Hansdieter Hoyer - Haus mit Hüter

Hainstraße 8

Der Spaziergang durch die Leipziger Hainstraße wird wieder zum Vergnügen, auch wenn eines der größten Gebäude, das ehemalige Hôtel de Pologne und spätere Messeamt, noch auf seinen Jungbrunnen wartet. Zwischen Markt und Brühl verläuft eine Straße mit einer für Leipzig charakteristischen »Biographie«: Die Hainstraße erzählt Messegeschichte. An ihrem Eingang steht mit Barthels Hof der letzte der einst so leipzigtypischen Durchgangshöfe aus der Zeit der Warenmesse. 

Die Hainstraße ist eine erste Geschäftsadresse, wenn das auch damals mehr galt als heute. Sie besitzt an der Ostseite eine der wenigen geschlossenen Häuserzeilen im Altstadtkern. Ihre Fassaden aus verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Stilformen erscheinen dennoch ziemlich einheitlich. Dazu tragen zum Beispiel die vier Erker an vier nebeneinanderstehenden Häusern bei. Die Hainstraße war Quartiergeber und Arbeitsort für große Geister und Denker: für den Buchdrucker Melchior Lotter, für Luther und Melanchthon, für Schiller und Fontane, für Radischtschew, den russi-schen Schriftsteller und Revolutionär. Er war in der Nummer 8 untergekommen. Aber da war der stattliche Bau schon längst kein neues Haus mehr ... 

Die nachweisbare Geschichte beginnt in der Mitte des 16. Jahrhunderts. In der »Anderschen Hauschronik« erscheint der aus Nürnberg gekommene Anton Lotter im Jahre 1542 als Käufer. 850 Taler mußte er ausgeben. Der Renaissancebau wird ein neues Haus gewesen sein, ist aber offensichtlich bald nach dem Erwerb dennoch umgebaut -worden. Dafür spricht der fast um das Vierfache gestiegene Preis beim erneuten Verkauf nach nur wenigen Jahren. Anton oder Antonius ist der jüngere Bruder des Hieronymus, kurfürstlicher Baumeister und Bürgermeister von Leipzig, dessen bekanntester Bau das Alte Rathaus ist. Die Hainstraße 8 wird ihm zugeschrieben, einen Beweis gibt es aber nicht. 1703 erhielt das Haus seine heutige Zierde: den prächtigen Kastenerker, der zunächst über zwei Etagen reichte. Acht Jahre später ist er aufgestockt worden. So ist der Erker heute noch zu sehen, und nichts anderes streitet mit ihm vor unseren -Augen. Verschiedene Handwerker - Maurer, Stukkateure, Zimmerer - werden daran gearbeitet haben, doch gilt der Bildhauer Johann Jacob Löbelt als der -eigentliche Schöpfer. Nach Lotter hatte das Haus viele Hüter. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging man hier zum Bäcker. Älteren Leipzigern wird die Bäckerei Goldschmidt noch ein Begriff sein, die hier sächsischen Kuchen verkaufte. Aber das fällt schon in eine Zeit, da auch die Hainstraße 8 nach jahrzehntelanger Vernachlässigung in einen bedenklichen Zustand geriet. Hinterhaus und südlicher Seitentrakt büßten Dächer und die oberen Etagen ein, als das Nachbargebäude 1984 einstürzte. Wie vieles ringsum bot auch die Nummer acht einen traurigen Anblick. Das Haus hatte schon jahrelang keinen Hüter mehr. 

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre kann die Geschichte des Hainstraßenhauses dann weitergeschrieben werden. Der neue Eigentümer ist die Firma Lang Projektentwicklung GmbH. Die Dokumentation als Teil der aufwendigen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten, die zur Jahreswende abgeschlossen wurden, füllt vier dicke Aktenordner. Wohl gibt es hier und dort ältere Details an und in Wohngebäuden (zum Beispiel den Treppenturm in der Burgstraße), aber in der Hainstraße stehen wir vor dem ältesten weitgehend erhaltenen Wohnhaus in Leipzig und damit vor einem wertvollen Denkmal seiner Zeit. Der Erker ist dabei architektonisch und baukünstlerisch von besonderer Qualität: reich verziert mit Bändern und Girlanden, Löwenkopf und der Darstellung eines Hundes, mal Stuck, mal Holz. Unter dem grauen Anstrich sind die verschiedenen Materialien kaum mehr zu unterscheiden. Restauriert sind auch die hier seltenen marmorierten Porphyrgewände der Fenster. Neu ist der dünne Außenputz - 

mit Auszügen von Kuhdung und Schweineborsten nach alten Rezepturen. Durch das große Portal mit Rundbogen, einst die Einfahrt, betritt der Besucher das Haus. Das Schaufenster daneben besitzt ebenfalls einen -Rundbogen. Das Erdgeschoß ist teilweise mit einem Kreuzgewölbe überspannt. Der enge Innenhof wird jetzt von einem Glasdach überdeckt. Denkmalpfleger Alberto Schwarz hätte gern den direkten Blick auf den Hof und die rückwärtige Fassade bewahrt, aber dann wäre die Fläche für den künftigen Laden kleiner geworden. Er nennt das einen der Kompromisse, die Bauherr und Denkmalpfleger gefunden haben. 

Der Weg führt ins erste Obergeschoß, einst die Beletage. Das Erkerzimmer schmückt eine -barocke Stuckdecke von 1720. Darunter - und das war nur während der Restaurierungsarbeiten sichtbar - liegt eine bemalte Holzbalkendecke aus dem 16. Jahrhundert. »Optisch ist sie die schönste«, sagt Alberto Schwarz, »wir haben lange überlegt und uns dann entschlossen, den gewachsenen Zustand des Gebäudes sichtbar zu machen.« So fiel die Entscheidung für eine in Leipzig außerdem sehr seltene frühbarocke Decke. Die bemalten Bretter sind wieder - allerdings wohlkonserviert - unterm Stuck verschwunden. Eine restaurierte Holzbalkendecke mit bemalten Brettern ist zwei Treppen höher dennoch zu sehen. Die Restauratoren haben als »Fällungsdatum« der Bäume das Jahr 1474 ausgemacht. Sie schließen auf eine »Zweitverwertung«, das heißt, die Balken entstammen entweder einem Vorgängerbau, oder sie sind ein »eventueller Marktkauf«. Im Laufe der Zeit ist die Decke mehrfach überstrichen worden. Die Bretter mit floralen, leicht abstrakten Motiven in dunklen, meist braunen und auch grünen Tönen, waren zu großen Teilen erhalten und mußten nur geringfügig ergänzt werden. Zu danken ist diese Feinarbeit dem Kollegium der Restaurato-ren Berlin. Aber letztlich konnten die Fachleute nur arbeiten, weil der Bauherr Peter Lang diesen Mehraufwand - trotz der Fördermittel vom Land und der Hilfe durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Höhe von insgesamt 930 000 Mark - akzeptierte und die baukünstlerischen Werte erkannte. Dazu gehört auch, daß die gefährdete Rückwand des Vorderhauses nicht abgetragen werden mußte, sondern nach einer neuen Technologie vernadelt und verpreßt wurde, um von der originalen Substanz möglichst viel zu erhalten. Alberto Schwarz spricht von einem Bauherrn, der sich auch als Mäzen versteht. Ein solcher Aufwand - vor allem durch die Arbeit der Restauratoren - sei bei einem Bürgerhaus in Leipzig noch nicht betrieben worden. 

Die Hainstraße 8 am Anfang des Jahres 2000: Ein neuer Hüter hat bewahrt, was schon verloren schien. Unter den barocken und bemalten Decken werden Schreibtische und Computer stehen. Im Dachgeschoß ist eine Maisonettewohnung entstanden. 

Manchmal bedeutet Sanierung eines Denkmals: es ist nicht viel geblieben vom Originalen. Manchmal aber fördert Sanierung Altes zutage. Oder anders gesagt: »Durch Weisheit wird ein Haus gebaut, mit Verstand wird es erhalten.« König Salomon werden diese Worte zugeschrieben; sie sind noch immer wahr.