten, und etwas ganz anderes, dessen Ausstrahlung in den Stadtraum zu bringen. Beides hat keinen zwangsläufigen Zusammenhang, aber in Leipzig funktionierte es, und es wurden damit viele Skeptiker - ich gehörte auch dazu - widerlegt. An einem der Tage wandelte stundenlang und nimmermüde ein Dudelsackspieler durchs Zentrum; der hatte nun mit Bach ganz und gar nichts zu tun, sondern streifte als klingendes Werbemännchen für eine neu eröffnete »Mäc-Geiz«-Filiale übers Geläuf. Das Komische war nur, daß er inmitten des ganzen anderen Klingens zwar exotisch, aber keineswegs unzugehörig wirkte - das Bachfest zeigte seine kommunikativen Qualitäten nicht zuletzt in solchen integrativen Effekten. 

Leipzig hatte sich während dieser Tage kulturell (noch) mehr als sonst geöffnet - und seine Gäste (die auswärtigen Interpreten genauso wie die in ihren markanten Gruppenbildungen unübersehbaren Kulturtouristen in Sachen Bach) haben das gern angenommen und Eigenes zurückgegeben an Enthusiasmus und Neugier. Es hat wohl beide Seiten gebraucht, denn die Leipziger mit sich allein - nun ja - die brachten es schon auch fertig, über die englischen Sonderseiten in der Leipziger Volkszeitung zu maulen, für die nun ihr Abo-Geld verschwendet würde. Aber wer durch die Innenstadt ging, der konnte an den Wasserspielen und auf Kneipentischen immer wieder einmal just diese Seiten aufgeschlagen und eifrig studiert sehen von Leuten, die wegen Bach gekommen waren, weil er für sie Weltkultur-Exponent und nicht in erster Linie Deutschsprachler war - und die sich nun durchaus öffneten für Leipzig, Sachsen, Deutschland, weil sie das Gefühl haben durften, daß man ihnen entgegenkam und sie als Gäste ernst nahm. 

Soweit Atmosphärisches: wohltuend mit leisen Gegenströmungen. Was aber die hohe Kunst selbst betraf, jene Stunden in den Kirchen und der Alten Börse, im Gewandhaus oder in der Nikolaischule, so gab es genügend Erlebnisse, die gerade in ihren Kontrasten das Beste erfüllten, was man von Begegnungen zwischen Musikern und Hörern verlangen kann: beide ergriffen, beide überwältigt von dem Medium, das sie für einige Zeit emotional kurzgeschlossen hatte. Es mußte ja gar nicht immer Bachs Musik sein: Thomas Zehetmair, der diese mit Isang Yun und Bernd Alois Zimmermann kontrapunktierte, brachte gerade jüngere Stücke mit einer wütenden Intensität, als lege er es darauf an, sich um Kopf und Kragen zu spielen. Nur wenig später süß-zartes Getön von inniger Wohligkeit: »Bach und die Blockflöte«, präsentiert von der Cambridge Musick. Solche Kontraste auf engstem Raum »erhören« zu können zählte zu den großen Reizen des Fests. 

Keine weiteren Einzelposten... Wer dabeiwar, weiß, was er in diesen Tagen hatte oder wenigstens hätte haben können. Daß die internationale Prominenz kräftig, aber nicht lückenlos vertreten war, weiß man auch; Nikolaus Harnoncourt hätte gut dazu gepaßt, John Eliot Gardiners profilneurotische Vergnatzung bleibt bedauerlich, man könnte weitere nennen. Aber letztlich waren das eher Verluste auf dem Papier - wer Bescheid wissen wollte, wie sich etwa aktuelle Interpretationstendenzen der Bachschen Kantaten entwickeln, konnte allein in den ersten Tagen zwischen Suzuki, Max, Beringer, Rifkin und Koopman wählen; noch mehr wäre da nicht wirklich mehr gewesen. 

Wenn jetzt in dieser Reihe der aktuelle Thomaskantor fehlte, dann nicht, weil er nicht dorthin gehören würde, sondern weil hier eigentlich ein wieder neues Kapitel beginnen müßte, genausowenig auszuschöpfen wie alles Bisherige: das des ganz praktischen, hörenden, Kenntnis nehmenden Austauschs vor Ort. Georg Christoph Biller verlangte seinen Jungen mit mehreren Kantatenauftritten und der h-Moll-Messe ein enormes Pensum ab, das gleichzeitig zum Nachweis dienen konnte, wie weit der aktuelle Bach-Amtsnachfolger in seinen Bestrebungen gediehen ist, einigen Staub der letzten Jahrzehnte aus dem Knabenchorwesen zu pusten. Die Ergebnisse waren durchaus unterschiedlich, noch nicht immer rund, aber in der Perspektive doch ermutigend - besonders da, wo er sich (wie im Falle der Berliner Akademie für Alte Musik) mit Musikern verband, die Intensität über allzu glatte Perfektion stellten und damit zu ausgezeichneten Partnern für die Thomaner wurden. Auch andere »Einheimische« konnten nachweisen, daß es mittlerweile eine gesunde und fruchtbringende Wechselwirkung zwischen gut abgelagerten regionalen Traditionen und weltweiten Entwicklungen gibt; pars pro toto sei da die Aufführung von Carl Heinrich Grauns »Tod Jesu« durch die MDR-Klangkörper unter Howard Arman genannt. 

Graun war natürlich, programmplanerisch gesehen, nur »Assistenz«. Trotzdem gab es gerade in diesen Randbereichen Entdeckungen, wie jene beiden Werke des Bach-Rivalen Johann Adolf Scheibe, für die sich das Concerto Vocale und das Sächsische Barockorchester engagierten. Freilich waren es genau solche Konzerte, zu denen man sich, über das instruktive Programmbuch hinaus, Einzelkommentare gewünscht hätte. Das hätte eigentlich die Neue Bachgesellschaft als Ausrichter im Griff haben können ...

Aber vollkommen ist nichts, und man wird ja schon mit dem Meister selbst nie fertig, nicht einmal quantitativ: Trotz der enormen Veranstaltungsdichte war zum Schluß gerade ein Fünftel seines überlieferten Werkbestands erklungen. Das Motto »Bach - Ende und Anfang« kann man auch so deuten, daß es bei ihm kein Ende gibt, das nicht schon wieder neue Anfänge provoziert. Warten wir das nächste Jahr ab.