Jürgen B. Wolff - Ihr mit euern Nachttöppen

Der Sanitärwarenhandel Gummi-Klose wird hundert

Das hätte Frau Schäfer sich nicht träumen lassen, daß just, als die Mangelkultur der DDR in den Geschichtsbüchern verschwindet, auch das Ende der altehrwürdigen Firma Gummi-Klose naht. Dabei läßt sich die Kehrtwende zunächst gut an: Pralle Füllhörner leeren sich 1990 über die ausgedünnten Regale. Der beherzten Geschäftsfrau geht die Seele auf. Was sie ihrer Kundschaft, mit der sie jahrelang Hand in Hand durch die Engpässe gestolpert war, nun alles bieten kann! Der Laden will es gar nicht fassen. 

Aber all die hilfreichen Artikel entpuppen sich dann doch nur als Ware und Frau Schäfers Träume vom hilfreichen Beistehen als unvereinbar mit den Regeln des Verdrängungswettbewerbs. Bei geforderten Quadratmetermieten von zweihundert Mark muß Gummi-Klose 1992 die Hände heben. So viel wirft Sanitärbedarf nicht ab. 

Dabei war man, um all die schönen Dinge anbieten zu können, gleich 1990 aus der viel zu engen Reichsstraße - zwischen Samen-Koch, Waffen-Moritz und Juwelier Gramm - in die Kupfergasse gezogen. Der vormalige Genex-Laden wurde großzügig und behindertenfreundlich umgebaut. Mit eigenen Mitteln. Dafür versprach das Messeamt jovial, vom Wendewind umsäuselt: »Hier könnt ihr hundert Jahre bleiben.« 

Es wird ein kurzes Glück. Für Kloses wie für die Leipziger. Der Stadt droht eine neue Messe, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Die alten Messe-häuser werden verramscht, der Boutiquenflut die Schleusen geöffnet. Und zwischen den Laufstegen der Eitelkeiten erweist sich Gummi-Klose als Schandfleck und Fehlbesetzung. Was neunzig Jahre lang niemanden störte - ein Flaneur heutigen Schlags empfindet es als seelische Grausamkeit, sich in einem Schaufenster zu spiegeln, hinter dem Schieber und Enten drapiert sind. »Euch mit euern Nachttöppen wolln wir hier nicht«, sagen die neuen Hausbesitzer. Für die alteingesessene Firma das Aus. Achsel-zucken bei den Ämtern. Sind ja nur Ossis... 

Viola Schäfer gibt dennoch nicht auf. Mit fast irrationalem Trotz geht Gummi-Klose nach Wahren ins Exil. Im eigenen Haus wird das Erdgeschoß freigeräumt, wenigstens die Stammkundschaft weiter bedient. Allein dafür wäre ein Orden fällig. 

So feiert denn die ehrwürdige Firma im Jahr der drei Nullen doch noch das runde Geschäftsjubiläum. Und ist damit eine der ältesten Leipzigs, in ihrer Branche gar die älteste Deutschlands. Den noch immer hervorragenden Ruf verdankt Gummi-Klose dem bemerkenswerten Berufsethos des Gründers, dem sich auch die Enkelin verpflichtet fühlt. Carl Klose betrieb Straßenhandel mit Hygieneartikeln, bevor er sich auf der Hainstraße postierte und - so die Legende - Statistik darüber führte, wie -viele Passanten auf der Straßenseite mit den geraden und wie viele auf der mit den ungeraden Hausnummern vorbeikamen. Da letztere gewann, eröffnete er hier im April 1900 sein Fachgeschäft für Gummiwaren und Sanitätsartikel: Hainstraße 17-19. -Erste Adresse in der Messestadt. Finanziert mit städtischer Hilfe und ganz nach seinen Vorstellungen - was unter anderem bedeutete, daß es geschlechtergetrennte Verkaufsräume gab. Damen konnten sogar, um kompromittierende Auftritte zu vermeiden, unbemerkt durch einen Seiteneingang schlüpfen, dort, wo es heute zum Passagekino geht. Diskretion war Gebot. Angesichts der für -Freizügigkeit ausgegebenen Hemmungslosigkeit unserer Tage mag das lächerlich erscheinen. Aber damals war der Umgang mit Verhütungsmitteln schon händler-seits mutig, vom Benutzer gar nicht zu reden. 

Freilich, was im großen eine Revolution, war im kleinen beinahe banal. Die Kinder saßen sonntags um den Tisch, rollten die Gummis zusammen und verpackten sie in Tütchen. »Das machte uns gar nichts aus«, erzählt Stella Klose, die Tochter des Gründers, »es war, als wenn Sie eine Scheibe Brot essen.« Der geschäftstüchtige Klose kaufte die Überstülper en gros und bot sie als »Klose’s -Garantie« an. Extrem widerstandsfähig. Erhältlich in »elfenbein« und »transparent«. Der Name des Pioniers in Hygienesachen wurde zum Markenbegriff und erfindungsreich variiert. Ein -Spülmittel für Damen etwa hieß »Kloseform«, als Pulver zum Auflösen »Kloserol«. Das zugehörige Klistier war die »Klosana-Dusche«. 

Eine eigene Schutzmarke wurde entwickelt, die bis heute alle Geschäftspost ziert: ein Storch, der ein sauber gewickeltes Kleines anliefert. Worst case, wenn es mit den versprochenen Sicherheitshilfen schiefging. Weniger ein Spaß als ein Verweis auf die Breite des Sortiments, in dem »Fromms« nur unter »ferner liefen« rangierten. Von Watte, Binden, Salben reichte es bis zu Gummistrümpfen, Bidets, Rollstühlen und Prothesen. Denn Leid und Hoffnung gingen hier ein und aus. In den Dreißigern war der umtriebige Händler die Nummer eins in Deutschland. Das Geschäft florierte. Die Preise waren trotzdem human und »völlig der heutigen schlechten Zeit angepaßt«. Postversand - diskret und prompt - war das zweite Standbein der Firma. 

Das ändert sich auch nicht in den Aufbaujahren nach 1945. Man bietet »Nachnahmeversand in alle Orte der DDR«. Kloses Trumpf: die vortrefflichen Geschäftsbeziehungen aus der Vorkriegszeit. Über sechzig Zulieferer kann er vorweisen. Wo andere kapitulieren, kann er oft noch helfen. Auch als es immer enger wird - in den Regalen und in den politgeschulten Schädeln. 

1968 wird die Hainstraße »sozialistische Straße«. Besteht zwar noch zur Hälfte aus Ruinen, das ist aber den Genossen schnurz. Hauptsache alles volkseigen. Kloses Räume werden Broilerbar - Highlight proletischer Fastfoodkultur. Dafür kriegt Klose einen Ladenschlauch in der Reichsstraße zugewiesen. Der Pleitegeier kreise doch eh schon über dem Storch, scherzen die Verantwortlichen. Stella Klose, die das Geschäft seit dem Tod ihres Vater führt, verliert die Lust. 

Aus der Hoffnung der Genossen wird dennoch nichts. Stellas Tochter Viola übernimmt den Laden. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, nun besucht sie die sozialistische Verkaufsstellenleiterschule. Denn: Gewerbeschein nur mit Abschluß. In ihrem Fall obendrein mit der Auflage, umzuziehen. Nach achtundsechzig Jahren! 

Viola Schäfer nimmt die Repressalien gelassen, begegnet ihnen mit Rührigkeit und Fleiß. 1971, als die letzten Privaten verstaatlicht werden, bleibt Gummi-Klose verschont. Aus »gesundheitspoliti-schen« Erwägungen. Wo will die Ärzteschaft Bedürftige sonst hinschicken? Daß es bei Verstaatlichung mit dem Service ein Ende hätte, das weiß - seufz - selbst ein Funktionär. In den Folgejahren wird der Laden gar mit Ehrungen überschüttet: »Vorbildliche Versorgung im Dienst der SVK...« Service und Angebot bei Klose nehmen märchenhafte Formen an. Fast westmäßig erscheint dem Kunden die Sortimentvielfalt, ihm, dem doch ansonsten Kargheit als Tugend verkauft wird. Viola Schäfer führt das Geschäft heute noch. Und noch immer ist ihr kaltschnäuziges Kalkül fremd und das Vertrauen ihrer Kunden am wichtigsten. Um deren Wünschen nachzukommen, entwickelt sie eine unglaubliche Energie. Dabei ist das Überwasserhalten schon Kunst genug. 1997 hat der Laden sein fünftes Domizil bezogen: Georg-Schumann-Straße, kurz vorm Straßenbahnhof Möckern - wieder auf der linken Seite. Aber alle naselang lauert Konkurrenz. Die früheren orthopädischen Werkstätten haben sich inzwischen auf Handel verlegt. Die Umsatzeinbrüche sind gewaltig. Dazu kommen Dutzende Filialen großer Westketten, die mit Fließbandservice ködern und den Osten spinnennetzartig überziehen. Gar nicht zu reden von den monatlichen Betriebskosten: Miete, Strom, Löhne. Ihr Mann habe davon graue Haare bekommen, behauptet Frau Schäfer. Er hat sich als Rentner in die Computerarbeit gekniet und erledigt die gesamte Buch-haltung. Ohne ihn wäre es nicht zu schaffen. »Sie glauben ja nicht, wie schnell so ein Monat um ist!« Eigentlich müßte sie zumachen. Schon, weil ihr Selbstverständnis für diesen Beruf längst nicht mehr in die Zeit paßt. Wer anderen hilft, ist selbst schuld - das mag sie, schon aus Widerborstigkeit, nicht gelten lassen. »Man braucht die Vision und die Idee - ansonsten kann man es gleich lassen.« 

Woher sie ihren Optimismus nimmt? »Die zufriedenen Kunden entschädigen einen für alles. Wenn die hereinkommen und sagen ›ach, Sie sind selber da, Frau Schäfer, das ist aber schön‹, das bestärkt einen sehr. Und man muß eine gute Ehe führen, sonst wachsen einem die Probleme über den Kopf. Die fortwährend neuen Kassenverordnungen etwa, die einem immer wieder Stöcke zwischen die -Beine schmeißen.« 

Drei Lehrlinge bildet Viola Schäfer aus. »Ich kümmere mich um das junge Volk, da bleibt man selber jung«, lächelt sie verschmitzt. Ihr Fachpersonal will sie selber heranziehen. »Das, was ich mache, sollen sie auch machen. Sie sollen lieb sein und sollen die armen Leute, die hierher kommen, auch mal drücken können. Das muß man einfach. In diesen Beruf muß man hineingeboren sein. Wir bauen die Leute, die eine leidvolle Zeit hinter sich haben, wieder auf, nach Brustkrebs- oder anderen schweren Operationen...« 

Den meisten Leuten ist es zu weit, obwohl das Angebot üppig ist. »Die denken: Verhüterli und Krankenpflege«, erzählt Frau Schäfer, »aber bei uns bekommen Sie auch ganz ausgefallene Sachen, nicht nur 08/15. Ich habe französische Rückenbandagen und amerikanische Nachthemden. Wunderschöne Gummistrümpfe aus der Schweiz, extravagante Brautunterwäsche - gibt es sonst nirgends, aber es weiß kaum einer. Und bis sich sowas heute rumspricht... Auch viele Sachen, die es früher gar nicht gab: Zuckermeßgeräte, Blutdruckmesser, Schlupfsäcke für den Rollstuhl. Was ganz Besonderes sind die neuen Schlafkissen bei Rückenverspannungen - und wer hat die nicht, bei dem Streß heuzutage...« 

Sechzig Prozent der Kunden sind Stammkunden. Und ohne die Rezepte käme der Laden nicht über die Runden. Der Service ist noch immer vorbildlich, Hausbesuche sind selbstverständlich. Selbst freies Parken in der Tiefgarage ist möglich. Einzig der Postversand, der bis in die letzten DDR-Jahre eine wesentliche Einnahmequelle darstellte, lohnt sich nicht mehr. Zu teuer. Und wird von Frau Uhse bereits flächendeckend beherrscht. Ansonsten gilt, was schon dazumal ein geflügeltes Wort war: Hast du Probleme in Hemd oder Hose, dann hilft dir GUMMI-KLOSE.